Hamburg: Verteilte Rollen

Über die Hamburger Al Nour Moschee

Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass in Hamburg eine Kirche in eine Moschee umgewandelt werden solle, schlugen die Wellen hoch. Nun könnte man das alleine noch für unbedenklich halten, das ist abhängig von der Strömung, der die geplante Einrichtung zuzuordnen ist. Der Verein, der hinter den nunmehr fast abgeschlossenen Bauplänen steht, ist ein Verein, dessen Satzung zuerst im Mai 1998 gefasst, dann 2002 als „Arabisch- Deutsche Kultur und Völkerverständigung e.V.“ eingetragen und 2009 zum „Islamisches Zentrum Al-Nour e.V“ umbenannt wurde. Der Verein war in diesen langen Jahren verschiedentlich in den Medien.

Beispiele aus vielen:

http://www.taz.de/!5070733/

https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/Vorbeter-und-Brueckenbauer-Alltag-eines-Hamburger-Imams,freitagsforum256.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/demonstration-gegen-is-gewalt-zwischen-kurden-und-salafisten-a-995972.html

Wer tritt nun persönlich und in der Öffentlichkeit für den Verein auf?

Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten steht Samir El Rajab als Imam der Gemeinde vor, hier die Eigenangaben:

Seine Hochschulreife erlangte er 1992 auf der weltweit bekannten und zur Azhar-Universität angegliederten Azhar-Schule in Beirut. Im Anschluss begann er ein vierjähriges islamwissenschaftliches Studium an der Universität von Beirut. Das Studium schloss er mit einer zweijährigen Magisterarbeit ab. Die Tätigkeit als Imam, insbesondere das Halten der Freitagspredigt, begann er schon im Laufe seines Studiums.

http://www.vereint-im-islam.de/scheikh-samir-elrajab/

http://www.al-nour.de/index.php/de/ueber-uns/der-imam

Vereinsvorsitzender ist nach Vereinsregister seit 2006 Daniel Abdin. Nach Eigenangaben länger:

http://integrationspunkt-hamburg.de/mitarbeiter/

Die Einrichtung wurde vor einigen Tagen Ziel einer Schmiererei-Attacke, die natürlich völlig inakzeptabel ist:

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article181416162/Ehemalige-Kirche-Fremdenfeindliche-Schmierereien-an-Al-Nour-Moschee.html

Ob nun wegen einer Schmiererei Politikerbesuch angemessen ist, ist bei aller Ablehnung* der Tat eine Abwägungsfrage. Kann man machen, muss man aber nicht, obwohl die Handlung verachtenswert ist:

 

Der Verein ist über Kirchenkreise bestens und langjährig eingebunden in Dialogformate. Vorsitzender und Imam sind häufiger einmal in den lokalen Medien. Das führt dann auch zu so etwas:

Das Islamische Zentrum Al-Nour arbeitet eng mit Schulen zusammen, um bei bestimmten religiösen Themen Aufklärungsarbeit zu leisten und Vorurteile abzubauen. Ebenso ist die Gemeinde in diversen Integrations-und Stadtteilbeiräten vertreten und engagiert sich unermüdlich, um den gesellschaftlichen Frieden zu wahren und die Integrationsarbeit zu optimieren.

http://www.al-nour.de/index.php/de/news/2015/item/656-extremismus-fachtagung

Hinsichtlich der Arbeitsaufteilung scheinen Schwerpunkte auf: Abdin vertritt mehr in formalen Zusammenhängen und Mehrheitsgesellschaft, El Rajab mehr in allem, was vornehmlich auf die eigene Community abzielt. Daniel Abdin ist auch (Mit-)Vorsitzender der Schura Hamburg und hat als solcher auch die Staatsverträge mit ausgehandelt. Er ist SPD-Mitglied:

http://www.al-nour.de/index.php/de/news/2014/item/425-daniel-abdin-als-kandidat-fuer-die-bezirkswahl

Im Jahr 2015 erhielt er einen Preis der Stadt:

http://integrationspunkt-hamburg.de/ehrungspreis-2015-fuer-daniel-abdin-2/

Irrtum, nach eigenen Angaben schon zwei Preise. Da ist man aber dankbar:

Herr Daniel Abdin arbeitet seit langer Zeit aktiv am interreligiösen und interkulturellen Dialog in Hamburg und bekam für seine Gemeinde im Jahr 2014 den Sozialpreis und im Jahr 2015 den Interreligiösen Preis verliehen.“

http://integrationspunkt-hamburg.de/mitarbeiter/

Er betreibt mittlerweile eine Einrichtung, die für Prävention von der Stadt Hamburg Mittel erhält:

https://www.buergerschaft-hh.de/ParlDok/dokument/53648/f%C3%B6rdernehmer-des-bundesprogramms-%E2%80%9Edemokratie-leben-%E2%80%9C-und-des-vorg%C3%A4ngerprogramms.pdf

