Auf dem Weg zur Einheitsreligion?

Unterzeichnung der „Washingtoner Erklärung“

Vor etwa zwei Jahren wurde in Marrakesch eine Erklärung unterzeichnet, die nach diesem Ort benannt ist. Inhalt war eine Absprache zu den Rechten von Minderheiten in islamischen Ländern. Dies wurde international breit als ein Durchbruch bezeichnet und kirchliche Akteure sparten nicht mit Lob. Dieses war leider unverdient, denn man hatte das Kleingedruckte entweder in der Verve übersehen oder half mit, des Pudels Kern medial ansprechend zu verhüllen. Schließlich gibt es mancherorts gemeinsame Interessen. Sie beinhaltet, ummantelt mit einem wohlklingenden, aber im Grunde bedeutungslosen Papier der guten Absichten, den Rückgriff auf die Charta von Medina

https://vunv1863.wordpress.com/2017/06/03/die-marrakesch-deklaration/

Dazu auch:

http://www.ezw-berlin.de/html/15_7020.php

Auch der Weltkirchenrat stimmte mit ein in die Hymnen:

Anlass für die Konferenz in Marrakesch war die Charta von Medina, die vor 1.400 Jahren zwischen dem Propheten Mohammed und der Bevölkerung der Stadt geschlossen worden war. Die Charta von Medina habe die Religionsfreiheit für alle Menschen garantiert, so der Weltkirchenrat.

https://www.ekd.de/news_2016_02_02_1_weltkirchenrat_religionsfreiheit.htm

Das ist faktisch falsch.

 

Keiner im Weltkirchenrat in der Lage zu erfassen, dass mit dieser Art der „Religionsfreiheit“ nicht die nach westlichen Vorstellungen, sondern eben jene nach den Vorgaben der Charta von Medina gemeint ist, die mit minderen Rechten, Unterordnung und Kopfsteuer u.a. vergesellschaftet ist? Religionsfreiheit ist nicht das wichtigste Recht, auch wenn kirchliche Akteure anscheinend alles andere vergessen, wenn dieses Signalwort fällt. Würde, freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und eine egalitäre Auffassung vom Menschsein sind ihr im Prinzip vorgeordnet. All das wird von der Charta von Medina für Andersgläubige in Frage gestellt.

Aktuell wurde nämlich ein weiterer Meilenstein zur religiösen „Einheitsfront“ gesetzt. Mit der „Washingtoner Erklärung“ sichert man sich gegenseitig Unterstützung zu:

United by the shared values of the Abrahamic faith traditions, conference organizers hope to empower clergy and religious leaders to mobilize their congregations to take concrete steps in support of religious minorities both in the United States and around the world.

Media are invited to cover the declaration signing and participate in the press conference on Wednesday, February 7, 2018. RSVP is requested. Please RSVP to Sarah Garfinkel 202-776-7700 or sarah@westendstrategy.com.“

Das Gottesbild ist ein anderes. Das Menschenbild ist ein anderes. Deswegen haben sich Christentum und Islam ja abgespalten bzw. sind aufeinander gefolgt bei bestimmten Populationen (mediterran großräumig betrachtet, oder halt direkt vom Polytheismus zum Islam in anderen). Von Muslimen wird das – abseits der Dialogtische – durchaus häufiger auch so gesehen: Judentum und Christentum seien Verirrungen, die vom geraden Weg von Abraham herkommend abführten. Schon im Gebet in der Rezitation der ersten Sure

Leite uns den geraden Weg, den Weg derjenigen, denen Du Gunst erwiesen hast, nicht derjenigen, die (Deinen) Zorn erregt haben, und nicht der Irregehenden!

Damit sind üblicherweise die Christen gemeint.

Aber was sind solche Kleinigkeiten schon gegen gemeinsame Interessen?

