Trügerische Ruhe um Problem-Moschee?

Wegen salafistischer Bezüge war die Mönchengladbacher Masjid-Arrahman-Moschee vor Jahren immer wieder mal in den lokalen Medien. 2018 fand dort eine großangelegte Razzia statt, um Beweise für ein mögliches Vereinsverbot sicherzustellen. Danach wurde es still um den Moschee-Verein. Dass sich 2021 auch Verflechtungen bedeutsamer Vereinsmitglieder mit dem Islamischen Zentrum Aachen (IZA) und darüber auch Bezüge zum internationalen Muslimbruder-Spektrum offenbart haben, blieb in Mönchengladbach bislang unbemerkt.

Der Neubau der Masjid-Arrahman-Moschee wurde inzwischen vollendet (Bild: Sigrid Herrmann-Marschall)

Der Verein „Masjid Arrahman“, der die gleichnamige Moschee im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt betreibt, besteht laut Vereinsregister seit 1988. Seitdem gab es in der Leitung des Vereins nur verhältnismäßig wenige Wechsel. Verantwortliche Vorstandsmitlieder sind seit 2016 laut Registerauszug vom 18. November 2021 Mohamed Abou El Ayoun und Mustapha Laghmari. Auf diesem Blog war der Moschee-Verein bereits mehrfach Thema.

Bezüge zu Salafisten wurden vom Verein bereits 2012 dementiert. Salafisten-Prediger wie Pierre Vogel, der dort angeblich gesichtet wurde, sowie der ehemalige Mönchengladbacher Salafisten-Chef Sven Lau, der vor der Gründung seiner eigenen Moschee tatsächlich dort betete, hätten dort Hausverbot, hieß es. Lediglich jüngere „Mitläufer“ der Salafisten würden zur „Re-Integrierung“ in die Moschee gelassen. Aufgrund der Berichterstattung der örtlichen Presse, die diesen Spuren immer wieder nachging und dabei auch anmerkte, dass in der Moschee freitags bis zu 800 Menschen zusammenkämen, verdunkelte sich das Bild des Vereins in der Mönchengladbacher Öffentlichkeit immer mehr. Später wurde die Anzahl der Besucher des Freitagsgebetes auf moscheesuche.de gar mit 1.200 angegeben. Besuche anderer Hassprediger nach 2012, etwa von Tarik ibn-Ali und Abul Baraa, wurden jedoch von den Mönchengladbacher Medien nicht wahrgenommen.

Möglicherweise waren das auch die Gründe dafür, dass sich die Stadt dazu ausschwieg, als der Verein Ende 2016 mit dem Bau einer neuen Moschee mit einer Nutzfläche von 1.600 Quadratmetern begann. Davon erfuhr die Mönchengladbacher Öffentlichkeit erst aus der Presse, die dabei auch sofort anmerkte, dass der polizeiliche Staatsschutz „wachsam“ sei. Auffällig war auch, dass ein evangelischer Pfarrer aus Rheydt die Masjid-Arrahman-Gemeinde für ihr Engagement beim interreligiösen Dialog lobte, aber gleichzeitig darauf verwies, dass seine eigene Gemeinde den „Öffnungsprozess“ von Masjid Arrahman unterstütze, dabei aber mit der Polizei zusammenarbeite. Spätestens damit hatte der Moschee-Verein einen gefestigten schlechten Ruf in der Stadt. Öffentlich artikuliert wurde die Kritik an dem Moschee-Verein vor Ort jedoch vornehmlich von ebenfalls problematischen Personen und Organisationen, während wesentliche Teile der Stadtgesellschaft dies einfach ignorierten.

Durchsuchung der Vereinsräume

Vor diesem Hintergrund war es auch keine Überraschung mehr, als 250 Polizisten in den Morgenstunden des 13. November 2018 die Vereinsräume sowie 15 Wohnungen von Vereinsmitgliedern durchsuchten. Die großangelegte Razzia war Teil von vereinsrechtlichen Ermittlungen des Landesinnenministeriums. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden sei der Verein Anlaufstelle für zahlreiche Personen aus dem salafistischen und islamistischen Spektrum, hieß es. „Wenn wir Hinweise darauf haben, dass sich ein Moscheeverein zum Treffpunkt von gefährlichen Extremisten entwickelt hat, handeln wir“, kommentierte Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) die Durchsuchungen. Damit sei jedoch kein unmittelbares Verbot des Vereins verbunden. Ziel der polizeilichen Maßnahme sei es vielmehr, den bestehenden Verdachtsmomenten nachzugehen. „Die sichergestellten Gegenstände und Unterlagen werden jetzt sorgfältig ausgewertet. Wenn wir dabei genügend Beweise bekommen und ein Verbot nach dem Vereinsgesetz möglich ist, werden wir den Verein verbieten“, sagte Reul weiter.

