Islamismus – Substrat und „Frucht“

Auch für breitere Kreise wird Islamismus mittlerweile als Extremismusform sichtbar und deshalb in der Öffentlichkeit häufiger diskutiert. In vielen deutschen Fußgängerzonen stehen Jungen, Jugendliche und Männer und betreiben Dawa, die islamische Mission, für LIES und andere, ähnliche Gruppierungen. Doch wie verhält sich dieser sichtbare Aspekt zu den anderen Teilen der muslimischen Community?

Geht man von den Zahlen aus, die von Rückkehrern bekannt wurden, dann haben sich etwa ein Viertel der Personen durch eine Gemeinde, oft bekannte salafistische Problem-Moscheen, radikalisiert, weitere 10 % durch die Familie.

VfS Analyse Ausgereiste 20140930

Das sind jedoch Bereiche, die weniger stark gesellschaftlich diskutiert werden. Über Problem-Einrichtungen wird gelegentlich berichtet. Über die Rolle familiärer Tradition ist mir kein Bericht bekannt.

Dr. Marwan Abou Taam meinte vor einiger Zeit, dass die vertretenen Inhalte in konservativen Kreisen zu etwa 90 % mit denen der Ideologie des Islamischen Staates übereinstimmten. Aiman Mazyek widersprach im Interview, in dem diese Zahl genannt wurde, heftig. Leider wurde bei dieser Gelegenheit die Realität, nun, etwas gedehnt. Es handelt sich um die allgemeinen Glaubensgrundlagen, die in beiden Richtungen vermittelt werden. Dass der Koran-Text heilig sei beispielsweise, unabänderlich, allgültig und das direkte, wenn auch offenbarte Wort Gottes. De facto sind es sehr viel mehr als 90 %, denn Koran und Sunna werden von beiden Richtungen (und den meisten anderen auch; eine Ausnahme sind z.B. die „Nur-Koraner“) als verbindliche Quellen herangezogen und diese Quellen sind recht umfangreich. Es sind jedoch nur wenige Verse, die einmal wörtlich genommen werden und als persönlicher Auftrag verstanden und einmal als zeit- und situationsbedingt und nicht vorbildhaft eingeordnet werden. Durch die Strenge im Glauben und der Bindung an eine literalistische Lesart unterscheidet man sich, also im Maß an persönlicher Unterordnung und in welchem Maß die Religion das Leben beherrscht. Je weniger die fundamentalistisch ausgelegte Religion das Leben und die persönlichen Normen beeinflusst, desto besser läuft es in der Regel mit der demokratischen Gesellschaft, ihren Einrichtungen bzw. Angeboten und mit den Andersgläubigen.

Eine Studie aus 2013, einer Auswertung, „in sechs europäischen Ländern – Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Österreich und Schweden – stellt erstmals eine solide empirische Basis zur Beantwortung dieser Fragen bereit. 2008 wurden 9.000 Personen mit türkischem oder marokkanischem Migrationshintergrund und eine einheimische Vergleichsgruppe befragt“ :

Fast 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten; 75 Prozent meinen, dass nur eine Auslegung des Korans möglich ist, an die sich alle Muslime halten sollten; und 65 Prozent sagen, dass ihnen religiöse Regeln wichtiger sind als die Gesetze des Landes, in dem sie leben. Durchgängig fundamentalistische Überzeugungen mit der Zustimmung zu allen drei Aussagen finden sich bei 44 Prozent der befragten Muslime.

Und konkret in Deutschland:

30 Prozent der Befragten stimmen allen drei Aussagen zu. Vergleiche mit anderen deutschen Studien zeigen bemerkenswert ähnliche Ergebnisse auf. So stimmten 2007 in der Studie „Muslime in Deutschland“ 47 Prozent der befragten deutschen Muslime der Aussage zu, das Befolgen der Regeln der eigenen Religion sei wichtiger als die Demokratie, genauso viele, wie der Anteil jener in unserer Studie, die meinten, dass die Regeln des Koran wichtiger sind als die deutschen Gesetze.

https://www.wzb.eu/sites/default/files/u252/s21-25_koopmans.pdf

 

 

Mycel

Wachstum von Mycel des Austernpilzes mit Fruchtkörper Bild: Engl. WP, Tobi Kellner

 

