Multilevel Dawa?

Über einige Betätigungen islamischer Akteure im Finanzsektor

Islamische Akteure, deren langfristige Planungen weniger auf Integration denn auf Segregation gerichtet ist, versuchen in vielen Bereichen, eigene Angebote zu schaffen. Das zieht sich von Kitas, in denen der eigene Nachwuchs gesondert religiös erzogen werden soll bis hin zu verbandseigenen Bestattungsunternehmen, die Beerdigungen nach islamischen Vorstellungen gewährleisten. Von der Wiege bis zur Bahre soll es den Mitgliedern möglich sein, den religiös gesteckten Bezugsrahmen nicht mehr zu verlassen, Abtrennung in möglichst vielen Lebensbereichen und -bedürfnisssen. Ist diese Wahlmöglichkeit erst einmal da, können Personen durch sozialen Druck in einer wachsenden Community und gegenseitige soziale Kontrolle leicht dazu gebracht werden, sich für die religiös konnotierte Option zu entscheiden.

https://vunv1863.wordpress.com/2015/12/10/die-gegengesellschaften-bauen-struktur-auf/

Dazu auch:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/07/27/muslimische-wohlfahrt/

Sobald es in einem Lebensbereich eine islamische Alternative gibt, können fundamentalistische Einflüsterer darauf hinwirken, dass diese gewählt wird und nicht die neutrale und meist nur an der sachlichen Notwendigkeit orientierte Variante.

Quelle: Eigene Grafik

In der Wirtschaft reicht das vom Laden, der religiös als erlaubt (halal) gekennzeichnete Lebensmittel und Kochzutaten anbietet, bis hin zur Bank, die nur „erlaubte“ Finanzprodukte offeriert. Die Läden gibt es lange, früher mehr, um bestimmte Zutaten aus den Herkunftsländern zu erhalten, die im üblichen Sortiment der Supermärkte nicht vorgehalten wurden. Doch auch im Bankwesen existieren unterschiedliche Vorgaben wie das Zinsverbot, die bei Rückbesinnung und Möglichkeit stärker in den Fokus rücken. Zu den Grundsätzen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Islamisches_Bankwesen

In Deutschland ist als erste Bank nach islamischen Vorgaben die KT Bank AG* seit einigen Jahren zugelassen:

https://home.kpmg.com/de/de/home/themen/2017/03/wie-die-erste-islamische-bank-die-deutsche-branche-revolutionieren-will.html

Ausführlicher:

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzmarkt/muslimische-kt-bank-arbeitet-als-erste-ohne-zinsen-15220758.html

Doch die Planungen gehen weiter, nimmt man die Stellungnahmen von Personen wahr, die langjährig  in Organisationen und Gremien der Muslimbruderschaft Funktionen ausübten und weiterhin in diesem Kontext aktiv sind.

In einem Interview mit „Versicherungswirtschaft heute“ erläuterte z.B. ein Multifunktionär der Muslimbruderschaft, Ibrahim El Zayat, im Januar diesen Jahres:

„Viele Kontexte müssen erst neu erlernt werden, der Islam als kirchenlose und strukturresistente Gemeinschaft ist erst dabei, einen Platz in den modernen europäischen Staaten zu finden. Hindernisse sind vielfältig und Herausforderungen sowohl interner als auch externer Natur. Im Jahre 2016 hat nun die erste islamische Bank in Deutschland und im Euroraum ihre Bafin-Zulassung bekommen und ist bereits operativ tätig. So wird es meiner Meinung nach auch nicht mehr lange dauern, bis die ersten Takaful-Produkte auf den Markt kommen werden. […]
Sie [die Verbände, SHM] spielen eine wichtige Rolle. Vorerst müssen sie die gläubigen Muslime für die Verwendung solcher Produkte sensibilisieren und die religiöse Relevanz verdeutlichen. Im Vertrieb wird es sicher zu spezialisierten Strukturen kommen, gegebenenfalls sogar die Entwicklung eines muslimischen Strukturvertriebs.“

https://be.invalue.de/d/publikationen/vwheute/2018/01/19/es-wird-muslimische-strukturvertriebe-geben.html

Die „Sensibilisierung gläubiger Muslime“ ist in vollem Gange. Man schafft eine Markt, der bisher nicht relevant existierte.