Danach wurde es jedoch ruhig um die umstrittene Gemeinde. Weder gab es weitere Presseberichte über problematische Bezüge noch äußerte sich das Landesinnenministerium dazu, was bei der Razzia gefunden wurde. Letzteres ist nicht ungewöhnlich und muss nichts bedeuten, denn bei dem Salafisten-Verein Ansaar International im benachbarten Düsseldorf etwa lagen auch Jahre gründlicher Prüfung zwischen der ersten Durchsuchung und dem abschließenden Verbot.

Und während es still wurde um die Masjid-Arrahman-Gemeinde, wurde zumindest die neue Moschee schon mal fertiggestellt (siehe Artikelbild). Dabei fiel auf, dass das Minarett, von dem ursprünglich die Rede war, noch immer fehlt. Damit ist die Moschee, die eher unauffällig zwischen einem Bahnhof und dem Parkplatz eines Discounters liegt, äußerlich nicht als solche zu identifizieren. Das wiederum passt zu einer Gemeinde, die den Zahlen nach den größten Zulauf aller Mönchengladbacher Gebetsstätten hat, sich aber traditionell gegenüber dem Rest der Stadt stark abkapselt.

Verflechtungen bedeutender Mitglieder mit dem IZA

Dabei sind die Bezüge der Gemeinde zu problematischen Spektren unverändert deutlich zu erkennen: So etwa in einem Video zu einer Veranstaltung, bei der im Mai 2021 um Spenden für die neue Moschee geworben wurde. Darin ist auch Issam Al Mrayati zu erblicken, der nicht weniger macht, als die Masjid-Arrahman-Mosche als „seine Gemeinde“ zu bezeichnen. Zu sich gibt er an, im Jahr 2000 nach Mönchengladbach gezogen zu sein. Dort ist er als Zahnarzt in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Issam Al Mrayati weist zu Werbezwecken auf diese Praxis hin und gibt an, auch eine Kollegin von ihm sei in der Masjid-Arrahman-Gemeinde. Die Moderatoren werben dafür, bei Arztbesuchen zu „muslimischen Geschwistern“ zu gehen.

Dass Issam Al Mrayati bei Insidern so gut bekannt ist, liegt an seinen Bezügen zum Islamischen Zentrum Aachen (IZA), das zwar seit Jahren nicht mehr in den Berichten des Landesverfassungsschutzes erwähnt wird, aber erst vor Monaten wieder durch eine internationale Kooperation mit der Muslimbruderschaft aufgefallen ist. Seine Arbeit steckte Al Mrayati nach eigenen Angaben auch in das Medienportal „WSU Channel“, das dem IZA zuzuordnen ist und auf dem bis 2016 vor allem Vorträge des IZA-Mitgründers und -Vordenkers Issam El Attar veröffentlicht wurden. In mehreren Videos des WSU Channel treten Issam Al Mrayati oder sein Vater Ahmad in Erscheinung.

„Perlen des Vereins“ mit Mitgliedsnummer 1

Aber es kommt noch deutlicher: So bezeichnen die Moderatoren der Spendensammel-Veranstaltung den dabei anwesenden Issam wie auch den Vater Ahmad Al Mrayati als „Perlen der Gemeinde“. In scherzhaften Plauderton wird erörtert und von Issam Al Mrayati auch bestätigt, dass sein Vater im Masjid-Arrahman-Verein die Mitgliedsnummer eins habe; ein Moderator merkt an, dass er dort auch „sehr oft“ die Chutba (das Freitagsgebet) abhalte. Spätestens an dieser Stelle kann auch der scherzende Ton im Studio nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass die hohe Bedeutung der beiden Männer für den Verein gar nicht mehr eindrucksvoller dokumentiert werden kann.

Ahmad Al Mrayati mit Issam El Attar, Yusuf Al Qaradawi und Necmettin Erbakan (Belegbild: Facebook-Seite des WSU Channel, Markierungen von der Autorin)

Ahmad Al Mrayati ist ein Mönchengladbacher Psychiater, der Issam El Attar langjährig verbunden ist. Auf Gruppenaufnahmen mit El Attar in Aachen tauchen er wie auch Issam Al Mrayati gelegentlich gemeinsam auf. Al Mrayati senior war auch schon gemeinsam mit Issam El Attar bei wichtigen Treffen. Dabei entstand auch ein Gruppenbild, das beide mit Yusuf al-Qaradawi, einem wichtigen Vordenker der Muslimbruderschaft, sowie dem 2011 verstorbenen Milli-Görüs-Gründer Necmettin Erbakan zeigt. Mit solchen – zumindest in Islamisten-Kreisen – als hochkarätig angesehenen Gesprächspartnern zeigt man sich weder zufällig noch unwissend. Bezeichnend ist hier auch, dass das Bild bis heute im IZA-Umfeld verbreitet wird, aber ohne Informationen dazu, in welchem Kontext es aufgenommen wurde.