Das heißt auch, dass nur ein Viertel der in Europa lebenden Muslime im Grunde anerkennt, dass es überhaupt verschiedene Lesarten geben kann (ein Problem zum Beispiel für die Ahmadiyya, deren Anerkennung aber wegen noch anderer theologischer Differenzen noch geringer sein dürfte; anerkannt sein dürften sie nur bei klar säkularen Muslimen). Die Personen, die diese 75 % (in Europa) ausmachen, gehören auch verschiedenen Strömungen an; erkennt man nur eine, die eigene, an, ist dies auch Quelle innerreligiöser Konflikte, sofern es sich zuspitzt in der Zukunft. Importierte religiöse Konflikte könnten bei entsprechender Grundhaltung hier aufflackern, wie schon zwischen Tschetschenen und anderen bereits geschehen. Bei dem genannten Viertel wird relevant sein, wie tolerant auch diese Teilgruppe ist und wo sie im Zweifelsfall ihre Loyalität und nicht nur die Bequemlichkeit sieht. Immerhin meinen fast 60 % der befragten Personen (in Europa), man müsse zu den Wurzeln des Islams zurückkehren. Das allerdings heißt Orientierung an den ersten 3 Generationen zur Zeit Mohammeds. Das heißt im Prinzip Rückbesinnung auf die Salafiyya.

Man mag sich somit zwar nicht Salafist nennen (den Begriff auch ablehnen bzw. für problematisch halten) und auch die ganz strenge Ausübung nicht für die persönliche Lebensgestaltung wählen, steht aber hinter wesentlichen Inhalten, wie dem Vorrang von menschlichen Gesetzen vor den religiösen, im Zweifelsfall nicht. Das ist das Fundament, der Boden, das Substrat.

Benutzt man einmal eine biologische Metapher, so wird dieses Substrat von verschiedenen Pilzen durchzogen, die auf dieser Grundhaltung wachsen: Die islamistischen Strömungen, die u.a. vom Verfassungsschutz beobachtet werden. In den Fußgängerzonen sehen wir dann sozusagen die Fruchtkörper, das was wir als „Pilz“ erst sehen. Alles andere ist unter dem Boden und kaum sichtbar (nur mit dem Mikroskop).

Das mag teilweise erklären, warum es die muslimischen Gemeinden und Kulturvereine – alleine Frankfurt hat 46 (!) – es seit 4 Jahren nicht schaffen, etwas der Strassen-Missionierung der LIES-Gruppierung entgegenzusetzen. Mir ist aus den 4 Jahren keine einzige muslimische Aktion bekannt (die Ahmadiyya, die selber und andere Strassen-Dawa machen und die bereits von dem Umfeld der LIES-Aktivisten mehrfach schwer angegangen wurde, einmal ausgenommen). Einzelne Verteilungen des Grundgesetzes mag ich da nicht mitrechnen; diese Aktionen richteten sich mehr an die Mehrheitsgesellschaft, weniger an Jugendliche aus der angesprochenen Klientel. Die Aktionen von 12.Memorize, so öffentlichkeitswirksam die zwei Aktionen waren, mag ich auch nicht zählen. Die waren gegen den IS – das ist im Grunde trivial, denn dessen Bilder sprechen für sich. Aber gegen die Strassenradikalisierung – Fehlanzeige. Nicht wenige Muslime meinen, damit nichts zu tun zu haben. Andere unterstützen wesentliche Inhalte und sehen den Gang in den Jihad als persönliche Entscheidung, die man ablehnen kann, gegen die man aber strukturell nichts machen könne (sehr häufig genannt auf der Strasse!). Das wäre doch deren Privatsache, wird verbreitet gemeint.

Etwa 80 % der Menschen, die dann in Syrien landen, sind Personen aus einem muslimischen Kontext, familiär mal mehr, mal weniger religiös. Mir erscheint es erschütternd, dass man sich um die Jugend da auf der Strasse nicht kümmern mag.

Ganz klar: Die Bereitschaft zur persönlichen Gewaltausübung ist davon zu trennen und auch, wie sehr man bereit ist, diese Normen tatsächlich umzusetzen. Konservativ heißt noch nicht fundamentalistisch und fundamentalisch noch nicht gewaltbereit. Die Übergänge sind jedoch fließender, als man sich das wünschen würde und die Trennschärfe werden wir als Gesellschaft erst noch breit einfordern müssen und zwar über Lippenbekenntnisse hinaus. Wenn Jugendliche mit einer faschistoiden Ideologie angefüttert werden, geht uns das alle an. [Man beachte auch die Zahlen in der Studie zur Judenfeindlichkeit.] Ein Teil geht nach Syrien, ja. Ein anderer Teil verbreitet diese Haltungen in der Schule und im Beruf. Auch da kann solche Menschenfeindlichkeit nicht hingenommen werden.