Insbesondere in eben muslimbrudernahen (MB) Vereinen und Organisationen finden seit einigen Jahren Informationsveranstaltungen zu dem Themenkomplex islamischer Finanzwirtschaft statt. Exemplarisch im letzten Dezember beim Europäischen Institut für Humanwissenschaften (EIHW) in Frankfurt, einer unter Beobachtung des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) stehenden Organisation. Aus dem aktuellen Bericht des baden-württembergischen LfV, S. 65:

In der letzten Dezemberwoche 2017 bot das „Europäische Institut für Geisteswissenschaften in Deutschland e. V.“ (EIHW) [Fehler im Original, SHM] einen Intensivkurs in islamischem Bankwesen an. Kursleiter war Monzer KAHF, Experte für schariatsrechtliche Grundlagen islamischer Bank-transaktionen. KAHF wirkte unter anderem aktiv auf der Internetseite von AL-QARADAWI mit. Sein Werdegang lässt regelmäßige Interaktionen mit dem Umfeld der „Muslimbruderschaft“ erkennen, so bekleidete er den Posten des Finanzdirektors der „Islamic Society of North America“ (INSA), einer 1981 von MB Mitgliedern gegründeten Organisation.

https://im.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/publikationen/20180524_-Verfassungsschutzbericht_BW_2017.pdf

Doch schon in einer Ausarbeitung der KAS aus dem Jahr 2015 wird deutlich, dass das islamische Bankwesen zwar als Idee weiterhin existiert, in der Realität moderner Märkte jedoch auf die Schwierigkeit trifft, dass die meisten Muslime die Religion aus der Geldbörse draussen halten wollen:

Heilmittel gegen Gier? Seit der Finanzkrise werben muslimische Staaten für islamkonformes Finanzgebaren. Doch in der Praxis bleibt von den Idealen nicht viel übrig, denn auch Muslime können rechnen. […] Das zeigt eine Studie, die Islamwissenschaftler Volk mit dem Wirtschaftswissenschaftler Gunter Rieck Moncayo für die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) erstellt hat und aus der er nun ein Beratungsgutachten für die Politik filtert. Die Arbeit, die auf Gesprächen mit Experten in allen Teilen der islamischen Welt basiert – im Nahen Osten, in Afrika und in Asien – ist die wohl umfangreichste der jüngeren Zeit zu dem Thema. Sie kommt zu dem Schluss, dass Islamic Banking nur ein gedankliches Konzept ist, das in der Realität kaum funktioniert. Von einer „Fata Morgana“ spricht Volk. Das Finanzgefüge flirre am Horizont, mit verwaschenen Konturen, und wenn man näher komme, löse es sich auf.„*

https://www.welt.de/politik/ausland/article147700368/Allahs-gescheiterte-Banker.html

Das hindert nicht, es in Deutschland und im Euroraum erneut zu versuchen. Schließlich kann man unter der Vorgabe, eine (islam-)ethische Alternative zu kapitalistischen Vorstellungen zu bieten, eine Menge Ideologie transportieren. Diese Ideologie ist, wenn sie sich einer Gegenhaltung zu „westlichen“ Geschäftshandlungen bedient, überaus anschlußfähig.

