Hassprediger wie Popstar empfangen

Der ägyptische Autor und Prediger Omar Abdelkafi tourte diesen Sommer durch Deutschland. In Göttingen empfangen ihn Hunderte seiner Anhänger wie einen Popstar. Die britische Times beschrieb ihn anlässlich eines Auftritts in Irland als „Hassprediger“. Auch soll er über das Töten von Juden gepredigt haben. In Deutschland aber gab es keine Medienberichterstattung zu seinen Auftritten.

Omar Abdelkafi bei seinem Auftritt am Göttinger Kiessee (Belegbild von seinem YouTube-Kanal, veröffentlicht am 11. Juli 2022, abgerufen am 5. November 2022)

Omar Abdelkafi ist ein ägyptischer Autor und TV-Prediger. Er wird der Muslimbruderschaft zugerechnet und seine Reden werden weltweit von Millionen Anhängern angehört. Allein sein YouTube-Kanal wird von mehr als acht Millionen Menschen verfolgt. Wie bei vielen Predigern dieser Art gibt es auch für seinen Namen verschiedene Schreibweisen. Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnete ihn bereits 2002 als „Scharfmacher“. Die britische Times beschrieb ihn im Mai anlässlich eines Auftritts in Irland als „Hassprediger“, der „antisemitische und antiwestliche Haltungen“ habe. Seine radikalen Sichten umfassen Botschaften wie etwa, dass die 9/11-Anschläge eine „Komödie“ seien und die Pariser Attentate von 2015 eine „Fortsetzung“ davon. Auch meint er, Frauen, die ihr Haar unbedeckt tragen, drohe schon im Grab eine furchtbare Strafe. Die Androhung einer sogenannten Grabesstrafe ist unter streng religiösen Gelehrten ein weit verbreitetes Motiv. Predigten über das Töten von Juden sowie antisemitische Verschwörungstheorien, über die Jewish News berichtet hatte, runden den schlechten Eindruck ab.

Abdelkafi kommt seit vielen Jahren immer wieder nach Deutschland und wird in einschlägig bekannte Moscheen eingeladen. Eine seiner ersten Stationen in Deutschland war 2003 das Islamische Zentrum Aachen, in dem er seitdem wiederholt auftrat. Bei der wichtigen Konstituierung des deutschen Ablegers des muslimbruderdominierten European Council for Fatwa and Research (ECFR), dem Fatwa-Ausschuss Deutschland, saß er 2016 in Berlin auf dem Podium.

Eine Streifenwagenbesatzung beobachtet die Großkundgebung

Von seiner diesjährigen Tour Anfang Juli existieren Ankündigungen und Aufnahmen. Darunter ist ein Video, das den Prediger unter freiem Himmel vor Hunderten Gläubigen zeigt, die ihn mit gesungenem „Allahu Akbar“ empfangen. Das Event wurde sogar mit einer Drohne von oben aufgenommen. Beschützt wird Abdelkafi dabei von deutschsprechenden „Sicherheitskräften“ in gelben Warnwesten. Die Veranstaltung fand augenscheinlich auf der großen Wiese am Kiessee in Göttingen (Niedersachsen) statt. Für einen kurzen Moment ist im Drohnenbild am Rande der Kundgebung auch ein einzelnes blau-weißes Fahrzeug mit gelbem Streifen zu erkennen. Diese Art der Bemalung ist in Deutschland den Fahrzeugen von Polizei und Ordnungsamt vorbehalten.

Ob die Großveranstaltung mit Volksfestcharakter angemeldet war, ist nicht bekannt. Aber selbst wenn dem nicht so gewesen sein sollte, wäre die in diesem Fall gesetzlich mögliche Auflösung angesichts der erheblichen Unterzahl der Streifenwagenbesatzung gar nicht durchführbar gewesen. Die Präsenz der einsam wirkenden Streifenwagenbesatzung belegt jedoch, dass die Behörden von dieser Kundgebung zumindest im Nachgang Kenntnis genommen haben müssen.

Auftritte auch im Rhein-Main-Gebiet

Doch auch das Rhein-Main-Gebiet war eine Station bei Abdelkafis Deutschland-Tournee. So war er etwa in der Offenbacher Al-huda Moschee für den 7. Juli angekündigt. Die Moschee, die in einem Zweckbau neben einem Lebensmittelgeschäft im Stadtteil Lauterborn untergebracht ist, fällt seit mehreren Jahren immer wieder durch die Einladung radikaler Gastredner auf. So war unter anderem schon der Prediger Tarik ibn Ali, aber auch der langjährig im Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft aktive Münchner Imam Ahmad Al Khalifa, dort zu Gast. Dass Abdelkafis Auftritt im Juli tatsächlich stattgefunden hat, belegt ein Handy-Video, das pikanterweise auf der Facebook-Seite des benachbarten Lebensmittelgeschäfts veröffentlicht wurde. Auf dem Video ist auch zu sehen, dass er von Khaled Hanafi begleitet wurde, dem Vorsitzenden des Fatwa-Ausschusses.

