Frankfurter Junge

Homer ist 18. Und er ist Islamist.

 

 

Ein Motto auf seiner Facebook-Seite ist: „Der nette Marokkaner von nebenan“. Das entspricht seinem Selbstbild. Spricht man mit Homer (Name geändert) jedoch über seinen Glauben, fällt die Nettigkeit von ihm ab. Dann wird schnell klar: Homer lehnt die westliche Gesellschaft stark ab und er glaubt an den unausweichlichen Sieg des Islams. Er sehnt diesen Sieg herbei, wird aggressiv, wenn man ihm widerspricht.

Homer wirkt auf den ersten Blick lustig, er kann sich oberflächlich benehmen und es fällt an ihm wenig außer den starken Augenbrauen auf. Ein Junge, wie es viele gibt: dunkelhaarig, Frisur seitlich sehr kurz und oben länger, schmale Statur. Sicherlich niemand, der von seiner Wirkung und seinem persönlichen Auftreten her gehänselt wurde an einer Frankfurter Schule oder dort Aussenseiter ist. Er hat fast 2000 Facebook-Freunde und postet häufig, was er so macht mit „den Jungs“. Er selber sagt, dass er gerade Abitur macht und danach studieren will. Der Bruder soll in einer nahen Universitätsstadt bereits auf Lehramt studieren. Homer möchte Deutsch-Lehrer werden. Seine Schriftsprache auf Facebook steht dem jedoch entgegen; zumindest muss er da noch viel lernen.

Homer ist schon sehr lange in der Szene. Nach eigenem Bekunden seit 2009, es gibt ein frühes Video. In weiteren Videos der mittlerweile verbotenen Gruppierung Dawaffm kann man ihn ab 2011 sehen. Vermutlich kam er zu dieser Zeit durch einen Verwandten mit der Szene in Kontakt, denn er hat schon als 12 jähriger bei den Dawaffm-Grillfesten ein traditionelles Gewand an. In den ersten Videos ist er deutlich der Jüngste, den man mitnimmt zum Flyer-Verteilen und ähnlichem. Aus den Augen des Jungen in diesen Videos leuchtet Stolz, da ist ein Kind froh, dass es an einer ernsten und großen Sache mithelfen kann.

Aus den Folgejahren gibt es immer wieder Videos, in denen er mitmacht, z.B. bei dem Abholen eines „Bruders“ nach der Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt. Den Jungen Enes aus der Dokumentation „Sterben für Allah“ kannte er. Enes ist mittlerweile tot, aber Homer redet nur so viel über ihn, dass es sein freier Wille war, nach Syrien zu gehen. Auch seine Mutter und ihr Leid kennt er. In 2015 traf er auf Pierre Vogel und den belgischen Hassprediger Tarik ibn Ali. Mit beiden macht er Selfies und stellt sie ins Netz. Er nimmt an Kader-Treffen teil. Auch davon gibt es Bilder. Die Eltern könnten alleine schon aus dem Internet wissen, was ihr Sohn tut. Wahrscheinlicher ist, dass sie auch ohne Internet nach wie vor informiert sind über das, was ihr Sohn macht und sie es für eine normale Betätigung eines jungen Mannes halten. Seit kurzem hat Homer eine Freundin. Ob sie weiß, wie Homer ihre Beziehung sieht, ist unklar. Er hält das für eine persönliche Sünde, für die er sich vor Gott verantworten muss.

Homer gibt offen zu, Islamist zu sein und auch, bei den Frankfurter LIES-Aktivisten mitzumachen. Er verteilt zwar keine Korane, solche Bilder gibt es nicht von ihm, aber er wirkt im Hintergrund. Auf der Strasse organisiert er andere Jugendliche, wenn es um Gegenaktionen zum Beispiel gegen protestierende Christen geht. Dann ist Homer dabei, ist Anführer, Anstifter und Wortführer, wenn es Diskussionen gibt. Er trifft sich häufiger auf der Zeil mit Gleichgesinnten, knüpft neue Kontakte zu anderen Jugendlichen. Homer ist sehr kommunikativ und durch sein zunächst nicht frömmelndes Auftreten  kommt er auch an Jungen und Mädchen, die nicht stark gläubig erscheinen. Die Selbverständlichkeit, mit der er den Sieg des Islams verkündet, hat jedoch sicher eine Wirkung auf entsprechend disponierte Jugendliche. Er ist bis in die Haarwurzeln gefestigt in seiner Ideologie: Der Fanatismus kommt cool daher. Homer ist kein „Opfer“.