Hier wird nun auf die frühere Erklärung zurückgegriffen, anscheinend damit niemand mehr durchblickt, dass man mit einer solchen Unterzeichnung im Grunde auch seine (bzw. die der christlichen Mitbrüder i.W. nach Kairoer Erklärung) minderen Rechte nach Scharia akzeptiert:

The Washington Declaration builds on the Marrakesh Declaration, signed January 27, 2016, by more than 350 Muslim scholars and leaders from more than 60 counties in the Muslim and Arab world. The Marrakesh Declaration affirmed the rights of religious minorities in Muslim majority countries.

http://binbayyah.net/english/hundreds-of-religious-leaders-to-affirm-rights-of-religious-minorities-and-respect-for-muslims-in-united-states/

In der Stellungnahme heißt es auch:

The gathering leading up to the Washington Declaration is hosted by the Forum for Promoting Peace and H.E. Shaykh Abdullah Bin Bayyah, the forum’s president, who will address the religious leaders.

“Like many evangelicals in America, I am very much concerned about my fellow Christians around the world and their ability to safely practice their faith. At the same time, what is often lost in conversations about global religious freedom is that concern for my fellow Christians abroad must extend to Muslims at home,” said Roberts, who, along with Magid and Saperstein, is a convener of the American Peace Caravan, an effort to build relationships and foster collaboration among leaders of the three major Abrahamic faiths. “We are our brother’s keeper and we are called to do unto others as we would have them do to us. It is in the spirit of this call that is critical for all Christians, including my fellow evangelicals, to build relationships with people of other faiths and support efforts like the Washington Declaration.

Man erinnere sich: Der gleiche Herr bin Bayyah ist der Stellvertreter Yusuf al Qaradawis, der ein „Berg an Weisheit“ für ihn darstellt. Zu Al Qaradawi und den jüngeren Positionen der Muslimbruderschaft:

https://vunv1863.wordpress.com/2018/01/01/muslimbrueder-ein-puzzle-mit-vielen-teilen/

Man beachte auch die Überschrift zum Treffen auf der bin Bayyah-Seite:

HUNDREDS OF RELIGIOUS LEADERS TO AFFIRM RIGHTS OF RELIGIOUS MINORITIES AND RESPECT FOR MUSLIMS IN UNITED STATES

Dafür allerdings sind sie nutzbar, die beteiligten Christen und Juden.
Dass sich bin Bayyah allerdings gegen al Qaradawi gestellt hätte hinisichtlich seiner Einlasungen zu Israel – da hört man nichts. Wie auch.

Man muss schon sagen, die Herren Muslimbrüder & Co haben die Sache mit dem Marketing in westlichen Gesellschaften verstanden und wissen, wen sie wofür benutzen können: Christen seien in ihren Dialogbemühungen nützliche Mitstreiter, wie ja auch in einer der jüngeren Ausgaben des Magazins der Muslim World League angeregt. Und da ist der Herr bin Bayyah ja auch, s.Bild. Aber bevor es zu einseitig wird: Zu einem Betrug gehören oft zwei, denn hier ist es den beteiligten Gelehrten und auch oben dem Weltkirchenrat anzurechnen, dass sie da mitmachen. Auf der Ebene sollte man Durchblick haben oder sich welchen organisieren können. Hat man ihn nicht, ist das kaum als Fahrlässigkeit zu werten, sondern muss als Absicht befürchtet werden.

Die Linsengerichte brachten auch schon mal mehr ein.

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Al Tayyib: „Jerusalem-Jahr“ ausgerufen

Kairoer Konferenz zur Jerusalem-Frage

Am 17. und 18. Januar fand in Kairo eine Konferenz statt, zu der die Al Azhar Universität und das „Muslim Councils of Elders“ geladen hatten. Das letztere Gremium wurde 2014 gegründet und hat als eine der Zielvorgaben die „Wiedervereinigung der islamischen Nation“:

Council will endeavour to reunite Islamic nation, extinguish fires sweeping region

The announcement was made at a press conference on the eve of a meeting attended by a group of scholars and thinkers from the Islamic world headed by Grand Imam of Al Azhar Dr Shaikh Ahmad Al Tayyeb and Shaikh Abdullah Bin Bayyah, Chairman of the forum.

http://gulfnews.com/news/uae/government/muslim-council-of-elders-set-up-in-abu-dhabi-1.1361897

Damit waren – im Marketing wurde durchaus mit der Assoziation gespielt, es handele sich auch um interreligiöse „Feuer“ – eigentlich nur die Bruderzwiste in der Gemeinschaft der Muslime gemeint, aus obigem Artikel zur Gründung:

The move follows the recommendations of the Forum for Promoting Peace in Muslim Societies, held here in early March.