Die Idee, einen islamischen Strukturvertrieb aufzubauen, ist – das kann man sich vorstellen – überaus reizvoll für all jene, die schon leicht erkennbar religiöse Strukturen aufbauen. Schließlich kennt man aus der Branche z.B. das Multilevel-Marketing, mithilfe dessen auch Produkte eher fragwürdiger Nützlichkeit an den Mann gebracht werden. Für diese Art des Agierens gibt es lang erprobte (wenn auch meist im Ergebnis finanziell nicht sehr erfolgreiche) Vorgehensweisen, die die Möglichkeiten der Warm- und Kaltaquise voll ausschöpfen helfen. Die Idee ist nicht ganz neu, denn auch Scientology nutzte das schon. Bei einigen Unternehmungen der Vergangenheit liessen sich Bezüge herstellen:

https://www.ezw-berlin.de/html/15_1494.php

Vielleicht darf man sich also demnächst auf religiös „unbedenkliche“ Finanzprodukte freuen, die mit „Tschakka halal“*** auf eigenen Finanz- und Motivationsmessen beworben werden. Muslime allerdings, die vernünftigerweise Religion aus ihren Geldbeuteln draußen halten wollen (ggf. jenseits religiös empfundener Verpflichtungen), sollten darauf achten, wer ihnen welche Finanzprodukte offeriert und welche Zwecke er ggf. noch verfolgt.

 

 

 

 

*
Man beachte die interessanten Beteiligungsverhältnisse der Bank:

Hauptanteilseigner ist das Kuwait Finance House (KFH) mit ca. 62 % der Anteile, 18 % gehören dem staatlichen türkischen Generaldirektorat der Stiftungen. Zu den weiteren Anteilseignern gehören bspw. die Sozialversicherungsanstalt Kuwait und die Islamische Entwicklungsbank. Das 1977 in Kuwait gegründete KFH gilt als Pionier der Bankenindustrie für Islam-konforme Bankgeschäfte und Finanzdienstleistungen und war das erste Finanzinstitut in Kuwait mit einem entsprechenden Produktangebot.“

Quelle: Geschäftsbericht 2017, Bundesanzeiger

Die Bilanzsumme belief sich 2017 auf etwa 193 Mio Euro. (ebd.)

**
Ausführlicher hier, ab S. 32:

Der Markt in Deutschland für Islamic Banking ist riesig“, erklärt Zaid El-Mogaddedi, Leiter des Institute for Islamic Banking and Finance (IFIBAF) in Frankfurt. […] Auf der Suche nach neuen Kundensegmenten kämen die lokalen Anbieter auf Dauer gar nicht an dieser islamischen Community vorbei. Trotzdem hält Deutschland sich noch zurück. Woran liegt das? Laut El-Mogaddedi gibt es dafür mehrere Gründe. Ein Grund sei die Qualität der angebotenen Dienstleistungen, die im Vergleich zu konventionellen Banken zu schlecht sei. Um sich wirklich etablieren zu können, müssen Islamic Banks wettbewerbsfähig sein. „Geld bestimmt das Spiel. Islamische Banken müssen konkurrenzfähig sein. Kein Kunde zahlt mehr, nur weil eine Bank ethisch wertvoll und Scharia-konform ist“, betont El-Mogaddedi. Islamic Banks müssten dieselben Dienstleistungen anbieten wie konventionelle Banken, zu vergleichbaren Preisen und Bedingungen. El-Mogaddedi ist fest davon überzeugt, dass in der großen islamischen Community ein interessanter Absatzmarkt verborgen liegt, den es mit wettbewerbsfähigen Dienstleistungen nun zu erobern gilt.“

http://www.kas.de/wf/doc/kas_43408-544-1-30.pdf?151125110836

Das Unternehmen hat eine Webseite:

http://www.ifibaf.com/

Es gibt als Firmensitz aber Hamburg an nach Impressum:

http://www.ifibaf.com/impressum/

Schaut man nach der angegebenen Adresse, so findet sich diese lohnende, aber irritierende Ansicht:

https://www.google.de/maps/place/Eckerkamp+96,+22391+Hamburg/@53.6350551,10.0830017,3a,75y,191.63h,90t/data=!3m6!1e1!3m4!1sJ7TU-jQYymVdGY89yzI7WA!2e0!7i13312!8i6656!4m5!3m4!1s0x47b1898c6543b683:0x692cf5b31675ca13!8m2!3d53.6348599!4d10.0828963

Man könnte geneigt sein, obige Metapher von der Fata Morgana für eindrucksvoll zu halten.