Er nimmt die hiesige Bildung wahr, die Gesundheitsvorsorge und die Infrastruktur. Für ihn sind Ungläubige dumm und minderwertig, bestenfalls Missionierungsgut. Zu „uns“ will er nicht gehören. Das Selbstverständliche ist ihm nichts wert, er nimmt es als Vorzug dieser Gesellschaft nicht wahr in seiner Ablehnung der westlichen Welt. Nach seiner Sicht unterdrückt „der Westen“ die Muslime, die Muslime litten weltweit. Den sogenannten Islamischen Staat findet er gut. Dort könne der Islam gelebt werden. Köpfungsvideos seien meist gestellt, er vermutet da eine Verschwörung. Überhaupt seien die Medien mit schuld am Leid der Muslime, es gäbe eine Verschwörung weltweit gegen die Muslime, die er als globale Einheit betrachtet. Natürlich trage auch die Deutsche Regierung, wegen Afghanistan und Waffenverkäufen, Schuld. Die Muslime selber seien von ihrem Glauben entfernt hier. Homer brüstet sich damit, für den IS anzuwerben. Das erscheint glaubhaft, denn sein Vernetzungsgrad ist schon aus den öffentlichen Quellen ausreichend dafür. Aktuell läuft gegen ihn ein Ermittlungsverfahren.

Homer lebt unter uns. Er ist ein Frankfurter Junge.

Mahnwache vom 30.05.2015

Von 16-18 Uhr vor dem „My Zeil“. Vielen Dank für den umsichtigen Schutz an die Frankfurter Polizei.

Mit dabei war die Kurdisch-Israelische Freundschaft (KIFA). Herzlichen Dank für die Unterstützung.

Dies ist ein vorläufiger Bericht, der noch ergänzt wird durch die Eindrücke der Mitstreiter sobald sie diese verschriftlichen. Ich stelle ihn aber schon jetzt online, weil es heute noch mal anders war als sonst.

Ein etwa neunjähriges Mädchen kam mit seiner einige Jahre älteren Schwester vorbei. Die Schwester trug Kopftuch, das jüngere Mädchen nicht. Das kleine Mädchen ging ohne große Umschweife in die Offensive: Das Schild sei beleidigend (ich hatte das Schild „Frankfurt zeigt Gesicht gegen Islamismus“), meinte sie. Ich wollte erklären, kam aber kaum zu Wort, da das Mädchen dauernd unterbrach. Dann fragte ich sie, wenn ich nicht erklären dürfe, was sie denn unter dieser Aufschrift verstehe. Sie konnte das nicht erklären, nur dass es beleidigend sei. Mit der älteren Schwester konnte ich dann ein paar Sätze wechseln, versuchte, das Wort Islamismus zu erläutern. Auch sie meinte jedoch, ich solle das Schild herunternehmen. Ich verneinte, das machte sie ärgerlich und es war den Schwestern deutlich anzumerken, dass sie es nicht gewohnt sind, darüber überhaupt nachzudenken.

Zwei weitere Mädchen, vielleicht 14, waren schon einmal da gewesen und erinnerten an das Gespräch. Das letzte Mal waren wir uneins geschieden. Sie fragten wieder, was das denn bringe. Ich erläuterte ein weiteres Mal unter Hinweis auf die Radikalisierung und sie meinten, das sei die Privatsache von den Jungen. Auf meine Frage, ob das auch für Nazis gelte, dass deren Meinung Privatsache sei und man das einfach hinnehmen und nicht diskutieren müsse, kam wenig. Es wurde deutlich, dass die Mädchen mit politischer Meinungsäußerung wenig anzufangen wussten und nur in den Kategorien „beleidigt mich“ oder „ist neutral“ denken konnten.