Wenn es gegen einen gemeinsamen Feind geht, ist man sich ja rasch einig.

Ahmad Al Tayyib, seines Zeichens Leiter der Al Azhar, hat nunmehr 2018 zum „Jerusalem-Jahr“ ausgerufen. Man erinnere sich: Das ist der Herr, der auf den letzten evangelischen Kirchentag geladen war, nette Bilder mit Politikern machte und dort so sprach:

Der Islam trage keine Schuld an Anschlägen und Terror. Das hat der Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, Ahmad al-Tayyeb bei seinem Vortrag auf dem Kirchentag betont. Terror müsse ein gemeinsamer Feind sein. […] Al-Tayyeb wandte sich besonders an die jungen Menschen. Sie müssten eine Friedensbotschaft aussenden, die Kultur des Hasses beenden, die trennenden Mauern zwischen Kulturen zu überwinden und Brücken bauen, damit die Menschen so leben können, wie es dem 21. Jahrhunderts angemessen sei. Er äußerte die Hoffnung, dass ein Leben in Frieden und Brüderlichkeit zwischen Religion möglich sei. Es sei ein Anliegen seiner Institution, den Ruf des Islams zu retten und eine Botschaft des Friedens zu lehren. Dazu wolle die Al-Azhar auch Muslime aufklären, dass sich Extremisten nicht auf den Koran berufen könnten.

https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/terror-ist-des-teufels/

Diese Sichten muss man verstehen und einordnen: Es ist eine ausschließlich egozentrische Sicht nach der man weder persönlich noch als Teil des von ihm definierten Kollektivs schuld sein kann an Terror. Sofern Terror irgendwie als eine Art Verteidigungskrieg auf eine „Provokation“ hin definiert werden kann – die Schwellen sind da niedrig – ist Terror kein Terror mehr, sondern legitim. Terror wird einfach passend umdefiniert. Wenn die Kirchen – und andere – meinen, Al Tayyib irgendwie bei seinen Worten nehmen zu können und ihn dazu zu bewegen zu können, allgemein zum Frieden aufzurufen, so irren sie. Das sind Erzählungen, wie er sie für die hiesige Öffentlichkeit und die Personen für geeignet hält, die seiner Sache nützlich sein können. In Kairo werden nämlich ganz andere Töne angestimmt:

A major conference held in support of Jerusalem warned Thursday evening that US President Donald Trump’s decision recognising the holy city as Israel’s capital will fuel militancy in the world.
“This decision, unless immediately withdrawn, will feed violent extremism and spread it all over the world,” according to the conference that Al Azhar, Sunni Islam’s influential centre of learning, hosted in Cairo for two days.[…] Scholars and clerics from 86 countries attended the conference, which Al Azhar held in conjunction with the Muslim Council of Elders based in the UAE.

http://gulfnews.com/news/mena/palestine/al-azhar-forum-warns-trump-s-jerusalem-move-will-fuel-militancy-1.2159620

Dass diese Stellungnahme, als nüchterne Bestandsaufnahme getarnt, genau das ist, nämlich eine Weiterlesen

Graue Eminenzen

Die Diyanet in Deutschland und darüber hinaus

Mit der Diyanet in Deutschland ist es ein wenig wie mit dem Unschärfeprinzip in der Physik: Impuls und Ort können nicht gleichermaßen genau festgestellt werden. Der Versuch, da ein wenig mehr Einblicke zu bekommen, wurde vorgestern bei einer Veranstaltung in Wiesbaden ein weiteres Mal unternommen. Auf Einladung der Karl-Hermann-Flach-Stiftung diskutierten Prof. Dr. Rudolf Steinberg (Jurist), Prof. Dr. Susanne Schröter (Ethnologin) und Dr. Bekir Alboğa (Islamwissenschaftler und Generalsekretär sowie verantwortliches Mitglied für die interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit im DITIB-Bundesverband) zu der Frage „Der Islam in Deutschland – ein deutscher Islam?“. Es wurde deutlich, dass aus juristischer Sicht eine Gleichbehandlung mit den Kirchen z.B. der DITIB nur dann in Frage komme, wenn die konkreten Bezüge zur Diyanet gekappt würden und keine Auslandsfinanzierung mehr relevant sei. Alboga verwies auf die Einbindungen der katholischen Kirche. Das an diesem Punkt relevante Argument, dass man nämlich trotz Auslandseinflüssen (vielleicht wider besseres Wissen?) die Ahmadiyya als KöR anerkannt hatte, fiel sogar nicht einmal.*