Begrüßt wurde Omar Abdelkafi bei diesem Auftritt vom Imam der Al-huda Moschee, Ahmed Holeil El Saidi. Auch für El Saidis Namen existieren verschiedene Schreibweisen. El Saidi ist der ehemalige und Gründungsvorsitzende des Rats der Imame und Gelehrten Deutschlands (RIGD), der regelmäßig im hessischen Verfassungsschutzbericht erwähnt wird. Im Zentralrat der Muslime (ZMD) ist dieser Rat, zumindest nach den letzten öffentlich verfügbaren Angaben des ZMD, assoziiertes Mitglied. El Saidi ist auch auf Aufnahmen des European Council of Imams (ECM), einer neueren Gründung, zu sehen, die ebenfalls der Muslimbruderschaft zuzurechnen ist. Außerdem war noch im Mai dieses Jahres auf der Internet-Seite des „Arabisch-Deutscher Kulturverein“, des Trägervereins der Al-huda Moschee, zu dem Imam zu lesen, er sei Mitglied der „internationalen Vereinigung der muslimischen Gelehrten“. Damit ist wohl die „International Union for Muslim Scholars“ (IUMS) gemeint. Die IUMS vertritt immer wieder fragwürdige, antisemitische und verschwörungstheoretische Haltungen; in einigen Ländern gilt sie nicht nur als Terror-Unterstützer, sondern selbst als Terror-Organisation.

Abdelkafi soll auch in der Frankfurter Tarik ben Ziad-Moschee gewesen sein. Diese Vermutung legt zumindest die Antwort El Saidis auf die Nachfrage eines Anhängers auf seinem Facebook-Profil nahe. Dort wurde er wohl für das Freitagsgebet am Folgetag angekündigt. Überraschen würde das nicht. Der Gebäudekomplex dieser Moschee im Frankfurter Gallus ist ebenfalls dem Netzwerk der Muslimbruderschaft zuzuordnen. So war die Moschee Mitglied des später aufgelösten Deutsch-Islamischen Vereinsverbandes Rhein-Main (DIV), der ebenfalls unter der Beobachtung des hessischen Verfassungsschutzes stand. Auch diese Moschee fiel in der Vergangenheit mehrfach durch die Einladung radikaler Prediger auf, wurde aber zwischenzeitlich durch die Frankfurter Stadtgesellschaft erneut mit einem Vertrauensvorschuss bedacht. Sollte die Angabe stimmen, wäre Abdelkafi auch nicht das erste Mal in dieser Moschee gewesen; so existiert ein Video von einem Besuch im Jahr 2018. Ob das Video von einem Auftritt Abdelkafis, das mit „Frankfurt“ bezeichnet ist und zu passender Zeit auf seinem Kanal hochgeladen wurde, tatsächlich aus der Tarik ben Ziad-Moschee stammt, ist nach Anschauung alleine nicht zweifelsfrei klärbar.

Mehr Möglichkeiten für Hassprediger als in anderen Ländern

Hassprediger aus dem Aktionsgeflecht der Muslimbruderschaft sind in Deutschland nur wenig bekannt. Dies ist auch darin begründet, dass ihnen die deutschen Medien – im Gegensatz zu denen anderer Länder – keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Hinzu kommt, dass auch Einreiseverbote für Hassprediger in Deutschland schon seit Jahren kein Thema mehr sind. Und last but not least haben die jeweiligen Stadtgesellschaften zu den Einrichtungen, in denen solche Leute auftreten, ein sehr freundliches und wohlwollendes Verhältnis. Im Endergebnis führt all das dazu, dass solche Hardliner in Deutschland immer wieder eingeladen werden und auf die entsprechenden Gemeinden einwirken können. Integrativ ist das sicherlich nicht.

Die Videos und die Anhängerzahlen solchen Prediger lassen nur den Schluss zu, dass die Beeinflussung durch solche Personen nicht abnimmt. Die starke Ehrerbietung für diesen problematischen Mann lässt nicht hoffen, dass sich die Anhänger mittelfristig in ihren Haltungen ändern und hiesige Werte jenseits der nützlichen Vorspiegelung geteilt werden. Damit bleibt nur noch die Hoffnung, dass zumindest die Verfassungsschutzbehörden solche Prediger sowie die Einrichtungen, in denen sie auftreten, und natürlich auch ihr jeweiliges Netzwerk intensiv beobachten.