Ein junger Linker sprach mir ab, auch links sein zu können, weil er mein Schild nicht verstand.

Eine sehr traditionell gekleidete Muslima fragte mich, ob ich sie für radikal halte. Ich sagte ihr, dass ich das nicht notwendigerweise an Kleidung, sondern an den Haltungen festmache. Ich versuchte dann, das Wort Islamismus, das sie störte, zu erläutern als Gesprächsangebot für beide Seiten, weil wir eben über die Inhalte sprechen müssten. Obschon ausreichend sprachkundig, schien sie das nicht zu verstehen.

Eine Kleingruppe junger, westlich gekleideter Muslimas blieb stehen und diskutierte unter sich. Ich schnappte auf, dass sie sich über die Damen in traditioneller Kleidung ärgerten, die „immer solche Probleme machen“. Da ich nicht angesprochen wurde, lies ich die jungen Frauen das miteinander ausdiskutieren.

Mehrere Passanten liefen vorbei und beschimpften uns. Einmal konnte ich deutlich das Wort „Shaytan“ (Teufel) hören. Einige englischsprachige Besucher waren durch mein „Achmed the dead terrorist“-Shirt aufmerksam geworden und liessen sich das Anliegen erklären. Dieses Shirt zieht immer englischsprachige Touristen an, da der zugrundeliegende Bauchredner-Sketch weite Verbreitung hat im angloamerikanischen Raum.

Mittlerweile hatte sich um einen Mitstreiter eine größere Gruppe gebildet, die diesem immer näher rückte. Der Mitstreiter, dem es dann doch zu eng und aggressiv wurde, trat aus dem Kreis zu mir herüber. Die Gruppe nahm sich nun einen anderen Mitstreiter vor, dem sie in gleicher Weise zusetzte. Die Gruppe war plötzlich aufgetaucht und bestand aus bestimmt 20 jungen Männern. Unter ihnen war – er war Wochen nicht dagewesen – Ilyas K., der mit verschiedenen Mitstreitern die Direkt-Konfrontation suchte. Weitere Grüppchen tauchten auf, umringten ihrerseits sehr eng. Es wurde unübersichtlich.

Währenddessen wurden 10 unserer Plastik-Schilder gestohlen, unser „Demo-Koffer“ geplündert.

Es gab heftige Wortgefechte, man zog die Kreise noch enger um uns. Plakate aus Pappe wurden zerrissen bzw. auf sie geschlagen. Einen Mann, der ein Plakat zerschlagen hatte, konnte ich dingfest machen und habe ich anzeigen müssen. Leider hatte ich den Eindruck, dass er sich nur zu gerne nicht nur am Plakat vergriffen hätte. Einer Mitstreiterin mit einem Papp-Plakat hielt ein junger Mann eine Spraydose und ein Feuerzeug unter die Nase und drohte, das Plakat abzufackeln. Mitstreiter wurden absichtlich angerempelt, um dann zu schreien, dieser habe sie geschlagen oder hätte ihn angefasst. All das sehr aggressiv und mit gruppenweisem Vorgehen. Mehrere wurden gefragt, ob sie denn keine Angst hätten, später dann nach Hause zu gehen. So alleine.

Als ich K. einen Platzverweis aussprach, ignorierte er ihn. Ich lief zur Polizei, um das Platzverbot durchsetzen zu lassen. Plötzlich stürmten 15 junge Männer mit mir zur Polizei und riefen, ich hätte „Scheißmoslems“ zu ihnen gesagt, sie wollten nun mich anzeigen. Ich riet zur Anzeige und meinte nur, gut, dann weiß ich ja endlich, mit wem ich es zu tun habe. Ein bekannter Unterstützer verkündete, er habe eine Aufnahme. Ich bat darum, sie vorzuspielen. Der Mann drückte sich weg. Später traf ich noch mal auf ihn, er war weiter aggressiv. Er sagte dann zu mir, er hätte mich angezeigt, wenn er Beweise gehabt hätte (was natürlich Unsinn ist, diesen Beweis konnte es nicht geben, weil ich das nicht sagte und nie sagen würde).