Auch Frau Schröter versuchte, Antworten hinsichtlich des Auslandsbezugs zu erhalten. Sie verwies auf explizit politische Freitagspredigten und auch die bekannt gewordenen Märtyrer-Comics der Diyanet. Alboga begründete die problematischen zwei Freitagspredigten damit, dass man zu dieser Zeit „emotional involviert“ gewesen sei. Man hätte – im Nachhinein betrachtet – diese Passagen wohl nicht schreiben und verbreiten sollen, meinte er auf mehrfache Nachfrage. Den Comic habe man nicht übernommen. Den allgemeinen Auftrag der Diyanet umriss er damit, dass diese Behörde sich in religiösen Angelegenheiten um alle türkischstämmigen Bürger zu kümmern habe.

Der interessante Abend ließ jedoch eine Menge Fragen zurück.

Die DITIB nun wird meistens nur noch mit dem Akronym bezeichnet. Schreibt man das aus, so heißt dies Diyanet İşleri Türk İslam Birliği. Man führt die Diyanet sogar im Namen. Das genaue Verhältnis bzw. die genauen Einwirkungen jenseits der Satzungsfragen bleiben jedoch auch nach der erhitzten Diskussion unklar. Lang bekanntes wird knapp eingeräumt, Offensichtliches muss Silbe für Silbe gegen eine steigende Emotionalität erstritten werden wie z.B. die Existenz und Einbindung der Landeskoordinatoren:

https://www.op-online.de/hessen/minister-beuth-sieht-einfluss-islamischen-religionsunterricht-8724993.html

Der direkte Kontakt, das direkte Bemühen um Transparenz bleibt also zäh. Die Quadratur des Kreises, den rechtlichen Vorgaben soweit zu genügen, dass man anerkennungsfähig wäre als Körperschaft und gleichzeitig seinen Einbindungen Rechnung zu tragen, gelang auch vorgestern nicht. Man scheint darauf zu bauen, dass die politischen Entscheider schon die rechtlichen Räume gestalten werden, man spielt auf Zeit. Ob allerdings die immer wieder gewährten Aufschübe tatsächlich Bewegung auch bei der DITIB bringen, darf bezweifelt werden. Bei sich verfestigender politischer Grundlinie in der Türkei führte das Herumlaufen um das grundlegende Problem wie bei der Fesselung an einen Baum nur näher an die Wunscherfüllung der Gegenseite.

Die Diyanet ist in Deutschland also gleichzeitig diffus anwesend und konkret den Angaben zufolge nicht richtig präsent.

Hinsichtlich der religiösen und politischen Ausrichtung und Einbindung driftet man da abseits des Diskurses zur Mehrheitsgesellschaft in Deutschland hin weiter in Kooperationen mit z.B. Gremien der Muslimbruderschaft. Das ist nicht ganz neu, zeichnete sich eine solche Kooperation doch schon länger ab:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/01/13/ditib-tango-mit-verfassungsfeinden-ii/

War bereits bei der Konstituierung bzw. ersten öffentlichen Veranstaltung des Fatwa-Ausschusses Deutschland, eines Ablegers des European Council of Fatwa and Research (ECFR), ein DITIB bzw. Diyanet Vertreter dabei, so zeichnet sich das auch in internationalen Gremien ab. Das ECFR mit Sitz in Dublin ist ein von Yusuf Al Qaradawi geleitetes Gremium der Muslimbruderschaft. Bei einer wichtigen Tagung des ECFR vom 4. bis 8. Oktober 2016 nahmen verschiedene türkische Vertreter teil:

Google-Übersetzung:

https://translate.google.de/translate?hl=de&sl=ar&u=https://www.e-cfr.org/&prev=search

Die Sitzung wurde mit einer Begrüßungsrede des Generalsekretärs des Rates, Sheikh Hussein Halawa, eröffnet, in der er die Bedeutung dieses Seminars für die Zukunft der Muslime in Europa betonte.