Beruhigen können diese Zahlen also nicht insbesondere im Kontext bekenntnisorientierten Islamunterrichts trotz der staatlichen Eingrenzungen. Nicht immer wird das Spannungsfeld zur FDGO dort mit bearbeitet. Familiäre Haltungen bleiben meist unhinterfragt, auch repressive Erziehung, „schwarze“ Pädagogik, totalitäre oder menschenfeindliche Ansichten. Da kommt es dann dazu, dass einem selbst Kinder auf der Strasse den Tod androhen, weil man „ungläubig“ sei. Die „Jugend- oder Popkultur“ ist also nur der aktuell gesellschaftlich und medial sichtbarste Teil.

Auf der Strasse zeigt sich dieses nämlich unmittelbar und ganz unverblümt. Sehr häufig werden die Aktivisten von LIES nur als besonders fromme Brüder gesehen, deren starke Religiosität man zwar nicht teile, aber respektiere. Im Zweifel wird da zu oft eine ganz, ganz falsche Trennlinie dort gezogen, wo wir als Gesellschaft sie nicht haben wollen können. Viele Jahre lang wurde die Bindung an Tradition und Religion deutlich unterschätzt bzw. die Macht der „kritischen Masse“ falsch eingeschätzt. Es ist zu hoffen, dass das korrigiert wird. Verkannt wird allerdings noch immer die Wucht des totalitären narzisstischen Gewinns. Gleicher unter Gleichen mag mancher nicht sein; er will lieber selbstempfunden Elite sein.

Mit diesen 75 Prozent derer in Europa, die meinen, es gäbe nur eine verbindliche Lesart, nur einen Islam, die daher notwendigerweise das Differenzierungsangebot der z.B. deutschen Gesellschaft über die Trennung Islam – Islamismus ablehnen, wird man wesentlich klarer als früher reden müssen. Auch vor der aktuellen Lage, in der alles im Integrationsbereich überfordert ist und überläuft, muss man besonders wachsam sein, in welche Gesellschaft sich die Zuwandernden begeben.  Die Familie spielt eine Rolle, Tradition auch und die Moscheen.

All diese Bereiche sind relevant und über alle werden wir sprechen müssen.

 

 

https://vunv1863.wordpress.com/2015/08/21/kleine-literatur-und-mediensammlung/

So nah, so fern

 

 

 

80-90 % der radikalisierten Jugendlichen stammen aus muslimischen Familien

 

Lies München 150510

 

Kinder und Jugendliche, die sich radikalisieren, leben nicht im luftleeren Raum. Sie sind Teil dieser Gesellschaft, haben eine Familie und besuchen Schule, Ausbildungsort, Arbeitsstelle oder Uni. Sie haben also – zumindest vor der Radikalisierung – mehrheitlich ein relevantes soziales Umfeld, das dieser Ideologie nicht anhängt. Wird diese Radikalisierung festgestellt, so wird häufig und pauschal die Schuld auf die Gesellschaft geschoben. Das ist eine ebenso einfache wie unzureichende Zuweisung. Ja, es gibt Jugendliche, die nicht teilhaben können. Das ist manchmal, jedoch nicht immer ein gesellschaftliches Problem.

Weniger betrachtet wird oft die Rolle des engsten Umfeldes. Hilfseinrichtungen müssen – da sie die Eltern oftmals als Ansprechende bzw. Hilfesuchende erleben – da vorsichtig sein mit Schuldzuweisungen. Im akuten Fall hilft die Vergangenheitsbetrachtung auch kaum weiter. Man darf die Eltern, die Angehörigen nicht als Mitstreiter verlieren, zumal sie – wenn sie Hilfe suchen – selber geschockt sind durch die Entwicklung.

In der Strukturbetrachtung ist jedoch auch dieses engste Umfeld zu analysieren. In einem Papier, dass das ZDF veröffentlichte vor einiger Zeit und das aus Sicherheitskreisen stammt, wird der Radikalisierungsprozeß bei immerhin 10 % der Ausgereisten durch einen Familienangehörigen gestartet:

Klicke, um auf data.pdf zuzugreifen

Mit etwa 30 % spielt der Freundeskreis eine erhebliche Rolle: Die falschen Freunde können ins sprichwörtliche Unglück führen.