Konferenzen mit hochrangigen Muslimbrüdern

Hinzu kommt, dass Ahmad Al Mrayati bis zur Veröffentlichung dieses Artikel im Impressum des Islamischen Info Dienst Bonn (IID) genannt wurde, der aber seinen Sitz eben nicht in Bonn, sondern in einem Mönchengladbacher Privathaus hat. Noch bis ins Jahr 2020 hinein wurden Mitglieder und Vorstand dieses Vereins im Impressum seiner Internet-Seite öffentlich gemacht. Neben dem Vorsitzenden, der dieses Amt laut Vereinsregisterauszug vom 11. November auch noch innehat, wurden dort Imame, Unterstützer und Funktionäre des IZA aufgeführt. Im derzeitigen Impressum wird aber nur noch der Vorsitzende Ahmad Al Mrayati benannt.

Der IID hat bis etwa 2017 die Betätigungen der vorwiegend syrischstämmigen muslimbrudernahen Prediger und Aktivisten in Aachen begleitet und dokumentiert. Neben Inhalten zu islamischer Gelehrsamkeit und vielen anderen religiösen Themen finden sich dabei auch Berichte zu Konferenzen, die langjährig vom IZA organisiert wurden und an denen viele hochrangige Muslimbrüder teilgenommen haben. Außerdem fällt laut der Satzung des IID das Vereinsvermögen im Auflösungsfall an das IZA.

Gemeinnützigkeit offenbar nicht aberkannt

Bemerkenswert ist auch noch, dass im Chat des Videos zur Spendensammel-Veranstaltung der Masjid-Arrahman-Moschee darauf verwiesen wird, dass „Spendenquittungen“ möglich seien. Das bedeutet, dass das Landesinnenministerium 2018 zwar eine Razzia zum Zwecke eines möglichen Vereinsverbotes hat durchführen lassen, aber dem Verein die Gemeinnützigkeit anscheinend noch immer nicht entzogen ist. Da aber der Entzug der Gemeinnützigkeit üblicherweise leichter umsetzbar ist als ein Vereinsverbot, erscheint dieses Vorgehen der Behörden wenig durchdacht.

Als Fazit bleibt, dass die von der örtlichen Presse sowie vom Landesinnenministerium beschworenen Salafisten-Bezüge beim Masjid-Arrahman-Verein inzwischen eher in den Hintergrund getreten sind. Dafür sind über zwei „Perlen des Vereins“, insbesondere über das Mitglied Nr. 1, Ahmad Al Mrayati, enge und langjährige Verflechtungen an das IZA und darüber Bezüge auch an das internationale Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft sichtbar geworden.

Weniger Vergangenheit, mehr Zukunft

Dass die Mönchengladbacher Öffentlichkeit bis heute hypersensibel auf salafistische Umtriebe reagiert, aber gleichzeitig andere Formen des Islamismus in ihrer Stadt verharmlost oder gar nicht erst zur Kenntnis nimmt, dürfte psychologisch begründet sein. Denn in den Jahren 2010 und 2011 war Mönchengladbach die erste deutsche Stadt, in der Salafisten um Sven Lau und Pierre Vogel öffentlich und martialisch in Erscheinung traten. Das hat vielen Menschen in der Stadt Angst gemacht. Als der Kabarettist Dieter Nuhr seine Zuschauer damals in der „gläubigen Stadt Mönchengladbach, der Hauptstadt der Salafisten“ begrüßte, dürfte so manchem Bürger der Stadt das Lachen im Hals steckengeblieben sein. Erst die fortgesetzten Proteste einer Bürgerinitiative machten dem Treiben des später aufgelösten Salafisten-Vereins Einladung zum Paradies (EZP) im Sommer 2011 ein Ende. Geblieben aber ist die Erinnerung an das Schreckgespenst der Salafisten.

Nur leben wir nicht mehr im Jahr 2011. Inzwischen ist es der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz-Chef Burkhard Freier, der, einer Schallplatte gleich, seit Jahren immer und immer wieder darauf hinweist, dass legalistische Islamisten, insbesondere in Gestalt der Muslimbruderschaft, mit ihrem Ziel eines Scharia-Staates längerfristig eine viel größere Gefahr für unsere Demokratie als Salafisten oder Jihadisten sind. Und dazu passt auch, dass die NRW-Landesregierung in diesem Jahr in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Landtag eingeräumt hat, dass bei den vom Verfassungsschutz beobachteten Moschee-Vereinen im Vergleich zum vorherigen Zeitraum weniger Vereine als salafistisch beeinflusst gelten und gleichzeitig mehr dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft zugeordnet werden. Damit wäre es auch in Mönchengladbach an der Zeit, beim Islamismus den Blick von der Gespenstern der Vergangenheit abzuwenden und stattdessen sensibler auf die Bedrohungen der Zukunft zu reagieren.

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