An dem Treffen nahm der türkische [s.u.] Ministerpräsident, Dr. Abdulmajid Al-Najjar**, teil, an dem der stellvertretende Ministerpräsident Yassin Aktay*** teilnahm.

Und dann von Dr. Ahmed Jaballah, stellvertretender Generalsekretär des Rates, in dem die Achsen und die Bedeutung dieser Sitzung unter Bezugnahme auf die dort vorgestellten Forschungsarbeiten erläutert werden.

Darauf folgte die Rede von SE Dr. Mohamed Jormaz, Leiter Religiöse Angelegenheiten der Republik Türkei, in dem er die Teilnehmer begrüßte, den Rat und seine Rolle im Dienste der muslimischen Minderheit in Europa lobte und die Beschlüsse und Gutachten herausgab, die sich positiv auf die Förderung des gemäßigten Nahen Ostens auswirkten. Barmherzigkeit und Prophet ist der Prophet der Barmherzigkeit, und die Nation des Islam ist die mittlere Nation und die Nation des Martyriums für das Volk, aber die schmerzhafte Realität zeigt das Versagen, diese Pflicht zu tun.

[Wie häufig gibt es Unschärfen hinsichtlich der Namen alleine durch die unterschiedliche Übertragung der arabischen Schrift.]

Der arabische Text:

Original von der ECFR-Seite

[Es wäre sicherlich sinnvoll von Seiten des Rates, eine autorisierte englische Übersetzung zur Verfügung zu stellen.]

Der niederländische Journalist Carol Brendel weist auf die veränderte Besetzung des Gremiums hin:

http://www.carelbrendel.nl/2017/07/07/turkse-staatsinstelling-diyanet-zit-nu-in-qaradawis-europese-fatwaraad/

Und tatsächlich: Seit einiger Zeit sind zwei türkische Mitglieder im ECFR mit dabei:

Quelle: Internetpräsenz des ECFR, Abruf 27.10.2017

Das ist Dr. Ekrem Keles:

http://www.milliyet.com.tr/ekrem-keles-kimdir–gundem-2494521/

Dr. Keles ist der stellvertretende Diyanet-Chef, hier bei einer Veranstaltung mit Schülern vor etwa Weiterlesen

Die Marrakesch Deklaration

Zurück in die Zukunft

Im Januar 2016 wurde in Marrakesch mit großer Geste eine Erklärung verabschiedet, die eine Bewegung innerhalb der muslimischen Welt darstellen sollte, hin zu Versöhnung, zum Frieden mit den nichtmuslimischen Gesellschaften:

http://www.marrakeshdeclaration.org

Spätestens nach einer Übersetzung ins Deutsche wird die sogenannte Marrakesch Deklaration ihren Weg breiter in deutsche Medien und öffentliche Wahrnehmung finden. Der Zentralrat der Muslime hat bereits zu einer Kooperation mit der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau (EKHN) etwas verlautbart, ein aktuelles Statement:

Dabei hob Dr. Bin Bayyah ausdrücklich die Initiative des Zentralrates der Muslime in Deutschland  mit der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau zu kooperieren hervor. Diese äußerst fruchtbare Zusammenarbeit hat zur Übersetzung und Veröffentlichung der wegweisenden „Marrakesch Deklaration“ in Deutschland geführt.

http://islam.de/28879

[Im Artikel wird eine neue Mitgliedschaft des ZMD in einem „Forum zur Förderung von Frieden“ erwähnt. Gemeint ist wohl dieses hier: „Forum for Promoting Peace in Muslim Societies“

http://peacems.com/?page_id=2973&lang=en

Das ist wieder ein neues Gremium, das Verwirrung schaffen soll. Bekannte Protagonisten, der alte Fundamentalismus im flotten Marketing-Gewand, keine Abkehr. Der ZMD wird das aber wohl anders abgestimmt vermarkten, halt angepasst auf den deutschen Markt.