Mahnwache 150530 II

 

Zwei Männer traten hinzu, vielleicht Vater und Sohn. Der ältere Mann störte die Gespräche mit mehreren jungen Frauen. Er rief immer wieder dazwischen, fragte mich immer wieder sehr aggressiv, was ich denn gegen den US-Imperialismus unternähme. Ich bekundete, dass dies nicht das Thema dieser Demo sei, er liess mich jedoch keine zwei Sätze am Stück sprechen. Ich wollte mich dann wieder den jungen Frauen zuwenden, was er durch ostentatives Zwischenrufen störte. Ich wies ihm vom Platz. Er kümmerte sich nicht darum, sagte, das dürfe ich nicht. Der jüngere Mann fragte fast genauso aggressiv nach, auf Grund welchen Gesetzes ich mir das anmasse. Ich outete mich als Versammlungsleiterin nach Versammlungsgesetz und Frankfurter Sondernutzungssatzung und wiederholte meine Forderung. Der junge Mann sagte nun er „lerne Richter“ (!). Aus einer Laune heraus fragte ich ihn nach dem Art. 4 GG. Nichts, aber: Er „lerne Strafrichter“ (!!). Nun gut, ich also: „Ok, was steht im § 164 StGB so ungefähr, welcher Teil ist das?“. Wieder nichts. Die Polizei nahm die Herren beiseite. Wenige Minuten später waren die Herren wieder auf dem Platz. Der Mann war weiter aggressiv. Ich forderte ihn auf, nicht in dieser übergriffigen Weise mit mir zu sprechen. Er meinte, das könne ich wohl glauben, dass er aggressiv sei. Dabei schaute er sehr befremdlich, ich muss schon sagen, hasserfüllt. Ich erinnerte an den Platzverweis, er habe wohl ein Problem mit Regeln. Darauf er: „Ja, mit ihren Blockwart-Regeln!“. Kurz nach Veranstaltungsschluss gingen die beiden zur Polizei, um sich den Namen des Einsatzleiters geben zu lassen. Sie würden gegen den Platzverweis Widerspruch einlegen (was natürlich sinnlos ist und rein querulatorisch).

Erprobt ruhige und geduldige Mitstreiter, die schon etliche aggressiv aufgeheizte Mahnwachen durchstanden haben, gerieten heute an ihre Grenzen. Eine neue Mitstreiterin, ihr wurde das Plakatabfackeln angedroht, war hinterher deutlich beeinträchtigt.

Seit ca. 4 Wochen ist der Lies!-Stand auf der Zeil in Frankfurt nicht mehr regelmäßig besetzt und auch die Unterstützer blieben weg. Dem Anschein nach ist die Szene aufgeschreckt. Heute nun kamen sie massiv zurück in neuer Formation. Eine größere Anzahl, aggressiver, besser organisiert. Man versucht es nun noch stärker mit organisiertem Druck. Diesem Druck darf man nicht nachgeben. Es geht darum, seine Meinung relativ frei sagen zu können. Es geht um die Deutungshoheit der Begriffe. Und es geht um die Macht auf der Strasse. Wer hat sie? „Wir“ oder schon eine Masse, die sich in der Anonymität herausnimmt, zu lügen, zu nötigen, Menschen als Untermenschen zu bezeichnen? Wir sagen: Nein! Diesem Druck einer anonymen Masse darf man nicht nachgeben! Straßenradikalisierung findet statt. Bei der Mahnwache wird sie fühl- und erfahrbar.

Es entstand ein Sachschaden von etwa 200 Euro (ich muss ihn noch genau beziffern).

 

Nachtrag:

Die Aktivisten von LIES! haben nach meiner Kenntnis gestern keine Koranverteilung durchgeführt. Trotzdem haben sie ein Bild eingestellt, das die Aktivität vom 30.05.2015 darstellen soll.
Man beachte die Bäume:

LIES Frankfurt falsches Bild 150530

Quelle: DWR fb-Seite