Köln: Bildungsmesse mit Muslimbrüdern?

Am 8. Dezember findet in Hürth bei Köln die erste Islamische Bildungsmesse statt. Veranstalter ist der Freie Verband der Muslime e.V. Der Verein ist Gesellschafter der JuMu gGmbH. JuMu erhält Fördermittel des Landes NRW. Als Referenten sind überwiegend langjährig bekannte Akteure aus dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft eingeladen.

Das türkische Generalkonsulat in Hürth (Bild: Sigrid Herrmann-Marschall)

Unter einer Messe wird üblicherweise eine wiederkehrende Marketing-Veranstaltung verstanden, die es Anbietern einer Ware oder Dienstleistung ermöglicht, ihre Produkte einem Interessentenkreis vorzustellen. Unter diesem Aspekt könnte die Veranstaltung am nächsten Sonntag im Gewerbegebiet von Hürth, einer 60.000-Einwohner-Stadt bei Köln, durchaus als „Messe“ verstanden werden. Der Veranstalter ist der Verein Freier Verband der Muslime e.V. Laut Programm treten mehrere aus dem Muslimbruder-Spektrum bekannte Akteure auf. Auffällig ist, dass die Veranstaltung in einem üblicherweise für Hochzeiten genutzten Saal nur wenige Hundert Meter vom türkischen Generalkonsulat entfernt stattfindet.

Die Verflechtungen der am Sonntag auftretenden Akteure erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Diese Intransparenz erscheint als Absicht, da mit den verschiedenen Referenten eine real nicht existierende Vielfalt suggeriert wird. Die Akteure gehören nämlich demselben Spektrum an.

Veranstalter im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft

Vorstände des Freien Verbands der Muslime e.V. sind Hamza Wördemann, Schatzmeister des Zentralrats der Muslime (ZMD) und Vorsitzender von Re-Start, sowie der ebenfalls als Re-Start-Referent auftretende Mustafa Gölcük. Gölcük taucht auch bei anderen Unternehmung Wördemanns und des ZMD, die öffentlich gefördert werden, auf. Das ist das „Wir sind Paten“-Programm der Soziale Dienste und Jugendhilfe gGmbH, die von Wördemann gemeinsam mit Aiman Mazyek als Projekt des ZMD geleitet wird. Auch in weiteren Projekten des Geflechts (5hoch4, Jugendclub des ZMD) oder „Die jungen Denker“ (Projekt von Akteuren der „Islamischen Gemeinde Saarland“) ist er zu finden. Kassenwart des Vereins Freier Verband der Muslime ist der Düsseldorfer Farjallah Albert Al- Khatib. Al-Khatib ist außerdem Verantwortlicher der Deutsch-Islamischen Moschee Stiftung Düsseldorf. Er war bei der Deutschen Islamkonferenz geladen.

Seit dem 27. Juni dieses Jahres (Eintragungsdatum) besteht bei dem Verein Re-Start Identität der Verantwortlichen mit dem Freien Verband der Muslime, jenseits des Umstandes, dass Al-Khatib seit Mitte des Jahres dort nicht mehr als Schriftführer agiert.* Al-Khatib hatte auch schon 2013 gemeinsam mit Dirk Sauerborn, dem Kontaktbeamten  der Düsseldorfer Polizei für muslimische Gemeinden, das – ebenfalls öffentlich geförderte – Projekt „Muslim Open Mind“ vorgeschlagen. Das Projekt verlief im Sande, obwohl es vom damaligen Innenministerium breit beworben wurde als Teil der Vielfalt organisierten muslimischen Engagements in Nordrhein-Westfalen. Wem Letzteres jetzt bekannt vorkommt: Das NRW-Dialogforum Islam ist ganz ähnlich dem jetzt propagierten Projekt „Muslimisches Engagement in NRW“.

Bild: Eigene Grafik

Der neue Schriftführer von Re-Start ist Mohamed Labari. Labari ist Projektleiter des vom nordrhein-westfälischen Integrationsministeriums geförderten und ausgezeichneten JuMu-Projekts. Bei JuMu Deutschland (JuMu) handelt es sich um ein vom ZMD initiiertes Projekt unter Beteiligung jüdischer Akteure.