Zum Herrn bin Bayyah siehe diverse Beiträge hier auf diesem Blog. Kurz gefasst: langjährig der Stellvertreter Yussuf Al Qaradawis, aktiv in problematischen Gremien wie der Muslim World League. Trotz des Äußeren eben kein harmloser alter Mann.

Auch wenn eine „Zusammenarbeit zur Übersetzung“ eines derart überschaubaren Textes (2 Seiten in englisch in großem, 4 Seiten im deutschen Text in sehr, sehr großem Schriftbild) reichlich albern* erscheinen mag, so hat man damit doch die EKHN eingebunden. In der Annahme, dass niemand mal nachschaut, kann man solche Heißluftballons seitens des ZMD natürlich steigen lassen.

http://www.zentrum-oekumene.de/fileadmin/content/Materialien/Dokumentationen/Broschueren/Marrakeschdeklaration.pdf

Der englische Text:

http://www.marrakeshdeclaration.org/files/Bismilah-2-ENG.pdf

 

Da der Text sicher weidlich als Marketing-tool verwendet werden wird, lohnt ein genauerer Blick. Was wurde denn nun beschlossen vor über einem Jahr?

In einer Zeit, in der sich dreihundert islamische Gelehrte aus mehr als 120 Nationen, gemeinsam mit Repräsentanten islamischer und internationaler Organisationen, sowie darüber hinaus Führern der verschiedensten Konfessionen und Nationen in Marrakesch zu einer großen Konferenz versammelt haben, um die Prinzipien der Charta von Medina wiederzubeleben;

Man traf sich also im Januar 2016 in Marokko, um einen Vertrag unter arabischen Stämmen aus dem 7. Jahrhundert „wiederzubeleben“. Dieser Vereinbarung schreibt man wundersame Eigenschaften zu:

und dass die Grundsätze der Charta von Medina eine geeignete Basis für nationale Verfassungen in Staaten mit muslimischer Majorität darstellen, und die Charta der Vereinten Nationen sowie verwandter Dokumente wie der Universellen Erklärung der Menschenrechte mit der Charta von Medina inklusive ihrer Einsetzung für die öffentliche Ordnung in Einklang stehen

Ein britischer Islamwissenschaftler, Michael Mumisa, merkt dazu korrekt an:

If this is indeed the case, then why not just call for the strict implementation of the UDHR [Unversal Declaration of Human Rights, SHM] in all Muslim countries?”

http://www.anglican.ink/article/cambridge-scholar-criticizes-marrakesh-declaration-muslim-treatment-religious-minorities

weiter:

have unwittingly provided PR cover to the various governments and religious establishments which signed them in the worst violations of Islamic principles and fundamental human rights.” Weiterlesen

Nachgehakt: AA „Wir sind Papst“

Auswärtiges Amt lädt zweifelhafte Protagonisten

Ende Mai war im Auswärtigen Amt (AA) zu einer Konferenz religiöser Vertreter geladen worden. Wegen der Einladung von Personen, die äußerst problematische Inhalte vertreten, wurde Kritik laut:

Insbesondere die Unterstützung der antisemitischen al-Quds-Demonstration steht bei Kritikern im Fokus. Denn laut Verfassungsschutz gibt es Anhaltspunkte, dass das IZH direkt an der Organisation und Durchführung der jährlichen Demonstration beteiligt ist.
Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee in Berlin, verurteilte die Einladung Torabis in Auswärtige Amt und forderte Konsequenzen. Der al-Quds-Marsch sei eine „provokante und hasserfüllte “ Veranstaltung, die weltweit demonstrativ von der iranischen Führung organisiert werde. In Berlin sei diese Demonstration gezeichnet von dem Hass gegen Juden und Israel, so Berger.

http://www.bild.de/politik/ausland/auswaertiges-amt/eklat-um-knall-hart-mullah-51920284.bild.html