Um so bemerkenswerter ist der folgende aktuelle Appell eines muslimischen Aktivisten:

Der Brite Manzoor Moghal ist Vorsitzender des Muslimischen Forums in England – und hat sich nun mit einem eindringlichen Appell an seine Glaubensbrüder gewandt: Wenn junge Muslime in den Krieg ziehen, müsse ihr Umfeld sein Verhalten und seine Verantwortlichkeit hinterfragen, statt stets anderen die Schuld zu geben.

Die Abgrenzung vieler Glaubensgemeinden von der britischen Gesellschaft habe verhindert, dass sie sich erfolgreich integrieren konnten. Diese Abschottung sei ein Nährboden für extremistischen Islamismus: Westliche Demokratien würden fälschlicherweise als etwas Gefährliches und unislamisches dargestellt.

http://www.focus.de/politik/ausland/islamischer-staat/appell-eines-muslims-wir-muessen-aufhoeren-anderen-die-schuld-zu-geben-wenn-unsere-kinder-in-den-dschihad-ziehen_id_4760008.html

Auch bei den anderen 90 %, bei denen die Familie nicht direkt beteiligt war, muss man jedoch fragen, wie sich der junge Mensch angeblich so weit entfernen konnte trotz oftmals engsten Zusammenlebens. Vielleicht hat es teilweise damit zu tun, dass gerade bei engstem Zusammenleben die Herstellung einer inneren Privatsphäre wichtig ist? Und doch: Wie können es Eltern vorgeblich nicht bemerken, dass Sohn oder Tochter abdriften? Wie können es professionell agierende Sozialpädagogen missdeuten, wenn sich ein Schützling nicht nur dem Glauben, sondern einer radikalen Ideologie zuwendet? Wie können es diese Menschen nicht bemerken, dass der Jugendliche die „falschen Freunde“ hat oder sich nachmittags immer zur gleichen Zeit in der Fußgängerzone herumtreibt?

Zum einen ist sicher zu fragen, wie weit der Kontakt da schon vorher verloren wurde. Wurde dem Kind nicht nur das Leben geschenkt, sondern auch die Liebe zum Leben mitgegeben, die Freundlichkeit gegenüber allen Menschen, das Bewußtsein dafür, Gleicher unter Gleichen zu sein? Oder wurde dem Kind nur Gehorsam abverlangt, Freundlichkeit weniger denn Abgrenzung gelehrt und eine unrealistische Selbstsicht, wonach man ohne eigenes Zutun anderen überlegen sei? Gehorsam, Abgrenzung und narzisstische Überhöhung sind durch die salafistische Ideologie relativ leicht abzudecken. Man kommt dem Gelernten gewissermaßen entgegen. Es gibt erschreckend viele Kinder, die schon so strukturiert sind: Gehorsam zur eigenen Gruppe, Abgenzung und Abwertung anderer Menschen und ein starkes Überlegenheitsgefühl. Zum anderen ist fraglich, wie eine bemerkte Hinwendung zum Glauben nicht hinterfragt werden kann.

Ein Jugendlicher, zu dem kein gefestigtes elterliches Verhältnis bestand, keine wirkliche Teilnahme der Eltern an dem Leben des Jugendlichen, ist stärker gefährdet. Das erklärt auch zwanglos, dass viele Jugendliche aus Familien kommen, in denen die Mutter alleine erzog. Der Vater war physisch oder emotional oder als Vorbild nicht erreichbar. Die alleinerziehende Mutter mag mit Arbeit und reiner Familienorganisation ausgelastet sein. Ein Vater, der nichts mit den Jugendlichen unternimmt oder eine Rolle vorlebt, die nicht mehr zeitgemäß ist, mag wenig helfen. Der Jugendliche ist also alleine, obwohl er in der Familie lebt. Die innere Isolation mag schon vor der Radikalisierung bestanden haben, manchmal auch Teil einer pubertären Abgrenzung sein. Durch die falschen Freunde oder die falsche Freizeitgestaltung erhält diese Entwicklung Schub. Denn die Freunde, zunächst diffus vielleicht im Umfeld der islamistischen Straßenaktionen, isolieren weiter. Die Familie wird abgewertet, der Jugendliche als neuer Rechtgeleiteter bestärkt und aufgewertet. Die islamistische Bruderschaft zieht in ihren sozialen Bann.

Man muss also auch die Rolle der Familien hinterfragen – weniger der Schuldzuweisung wegen, sondern um die Hilfsangebote paßgenau anbieten zu können. Bevor der Weg in die islamistische Parallelwelt begonnen wird.