Aber auch Labari ist in weiteren Funktionen. So etwa in einem in Essen eingetragenen Verein aus dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft. Abweichend von dem im Vereinsregister eingetragenen Vorstand des Vereins Streben nach Wissen e.V. ist Labari im Impressum auf der Internet-Seite des Vereins als Kassenwart eingetragen.

Der Verein Streben nach Wissen ist über seine Dozenten Abdurrahman Reidegeld und Amir Zeidan eng mit dem Wiener Islamologischen Institut, dem Stuttgarter Verein Evidence und vor allem dem Europäischen Institut für Islamwissenschaften (EIHW) verbunden. Das EIHW gilt Verfassungsschutzämtern als „Kaderschmiede für Muslimbruder- und IGD-Funktionäre“**. Reidegeld war am EIHW schon Referent. Amir Zaidan hatte in zurückliegenden Asylverfahren geltend gemacht,  dem Gedankengut der Muslimbrüder nahezustehen. Ein Verwaltungsgericht griff in einem Urteil gegen Zaidan auf diese Eigenangaben zurück. [siehe update]. Auch in den letzten Jahren sind immer wieder Betätigungen in diesem Aktionsgeflecht sichtbar.

Angekündigt sind also

  • Ferid Heider (Referent am EIHW, bundesweit bekannter Berliner Prediger)
  • Reuf Jasarevic („Erfolgsmuslim“, aktiv im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft ***)
  • Anas El-Amin Loucif (Düsseldorfer Psychologe, aktiv im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft ****)
  • Amir Zaidan (siehe oben)
  • Sanaa Laabich (trat als MJD-Funktionärin auf und ist im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft sehr aktiv**)
  • B. E. (Erfinder des Muslim-Planner“, immer wieder einmal im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft aktiv)
  • Enver Gicić (aus dem serbischen Novi Pazar, machte 2017 die Kooperation mit dem EIHW aus*****)

Der Vortrag von Gicic „Europäisch-islamische Bildungsinstitutionen als Chance für die Entwicklung notwendiger Standards“ gewinnt unter der Kenntnis der Verflechtungen seiner Einrichtung mit dem EIHW Gewicht.

Auf der ursprünglichen Referentenseite sind noch Ismail Gunija und Yusuf Dreckmann angegeben. Gunija war Referent bei der Youcon, einer muslimbrudernahen Jugendkonferenz. Dort ist angegeben, dass er Vorsitzender des Jugendverbands des ZMD war. Dreckmann ist Referent im oben erwähnten Evidence-Institut. Dort ist angegeben, dass er in Wien am oben erwähnten Islamologischen Institut seine Promotion erhielt und zuvor in Novi Pazar seinen Master machte.******

Es stellt sich die Frage, ob ohne die großzügige Gewährung öffentlicher Mittel in dieses Netzwerk hinein solche Konferenzen möglich wären. Faktisch unterstützt das nordrhein-westfälische Integrationsministerium durch die Anerkennung und finanzielle Unterstützung beteiligter Vereinsstrukturen auch die weitere Verflechtung sowie den Ausbau und Unterhaltung jener Strukturen, die Verfassungsfeinde enthalten.

*
Restart NW-Duisburg_VR_5558+Chronologischer_Abdruck-20191203062708

Freier Verband der Muslime NW-Duisburg_VR_5592+Chronologischer_Abdruck-20191203051535

**
Unter anderem bei Veranstaltungen, die muslimisches Empowerment darstellen sollen, etwa beim Interkulturellen Institut für Inklusion (IIIev und Deaf Islam e.V.)

***
Beispielhaft in Berlin

****
Zum Beispiel bei dem Verein Die jungen Denker e.V. aus Saarbrücken, bei Jasarevic oder beim Islamologentag

*****
Kooperationsmeldung aus dem Jahr 2017:

Belegbild Quelle: Faceook-Seite des EIHW, Abruf 3.12.2019

******
Sowohl der Master als auch die Promotion wurden somit an Einrichtungen gemacht, deren Befugnis zum Erteilen gültiger akademischer Grade fraglich ist.