Auch auf dem blog war auf einen weiteren problematischen Gast, Abdullah bin Bayyah, verwiesen worden.

https://vunv1863.wordpress.com/2017/05/25/auswaertiges-amt-wir-sind-papst/

Zur Absicht, die dahinter gestanden habe, heißt es aus dem Auswärtigen Amt:

Ziel der deutschen Außenpolitik ist es, zu Frieden und Stabilität in der Welt beizutragen. Der enge und organisierte Austausch mit Repräsentanten von Religionsgemeinschaften aus einer Vielzahl von Ländern und Regionen ist Teil einer Außenpolitik der Gesellschaften als ergänzendes Mittel der klassischen Diplomatie. Bei der Veranstaltung ging es nicht um eine „Friedenskonferenz“ bzw. eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um Dialog und Austausch.

Hinsichtlich der Kosten wurde vom AA angegeben, man habe „die Kosten für einen Economy Flug und für die Hotelübernachtung während der Konferenz für die Teilnehmer übernommen, wie dies auch bei ähnlichen Veranstaltungen üblich ist.

Abdullah bin Bayyah nutzte die Gelegenheit auch zu weiteren Kontakten: Weiterlesen

Fatwa-Ausschuss: ECFR-Filiale Deutschland

Der Fatwa-Ausschuss Deutschland war schon verschiedentlich Thema seit seiner Gründung im März letzten Jahres in der Neuköllner Begegnungsstätte (NBS):

https://vunv1863.wordpress.com/2016/03/18/fatwas-made-in-germany/

Bestanden – auch wegen der Einbindung der DITIB/Dyanet – anfangs noch Unschärfen hinsichtlich der ideologischen Zuordnung (obwohl man ahnen konnte, wohin die Reise geht), so hat sich das nun mit der neuen Internetpräsenz eindeutig geklärt. In dankenswerter Transparenz ordnet man sich selber so zu:

 

 

Die Muslimbruderschaft also als ideologische Einbindung:

https://de.wikipedia.org/wiki/European_Council_for_Fatwa_and_Research#cite_note-4

Aus diesem Grunde ist der Fatwa-Ausschuss in Deutschland das erste gemeinschaftliche Fatwa-Gremium, das in beiderlei Sprachen operiert: deutsch und arabisch. Er ist ein spezialisierter Fiqh-Ausschuss, welcher dem European Council for Fatwa and Research folgt.

http://www.fatawa.de/ueber-uns/

Auf der zugehörenden Facebook-Seite werden schon Tagungen und Kolloquien angekündigt (die Fotos sind von der Gründungsveranstaltung am 12.03.2016 in der NBS):

Die Organisation von wissenschaftlichen Tagungen in verschiedenen Städten Deutschlands.[…]
In naher Zukunft wird ein großes Kolloquium in einer der größeren Städte Deutschlands veranstaltet, in šā Allah.

 

Man ahnt: Sonderschichten für den Verfassungsschutz.

Die hiesigen bin Bayyah-Jünger hingegen wird das freuen: Endlich kurze Wege zur ersehnten Gelehrsamkeit!

Zur Erinnerung, das europäische Gremium: Weiterlesen

Bin Bayyah: Business as usual

In den letzten Tagen gab es Presseberichte, in denen Prof. Dr. Fuess (wohl immer nur dieser) von der Marburger Universität Abdallah bin Bayyah für die Öffentlichkeit einschätzte. Der Zweck der Übung war wohl, den Besuch einer Konferenz in Abu Dhabi als harmloses Privatvergnügen von bildungsbeflissenen jungen Muslimen darzustellen:

Der islamische Geistliche war ursprünglich einmal den Muslimbrüdern zugerechnet worden. Manchen gilt er deshalb immer noch als verdächtigt. Doch er ist auch einer der einflussreichsten Rechtsgelehrten in der islamischen Welt.

Ibn Baiya gehöre einer konservativen Denkrichtung an, so Islamwissenschaftler Fuess. Extremistisch sei er nicht.

http://www.main-spitze.de/politik/hessen/hessen-wiesbaden-vpn-praevention-extremismus-islamismus-deradikalisierung_17735879.htm

Das wurde nahezu textgleich in verschiedenen Zeitungen der Gruppe berichtet.