Die Unternehmergesellschaft, deren Geschäftsführer er ist, führt unter den 4 weiteren Mitarbeitern gleich zwei junge Personen gleichen Nachnamens, möglicherweise Abdins Kinder

http://integrationspunkt-hamburg.de/mitarbeiter/

Im letzten Jahr dann gar eine „Demokratiekonferenz“:

Quelle: http://www.al-no ur.de/index.php/de/news/2017, Abruf 12.09.2018

Das ist das öffentliche Bild zur Mehrheitsgesellschaft, dass man unter tätiger Mithilfe von Kirchen und Politik erzeugt. Und auch mit der Hilfe von Stiftungen. In diesem Fall flankiert die Bertelsmann-Stiftung mit erheblicher Verve, ein ganz überwiegend schönes Bild zu erzeugen:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/08/17/bertelsmann-bad-practice/

Es gibt aber noch ein anderes. Wie sich die Moschee finanziert, ist nicht völlig klar:

Die Kosten stiegen von 1,5 Millionen Euro auf zwei, dann zweieinhalb und schließlich auf 3,5 Millionen Euro. „Am Ende werden es jetzt wohl sogar vier bis fünf Millionen Euro werden“, sagt Abdin. Das Geld stammt zumeist aus Spenden, die größte Einzelsumme von einer Million Euro kam aus Kuwait.

https://www.evangelische-zeitung.de/nachrichten/hamburg/news-detail-hamburg/nachricht/das-lange-warten-auf-die-moschee.html

Das war zur Finanzierung eines Anbaus an der Einrichtung, 1,1 Mio. € hinzu:

https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/09/21/kuwait-finanziert-umbau-von-hamburger-kirche-zu-moschee/

Aber wer das nun war in Kuwait?
Wer sind die anderen Spender?

Auf der Startseite ist direkt der link zu Islamic Relief, einer muslimbrudernahen Wohltätigkeitsorganisation (s. Beiträge auf diesem blog), eingebunden:

http://www.al-nour.de/index.php/de/

Abdin ist in einigen Zusammenhängen mit Akteuren oder Nebenstrukturen des Zentralrats der Muslime (ZMD) verknüpft. So ist Abdin der Leiter des „Teams Nord“ von „wir sind Paten“, eines erheblich mit öffentlichen Mitteln geförderten Projekts einer ZMD-Tochter:

http://www.wirsindpaten.com/de/team/

Kontext:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/08/09/praeventionsprojekte-des-zmd-ein-jahr-was-bitte/

Er ist Beirat in einem von NRW geförderten Projekt des ZMD-Schatzmeisters Hamza Wördemann (der mit Aiman Mazyek gemeinsam auch in obigem ZMD-Projekt die Geschäfte führt):

http://www.jumu-deutschland.de/beirat

Wesentlich eindrucksvoller sind jedoch die Aspekte des Vereins, die noch weiter abseits der Aufmerksamkeit der Mehrheitsgesellschaft aufscheinen. Die Aktivitäten zur eigenen Community erscheinen deutlich und langjährig mindestens muslimbrudernah. Das sind keine einmaligen Ausrutscher. Sondern das sind die Symptome einer Grundhaltung.

Der Funktionär Dr. Khaled Hanafy, Mitglied deutscher und internationaler Muslimbrudergremien und-organisationen (s. dazu Beiträge auf diesem blog) war 2012 zu Gast

http://www.al-nour.de/index.php/de/news/2012/item/199-seminar-mit-dr-khaled

Mohamed Naved Johari (s. dazu Beiträge auf diesem blog) im Jahr 2013:

http://www.al-nour.de/index.php/de/news/2013/item/351-seminar-fuer-junge-muslime

Der international bekannte saudische Scheich Abdallah Al Musleh ebenfalls im Jahr 2013, rechts im Bild:

Quelle: http://www.al-no ur.de/index.php/de/news/2013/item/356-grossgelehrte-abdellah-musleh-zu-gast, Abruf 13.09.2018

 

Das ist der Gelehrte, der meinte, hinsichtlich der Statthaftigkeit von Selbstmordattentaten einen Unterschied machen zu müssen zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Ländern. Zur Einschätzung, das war zum Zeitpunkt der Einladung schon öffentlich:

https://www.memri.org/tv/saudi-sheikh-abdallah-al-muslih-suicide-bombings

Der Fundamentalist Nouman Ali Khan 2014 in der Einrichtung (wegen großer Nachfrage dann doch an anderem Ort):

Quelle: http://www.al-no ur.de/index.php/de/news/2014, Abruf 12.09.2018

2015, Dr. Ahmad Khalifa und Ferid Heider, zwei bekannte Herrn, die der Muslimbruderschaft zugeordnet werden (LfV Berlin und München, langjährig):

Quelle: http://www.al-no ur.de/index.php/de/news/2015 , Abruf 12.09.2018

2016 gab es wieder ein „Vereint im Islam“-Groß-Event.

Und vor kurzem erneut:

Mit den Herren Heider und Johari waren wieder bekannte Akteure dabei. Und viele, viele andere Funktionäre aus dem gleichen Spektrum.

