Neuer Sprecher, alte Probleme

Seit diesem Monat fungiert der DITIB-Funktionär Eyup Kalyon als Sprecher des Koordinationsrats der Muslime (KRM), dem größten Zusammenschluss islamischer Verbände in Deutschland. Öffentlich trat Kalyon bislang nur wenig in Erscheinung. Die wenigen Beispiele sind jedoch exemplarisch dafür, warum die DITIB und ihre Hofierung durch die deutsche Politik so problematisch sind.

Die DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld (Bild: Sigrid Herrmann-Marschall)

Anfang Oktober hat der Koordinationsrat der Muslime (KRM) turnusmäßig seinen neuen Sprecher bestimmt. Nachdem Mohamed El Kaada vom Zentralrat der Marokkaner in Deutschland (ZRMD) sechs Monate an der Spitze des KRM stand, folgt ihm für das nächste halbe Jahr der DITIB-Funktionär Eyup Kalyon.

Der Mitteilung des KRM zu dem Wechsel kann entnommen werden, dass sich der 2007 in Köln gegründete Dachverband trotz seiner überschaubaren Bekanntheit bei den deutschen Muslimen als legitimer Vertreter ihrer Belange gegenüber der Öffentlichkeit sieht. „Nach über zwei Jahren Pandemie und Beschränkungen wird es unsere erste Aufgabe sein, die Moscheen wieder als ein Ort der Zusammenkunft, der Gottesdienste und der Solidarität aufblühen zu lassen. Dabei brauchen wir mehr Zusammenarbeit innerhalb des KRM und eine aktivere Teilnahme an gesellschaftlichen Debatten, die ich gerne führen will“, unterstrich Kalyon diesen Anspruch.

Bislang aber trat der DITIB-Funktionär nur selten öffentlich in Erscheinung. So etwa letztes Jahr, als er in dem Video zur „Essenz des Ramadan“ verkündete, dass der Koran für alle Menschen gelte, nicht nur für Muslime. Für alle Menschen sei der Koran die Quelle der „Rechtleitung“, so seine Sichtweise.

BMI-Lob für DITIB-Ausbildung

Im Jahr zuvor war Kalyon Referent für Bildungsprogramme der DITIB-Akademie. Diese ist der DITIB-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld angegliedert und warb Anfang 2020 mit einer Auftaktveranstaltung für ihr Ausbildungsprogramm „Islamische Religionsbeauftragte“. Laut der DITIB-Akademie waren Dr. Matthias Belafi als Vertreter der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei sowie der CDU-Staatssekretär Markus Kerber als Vertreter des Bundesinnenministeriums Gäste der Auftaktveranstaltung. Belafi vertrat damit den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), Kerber den damaligen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Auf der Internet-Seite des Bundesinnenministeriums lobte Markus Kerber die DITIB-Veranstaltung nur einen Tag später vollmundig: „Dieser Tag ist ein wichtiger Tag: Der größte Dachverband islamischer Gemeinden in Deutschland beginnt mit der praktischen Ausbildung religiösen Personals – von Imamen, Predigerinnen und Predigern, Gemeindepädagoginnen und -pädagogen – in Deutschland und auf Deutsch“, sagte der CDU-Politiker. „Damit werden erste Voraussetzungen geschaffen, damit vermehrt Personal aus Deutschland in DITIB-Gemeinden eingestellt werden kann.“ Dies diene vor allem auch den Bedürfnissen der Gemeinden und ihrer Mitglieder. Das „Imam-Seminar“ der DITIB sei „ein erster Schritt in die richtige Richtung“, so sein Fazit. Es ergänze „bereits existierende Ausbildungsanstrengungen anderer Verbände“ sowie die universitäre Ausbildung in Osnabrück.

Kerber und das BMI schreckten bei ihrem Lob für die Veranstaltung nicht einmal davor zurück, das offizielle DITIB-Gruppenbild, bei dem sich fast alle Beteiligten entsprechend der islamischen Geschlechtertrennung für den Fotografen aufgestellt hatten, auch für den Eintrag auf der Internet-Seite des Ministeriums zu nutzen. Für ein Innenministerium, das die Verfassung und damit auch die Gleichberechtigung von Frau und Mann vertreten und verteidigen sollte, stellt dies eine kaum noch steigerbare Preisgabe der eigenen Werte dar.

Fazit

Nicht minder fragwürdig ist die Interpretation des BMI, die DITIB-Ausbildung sei eine „Ergänzung“ anderer Projekte. Dabei wird nämlich vergessen, dass im Vorfeld der Initiative zur universitären Ausbildung von Imamen in Osnabrück um das Jahr 2019 herum auch die DITIB im Gespräch war – aber nach Medienberichten ablehnte. Damit könnte das, was das BMI als Ergänzung versteht, genauso gut als Absage verstanden werden.

Im Kern aber läuft es auf die immer gleiche Problematik heraus: Neben den vielfachen Problemen, die mit der DITIB bestehen und schon früher bestanden haben, wird seitens der Politik immer wieder versucht, ihr entgegenzukommen. Da ist der Muezzin-Ruf, der seit wenigen Tagen in Köln zu hören ist, nur das aktuellste, aber sicher nicht das einzige Beispiel. Einerseits wird immer wieder darüber diskutiert, ob die DITIB vom Verfassungsschutz beobachtet werden soll – gleichzeitig aber steigert die deutsche Politik ihr Bemühen, es dem Verband möglichst überall rechtzumachen.

Das wird nicht anders sein, wenn jetzt ein DITIB-Funktionär wieder an der Spitze des KRM steht. Doch kann auch der Zusammenschluss verschiedener Organisationen unter dem Dach des KRM nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies die Problematik einiger Verbände nicht ändert. Im Gegensatz zur Mathematik ergibt hier Minus mal Minus nicht Plus. Und das schafft auch keinen allgemeinen Ansprechpartner, der Gegensätze überwindet. Es schafft nur größere Probleme, weil die grundsätzlich zu klärenden Fragen immer weiter in die Zukunft verlagert werden.