***
„Tschakka!“ war der „Schlachtruf“ eines in um 2000 bundesweit bekannt gewordenen Motivationstrainers:

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_H%C3%B6ller

https://www.welt.de/print-welt/article647903/Tschakka-Die-Hoeller-Show-ist-aus.html

Eigentlich geht das aber auf einen Niederländer zurück:

https://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Ratelband

Weitere interessante Beiträge zum Thema:

Ohne die (notwendige) Einordnung der Akteure (Gümüsay, El-Mogaddedi) vorgestellt:

Für Muslime gibt es keinen Lebensbereich, der nicht beeinflusst wird von ihrer Religion. Auch auf die Wirtschaft wirkt sich die Scharia, das islamische Recht, aus. Keine reinen Spekulationsgeschäfte, keine Zinsen, dafür solidarische Hilfe für Bedürftige – so steht es im Koran geschrieben. Das hört sich gut an. Welche Bedeutung aber hat die Wirtschaftsethik im Islam tatsächlich? Oder anders gefragt: Hört beim Geld der Glauben auf? […] Wenn man über diese Länder schreibt und spricht, nennt man sie oft ganz selbstverständlich islamische Länder. Zaid el-Mogaddedi vom Institut für Islamic Banking and Finance in Hamburg hat damit so seine Probleme: „Ich verzichte in diesem Kontext auf den Begriff „islamische Länder“. Aus meiner Perspektive gibt es weltweit kein einziges islamisches Land, das diese Bezeichnung verdienen würde.“

https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/Zwischen-Scharia-und-Kapitalismus,freitagsforum558.html

Aus 2011 „Islamische Bankprodukte mit schwerem Stand“:

Dummerweise gibt es ein Problem: die Realität. Islamic Banking ist noch nicht angekommen in der Welt. Nicht in den Schwellenländern, auch nicht in Deutschland, dem Land der unzählbaren Finanzprodukte. Dabei leben hier um die vier Millionen Moslems. Ein riesiger Markt – theoretisch. Doch die hiesigen Kreditinstitute sind vorsichtig. Die Commerzbank mischt ein bisschen mit, die Deutsche auch. Hausieren geht mit dem Thema aber niemand. Scharia und Finanzen – irgendwie passt das nur schwer zusammen. „Zu kompliziert, schlecht für den Ruf, außerdem nicht lukrativ“, sagt ein Banker. Die Islamic Bank of Britain ist seit ihrer Gründung vor sieben Jahren noch nicht profitabel.

Die Islamic-Finance-Fraktion startet trotzdem einen neuen Anlauf: Neben dem Privatkundengeschäft soll nun das Investment-Banking beworben werden. Man kann sogar auf Erfahrungen zurückgreifen, allerdings auf schlechte.“

https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/anleihen/scharia-gerechte-anlagen-islamische-bankprodukte-mit-schwerem-stand/4060044.html?ticket=ST-13347753-jvPX6WrqdgBojZwBI6x2-ap2

Diese britische Geschäftsbank heißt seit einiger Zeit Al Rayan Bank:

https://en.wikipedia.org/wiki/Al_Rayan_Bank

Moodys hat das rating heraufgestuft dieses Jahr:

https://www.moodys.com/research/Moodys-changes-outlook-on-Al-Rayan-Bank-to-stable-from–PR_386594?WT.mc_id=AM~RmluYW56ZW4ubmV0X1JTQl9SYXRpbmdzX05ld3NfTm9fVHJhbnNsYXRpb25z~20180718_PR_386594

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