Update 6.12.2019:

Aufgrund einer Beschwerde von Amir Zaidan hinsichtlich seiner Einordnung wird ergänzt. Die Blogbetreiberin bleibt bei ihrer Einordnung.

Aus einem Verfahren von Amir Zaidan gegen den Verfassungsschutz, Urteilsbegründung Verwaltungsgerichtsverfahren 6 E 2129/04 aus dem Jahr 2005:

Zwar macht er hier wortgewaltig geltend, dass andere ihn als der Moslembruderschaft zugehörig ansehen würden; diese Zurechnung ließ er jedoch ganz offensichtlich zur Begründung seines Asylverfahrens gegen sich wirken, denn er distanzierte sich in keinster Weise von diesem Vorwurf und machte auch nicht geltend, dass es sich hierbei um eine Fehlinterpretation handele. Im Gegenteil nutzte er hierzu unter Vorlage der Auskunft des Beklagten vom …… 2001 die erteilte Auskunft zur Begründung seines Folgeverfahrens, wonach er mehrfach zu erkennen gegeben habe, dass er das Gedankengut der Moslembrüderschaft vertrete.

Abschrift der Urteilsbegründung (Ablehnung des Löschgesuchs)

Im Jahr 2011 nahm Zaidan an einem Funktionärstreffen von Personen aus dem Netzwerk der Muslimbruderschaft mit einer politischen Vertreterin teil:

Dokument auf islam.de

Zaidan ist Dozent an einer Einrichtung (wie Gicic) in Novi Pazar, die 2017 eine Kooperation mit dem EIHW unterzeichnet hat.

Update 09.12.2019:

Mustafa Gölcük beschwerte sich ebenfalls über seine Nennung im Beitrag. Er habe „damit nichts mehr zu tun“, sagte er. Nach erneuter Prüfung seiner Zuordnung (aktuelle Betätigungen, erst einen Monat alt; eigenes Xing-Profil) bleibt die Blogbetreiberin auch in diesem Fall bei ihrer Darstellung.

Hamza Wördemann beschwerte sich, es lägen viele „frei erfundene Unwahrheiten“ im Blogbeitrag vor. Es spezifiziert das jedoch nicht jenseits der Feststellungen, dass es eine Lüge sei, die Bildungsmese werde mit öffentlichen Mitteln bezahlt, und dass die Organisatoren dem Umfeld der Muslimbruderschat zuzurechnen seien..

Dass die „Islamische Bildungsmesse“ direkt gefördert werde, geht nicht aus dem Text hervor. Sondern, dass ein großes Projekt des Vereins öffentliche Mittel zieht. Die abgelieferten Leistungen für die öffentlichen Mittel sind aber eher überschaubar.

Hinsichtlich der Zuordnung der Referenten bleibt die Blogbetreiberin auch bei ihrer Sicht, Begründung jeweils siehe Beitrag. Ergänzt wird, dass Wördemann selber die örtliche Islamologen-Dependance von Zaidan ausdrücklich empfiehlt. Er teilt Veranstaltungen mit muslimbrudernahen Funktionären wie Al-Khalifa (IZM) oder Taha Amer (RIGD). Viele Male verbreitete er auf seinem Facebook-Account Inhalte der IGD, jetzt DMG. Einmal auch etwas von Yasir Qadhi. Die DMG wird vom Verfassungsschutz begründet der Muslimbruderschaft zugeordnet. Offenbar stört das nicht beim Verbreitungswillen, die Posts sind überwiegend unkommentiert, eine Distanzierung ist nicht erkennbar.

Der Veranstalter, der Freie Verband der Muslime, hat überdies heute eine Pressemitteilung zur Veranstaltung erstellt; der Vereinsvorsitzende Hamza Wördemann teilte sie auf seiner Facebook-Seite:

Quelle: Facebook-Seite Hamza Wördemann, Abruf 09.12.2019

Zu den Ausstellern wird ausgeführt, man habe „Institute, Vereine, Dozent*Innen und Universitäten eingeladen, um folgende Zielsetzungen zu ermöglichen…“

Betrachtet man das Bild, so sind die Aussteller entweder identisch mit den Organisationen, die hinter den Referenten stehen oder sind dem gleichen Spektrum zuzuordnen:

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