Zu Prof. Fuess muss man allerdings wissen, dass er langjährig auch unter Verfassungsschutz-beobachtung stehende Muslimbruder-Einrichtungen für gänzlich harmlos hält. Das dürfte wohl eine Mindermeinung sein. Für so harmlos immerhin, dass er in einem Förderverein als dessen Präsident sogar Gelder für diesen Verein sammelte:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/11/26/marburg-eine-stadt-liebt-die-muslimbrueder-ii/

Auch die Muslimbruderschaft als Ganzes hält er für harmlos, wie er bei einer öffentlichen Veranstaltung im letzten Oktober* einem staunenden Publikum erzählte und auch bei Nachfragen darauf beharrte. Das dürfte wohl auch Mindermeinung sein.

Nicht jede Mindermeinung muss falsch sein. Aber viele halt schon, wenn sie erheblich von der üblichen Meinung von Personen abweichen, die sich mit dem Gegenstand beschäftigen, oder wenn so interessengeleitet erscheinen, dass sie zu Ergebnissen kommen, die nicht mehr vertretbar sind. Wenn also jemand wie Prof. Fuess, der einen unter Verfassungsschutzbeobachtung stehenden Verein aktiv unterstützt, Verdachtsmomente gegen eine Person abtut der gleichen fundamentalistischen Richtung, dann ist das meiner Ansicht nach ungefähr so gehaltvoll wie der Persilschein einer Person, die Reichsbürger z.B. aktiv unterstützt für die NPD.

Es wundert also daher wenig, wenn jemand mit einem anscheinend so ausgeprägten und selektiven Bedürfnis, für eine wohl völlig, völlig missverstandene Gruppe den Leumundszeugen zu geben, auch hochrangige Vertreter für harmlos ausgibt, die in fundamentalistischen bis extremistischen Gremien so mitmachen.

Schließlich sind das ja die Ober-Harmlosen.

Aber auch das ist meiner Ansicht nach Mindermeinung, wenn man sich die Art der aktuellen (!) Betätigungen bin Bayyahs anschaut.

Der Herr bin Bayyah, dessen Marketing in Deutschland für den westlichen Geschmack wunderbar zielgruppengerecht gestaltet ist mit vielen bunten Bildchen und vielen, vielen weisen Sprüchen, halt so Dalai Lama-mäßig, nimmt nämlich an Fachtagungen teil. Fachtagungen von Extremisten. Auch von Muslimbruder-Extremisten, aber auch anderen Ultras. Dort geht es weniger bunt und kindlich und weniger für den westlichen Geschmack erbaulich zu, sondern mehr knallhart fundamentalistisch. Dinge, die einen demokratischen Europäer bereits in Schnappatmung verfallen lassen, gelten dort als kühn modernistisch und deswegen indiskutabel.

Über dieses Gremium für Europa in dem bin Bayyah wohl seit langem mit Muslimbruder- und anderen Hardlinern sitzt, war schon berichtet worden:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/03/12/muslimbrueder-einmal-dublin-und-zurueck/

Zur Zeit tagt ein anderes Komitee in Mekka. Dieses Komitee schloß seinerzeit übrigens die Ahmadiyya aus der Gemeinschaft der Sunniten aus – eine der Ursachen, die heute für ihre Verfolgung mancherorts als Herleitung hergenommen werden. Die Muslim World League:

 

Zur Einordnung:

„The NGO was funded by the Saudi government from its inception in 1962, with that contribution growing to approximately $13 million by 1980. Because of the Saudi funding, the League is widely regarded as promoting Wahhabism. […] The organization funds the construction of mosques, financial reliefs for Muslims afflicted by natural disasters, the distribution of copies of the Quran, and political tracts on Muslim minority groups. The League says that they reject all acts of violence and promote dialogue with the people of other cultures, within their understanding of Sharia, but they are no strangers to controversy, having been the subject of several ongoing counterterrorism investigations in the U.S. related to Hamas, al Qaeda and other terrorist groups.Weiterlesen