Scharfer Wind von ganz rechts

Wie man Graue Wölfe an den Hof bringt

In einem aktuellen Artikel in der Zeit wird ein Zusammentreffen von Kanzlerin Merkel beim NATO-Gipfel in Brüssel thematisiert. Als Teil der türkischen Delegation war Cemal Çetin angekündigt, der Europa-Vorsitzende der Partei MHP:

Çetin war als frisch gewählter türkischer Parlamentsabgeordneter der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Mitglied von Recep Tayyip Erdoğans Delegation in Brüssel. Dass der Abgeordnete der Mutterpartei der Grauen Wölfe mit Erdoğan reist, wurde vorab in türkischen Medien verbreitet. Das Kanzleramt konnte also wissen, wen die Kanzlerin erwartet.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-07/extremismus-graue-woelfe-angela-merkel-tuerkei-treffen

Zur MHP:

https://de.wikipedia.org/wiki/Milliyet%C3%A7i_Hareket_Partisi

Anhänger der MHP finden sich in den Organisationen aus dem hiesigen Graue Wölfe Spektrum. Bei der wichtigsten, der Türk Federasyon, AdüTDF oder kurz ATF macht man ganz offen Werbung für Cetin.

Dieses Zusammentreffen wird denn auch weidlich für die bewegungsinterne Propaganda genutzt. Hier das Foto von der Facebook-Seite der ATF:

 

Dass man sich bei Delegationen manchmal nicht vor solchen Treffen, solchen „Provokationen“ (Nouripour im obigen Artikel) schützen kann, mag sein. Aber man kann verhindern, dass solche Fotos gemacht werden, die dann benutzt werden. Insofern ist das auch ein Versagen oder eine Schludrigkeit des Kanzleramts. Solche Bilder sind nicht harmlos. Sie spiegeln in die Community etwas völlig Falsches.

Aus dem Artikel:

Insider befürchten, dass der ständige Druck der türkischen Regierung auf deutsche Politiker sukzessive Wirkung entfalten wird. „Wir haben die Grauen Wölfe im Blick. Es ist allerdings zu befürchten, dass unter dem politischen Druck der türkischen Seite auf die deutschen Behörden der Beobachtungsstatus aufgeweicht wird“, sagt ein Mitarbeiter einer deutschen Sicherheitsbehörde, der anonym bleiben möchte.

Zwar beachten die rund 170 Vereine der Türk Federasyon in Deutschland das Legalitätsprinzip und rufen nicht zur gewaltsamen Umsetzung ihrer politischen Ziele auf. Doch ihre rechtsextreme Überlegenheitsideologie bleibt ein Problem für die innere Sicherheit und die Integration. Insbesondere durch ihre gut funktionierende Jugendarbeit schwören sie junge Türkischstämmige auf eine Überhöhung des „Türkentums“ ein. Damit einher geht die Abwertung anderer ethnischer Gruppen wie Kurden, Armenier oder Juden.

Diese Befürchtung ist nicht unbegründet, denn so mancher in politischer Verantwortung fürchtet die Diskussion mit dem Verhandlungspartner mehr als die Debatte mit dem Souverän und stellt bei Auswahl die momentane Bequemlichkeit über den langfristigen Schaden. Schließlich werden den dann andere zu tragen haben, die dann in Verantwortung sein werden. Oder man spekuliert darauf, dass es schon keiner merkt.

Insofern dürfen solche Sachen nicht unwidersprochen bleiben. es muss unbequem(er) sein, Grauen Wölfen die Hand zu reichen. Es muss öffentlich angemahnt werden, weil Graue Wölfe und ihre Anhängerschaft sonst den Eindruck gewinnen, man müßte hierzulande die Behörden nicht ernst nehmen, wenn man nur die richtigen Hände geschüttelt hat. DAS ist der Schaden solcher Bilder.

Denn die Anhängerschaft ist nicht klein. Im Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz heißt es im letzten Bericht auf S. 237:

Sie ist die Auslandsvertretung der extrem nationalistischen türkischen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP)90, welche Oppositionspartei und die derzeit kleinste Fraktion des türkischen Parlaments ist. In rund 170 lokalen Vereinen sind etwa 7.000 Mitglieder als Träger und Multiplikatoren der Ideologie organisiert. Nach außen bemüht sich die ADÜTDF um ein gesetzeskonformes Verhalten, ihre Aktivitäten sind jedoch weiterhin extremistisch geprägt.

https://www.verfassungsschutz.de/embed/vsbericht-2016.pdf

Das ist konservativ geschätzt und umfasst nur die ATF selber. Zusammen mit ATIB und ADIB, also den anderen Dachverbänden des Spektrums stehen ganz andere Zahlen im Raum.

Quelle: fb-Seite ATF https://www.facebook.com/ALMANYATURKFEDERASYON/ , Abruf 21.07.2018

Auf Seiten wie „Osmanische Generation“ finden sich dann zehntausende, vornehmlich junge Türkischstämmige, die das neue Osmanische Reich beschwören:

Quelle: fb-Seite „Osmanische Generation“ https://www.facebook.com/osmanischegeneration/ , Abruf 21.07.2018

Wie weit der Nationalismus inkl. Wolfsmythos getrieben wird, zeigt z.B. dieses Bild von einem Siegener ATF-Jugendverband:

 

Die Welle des Nationalismus wird vielerorts noch als harmlose kulturelle Rückbesinnung verkauft – und gekauft. Dabei ist bei nicht wenigen, seien sie nun bei der DITIB, der ATIB, Milli Görüs oder dem Spektrum der Grauen Wölfe aktiv, längst die Wiedervereinigung in den Köpfen. Zumindest, wenn es um die Positionierung zur Mehrheitsgesellschaft geht. Über das in der Erziehung nicht seltene othering geht ja in der Diaspora was: Der „äußere Feind“, den Nationalisten gerne imaginieren, sitzt hier sozusagen nebenan.

Und so werden dann Videos wie dieses hundertausendfach angesehen:

Aus dem Video von 2016, zumindest für die Türkei steht der Zeitplan schon. Man betet dafür bei dieser großen Jugendveranstaltung, dass:

„bis 2023 weitere tausende Recep Tayyib Eradogans heranwachsen werden“

„bis 2053 weitere Fatih Sultan Mehmets heranwachsen werden“

„bis 2071 weitere hunderttausende Alparslans heranwachsen werden“

„… und die Enkel der Osmanen die Türkei neu revolutionieren werden, um erneut Ordnung und Frieden in die Welt zu setzen“

https://vunv1863.wordpress.com/2016/08/08/von-der-osmanischen-generation-zur-generation-islam/

Damit kann Sultan Alparslan gemeint sein, der 1071 eine wichtige Schlacht gewann. Auch der Begründer der MHP hat diesen Vornamen; vielleicht sind in gewisser Weise beide gemeint:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alparslan_T%C3%BCrke%C5%9F

Schon Ende 2017 konstatiert auch die bpb:

Graue Wölfe – die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland

http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/260333/graue-woelfe-die-groesste-rechtsextreme-organisation-in-deutschland

Man könnte also meinen, da liefe das Projekt „braun statt bunt“.
Denn bei aller internationalen Gesprächsführung: Die Delegation reist wieder ab, Frau Merkel hat das Treffen mit Cetin schnell vergessen beim vollen Terminkalender. Die Grauen Wölfe aber sind da und bleiben da. Es ist ja noch hin bis 2071.

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