Ein kurzer Blick über den Tellerrand

Deradikalisierung: Lernen aus Versuchen im europäischen Ausland?

Fälle von radikalisierten Personen stellen die Gesellschaft vor erhebliche Herausforderungen. Insbesondere die Politik sieht sich vor den Anspruch der Bevölkerung gestellt, nicht nur direkt in der Gefahrenabwehr alles Notwendige zu unternehmen, sondern dem Phänomen auch generell zu begegnen. Schon die Begrifflichkeiten allerdings sind zu klären. Wann ist jemand radikal? Wann ist jemand so radikal, dass es die Gesellschaft interessieren muss? Sicher bei Personen, die bereits entsprechend motivierte Gewalt ausübten und bei (weiterer) Gewaltbereitschaft. Was ist aber mit dem Vorfeld? Wie kann man, wenn man einen „Radikalen“ identifiziert hat und eine Eingriffsnotwendigkeit sieht, vorgehen? Gibt es Handlungsoptionen? Wenn man Handlungsoptionen erprobt – das Patentrezept gibt es nicht und wird es wahrscheinlich auch nie geben – kann man deren Wirksamkeit erfassen?

Bei der Deradikalisierung besteht schon das Problem, dass eine erhebliche Schwelle nicht ausreichend wahrgenommen wird: Die Angebote sind freiwillig. Wer sich zu den Trainings oder Coachings meldet oder von seinem nichtislamistischen Umfeld – wenn er es noch hat, was bei vielen infolge der Radikalisierung weggebrochen ist – dazu gebracht wird, muss sich selber als Person begreifen, die der Hilfe bedarf. Bei Menschen, die völlig überzeugt von ihrer Weltanschauung sind, ist das nicht der Fall. Diese Personen lehnen jedwede Annäherung in dieser Richtung ab. Schon der andere Muslim wird nicht akzeptiert, wenn er nicht der genau gleichen Vorstellung folgt. Oder es genügt, wenn er staatlich bezahlt wird, was als Symptom gesehen wird, dass die Motive unlauter seien. Doch schon unter diesem Aspekt, also wenn man nur die Freiwilligen betrachtet, sind die Erfolge mager genug und erscheinen mehr anekdotisch: Ordentlich evaluiert wirkt keiner der Ansätze. Wegen der Not politischer Akteure genügt es aber oft schon, eine Fata Morgana an die Wand zu werfen, um an öffentliche Gelder zu gelangen. Das Lehrgeld zahlt die öffentliche Hand. Manchmal auch länger, als dies objektiv nachvollziehbar ist. Politische Akteure preisen mehr als einmal wegen politischer Erwägungen lieber ein wirkungsloses Projekt noch weiter, anstatt einzuräumen, dass man eine Veränderung der grundlegenden Haltungen, was als Wirkungsnachweis gelten könnte und erhoben werden kann. entweder nicht erfasst oder nicht nachweisen kann (wobei auch da gefragt werden müsste: ist der Verhaltens- und Einstellungswandel Teil einer persönlichen Abkehr oder auf die Einflußnahme zurückzuführen).

In Deutschland gibt es derzeit eine Reihe verschiedener Projekte, mit denen versucht wird, zumindest Beschäftigung und Aktivität nachweisbar zu machen. Das ist, weil ein Masterplan fehlt, oft wenig mehr als Versuch und Irrtum.

Der Mitarbeiter einer Sicherheitsbehörde, der von seinen Vorgesetzten keine Sprecherlaubnis bekommt, schätzt den Zustand der Präventionsarbeit in Deutschland so ein: „Im Moment wird in einem großangelegten Feldversuch überall mit unterschiedlichen Präventionsprojekten experimentiert. Doch keiner hat einen Plan, welcher Ansatz funktioniert und was bloßer Aktionismus ist.“ Dabei fehle mitunter die Trennschärfe, wie viel Nähe die Akteure solcher Projekte etwa zu nicht gewaltbereiten Salafisten haben dürfen und wann sie unbeabsichtigt beginnen, den Fundamentalismus zu fördern.

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Nicht betrachtet ist da auch die Möglichkeit, dass fundamentalistisch eingestellte Personen diesen Aktionismus für ihre Zwecke nutzen könnten, etwas, was in nicht nur einem Fall tatsächlich als Folge erscheint. Insofern ist die personelle und inhaltliche Trennung der Deradikalisierung von der Prävention erforderlich.

Es ist schwierig, den Erfolg solcher Maßnahmen zu evaluieren, sicher. Beim ordentlichen Blick in die Konzepte, die Träger mitbringen und mit denen sie für ihren Ansatz werben, hätte jedoch schon der eine oder andere Irrweg erkannt werden können. Wenn unter Priorisierung alleine des religiösen Ansatzes alle anderen (sozialpädagogischen) Maßnahmen kaum noch in Erwägung gezogen werden, wird verkannt, dass nicht jede Persönlichkeitsveränderung, nicht jede Gewaltneigung, die religiös imponiert, auch religiös in der Ursache sein muss. Mit anderen Worten: Nicht zu jedem, der religiös auftritt, muss man eilfertig auch nur religiöse Ansatzpunkte suchen (es kann z.B. für manche Eigenwahrnehmung und -zuschreibung durchaus hilfreich sein, wenn man sie nicht ohne Weiteres übernimmt).

Beim Blick über den Tellerrand deutscher und vorwiegend politischer Befindlichkeit fällt auf, dass manches Lehrgeld nicht gezahlt werden werden müsste.

In Frankreich wurden die laufenden Maßnahmen wegen mangelnder Wirkung kürzlich eingestellt und Weiterlesen