Man beachte auch die Sponsoren:

Quelle: Vergrößertes Detail des Veranstaltungsplakats oben, Abruf 13.09.2018

Islamic Relief ist auch wieder dabei.

In früheren Videos war auch noch die Islamische Gemeinschaft Deutschland (IGD) als Partner bei „Vereint im Islam“ benannt; dei IGD ist die größte Organisation in Deutschland, in der sich Muslimbrüder organisieren.**

Hier aus der aktuellen Veranstaltung, aus dem Vortrag von Ferid Heider:

 

Das bezieht sich auf eine Passage aus dem Koran (ungefähre Übersetzung):

„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist.“ (3:110)
Der Vers geht so weiter:
„Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.“

Das ist schon ein deutlicher Gestaltungsanspruch. Eigentlich sogar mehr. Denn die beste Gemeinschaft ist hier die der Gläubigen im engeren Sinne. Das gilt definitiv für das Diesseits und Nicht- und Andersgläubige haben in diesem Gesellschaftskonstrukt nicht sehr viel zu melden. Das ist die Propagierung muslimischer Vorherrschaft. Sehr unbunt also.

So richtig passen demnach die Bilder, die zur eigenen Community und die zur Mehrheitsgesellschaft hin entworfen werden, nicht zusammen. Entgegenkommen (wie durch Wertschätzung, Teilhabe und Aufwertung) scheint auch nur bedingt weiterführend:

Vielmehr lässt sich eine gegenläufige Tendenz [zur Ännäherung der Hamburger Muslime zur Mehrheitsgesellschaft, SHM] feststellen, die durch den Unwillen des Senats verschärft wird, schwerwiegende Verfehlungen der Islam-Verbände mit Sanktionen zu ahnden.

https://www.focus.de/politik/experten/osthold/islam-in-deutschland-das-verhaeltnis-des-politik-zu-den-islam-verbaenden-ein-erfolgreicher-fehlschlag_id_8328617.html

Der Tagesspiegel ordnet diese Einrichtung 2017 sogar ganz explizit dem Salafismus zu:

Ahmad A. war seit Januar Mitglied bei der Fitnessstudiokette McFit und besuchte eine Filiale nahe der salafistischen Al Nour-Moschee in der Hamburger City – 45 Minuten Weg vom Heim aus.

https://www.tagesspiegel.de/politik/messerattacke-in-hamburg-wir-konnten-bei-seiner-radikalisierung-zusehen/20124268.html

Der Vorsitzende Abdin ist es nach diesem Bericht leid, sich wegen Anschlägen zu rechtfertigen:

https://www.focus.de/politik/deutschland/vorsitzender-der-schura-ich-bin-es-leid-mich-nach-anschlaegen-immer-rechtfertigen-zu-muessen_id_5810270.html

Das kann man – zumindest partiell – nachvollziehen. Relevanter erscheint jedoch, dass man wegen der Betätigungen zur eigenen Community hin fragt. Insofern ist die Einrichtung sicher als eine zu betrachten, die eine Doppelstrategie verfolgt. Hier überwiegend (mit Überschneidungen) inhaltlich persönlich getrennt Das ist nämlich beiden zuzurechnen, Imam und Vorsitzender sind langjährig in Verantwortung. Diese ideologische Grundhaltung ist also das, worüber man in Hamburg diskutieren sollte. Darüber muss sogar dringend geredet werden, weil u.a. ahnungslose Schulklassen eine derartige Einrichtung als völlig unproblematisch, ja sogar vorbildhaft vorgeführt bekommen. Das ist inakzeptabel

Man muss sich schon wundern, dass die Muslimbruderschaft im aktuellen Verfassungsschutzbericht Hamburg so seltsam unbenannt bleibt. Sichtbar ist sie nämlich schon.

 

 

 

 

*
Der wohl – die Ermittlungsergebnisse stehen noch aus – xenophobe Schmierfink hat ja mit seiner u.a. „Deutschland den Deutschen“-Hass-Tirade nicht mal verstanden, dass deutsch sein und Muslimsein keine Gegensätze sind. Viele Muslime besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Das ist nicht zu kritisieren, sondern normal, dass Menschen unterschiedlicher spiritueller Zuordnung hier leben.

https://www.welt.de/regionales/hamburg/article181416162/Ehemalige-Kirche-Fremdenfeindliche-Schmierereien-an-Al-Nour-Moschee.html

Der guten Ordnung halber weise ich darauf hin, dass dieser blog-Beitrag wegen der anstehenden Einweihung verfasst wurde, weil wieder eine Menge Personen eingeladen sind, die ein realitätsnahes Bild benötigen, das beide Sichtweisen und Darstellungen, also die zur Mehrheitsgesellschaft und die zur eigenen Community, benötigen. Diese beiden Aspekte müssen bei einem öffentlich auftretenden Akteur zusammengeführt werden und sollten nicht isoliert stehen.

**
Zum Beispiel hier:

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