Furcht ist der Gegner

… der einzige Gegner.

Über die verschiedenen Ausgestaltungen und Imaginationen zur Hölle und zum Teufel, zu Psychomethoden im Allgemeinen war die letzten Tage hier mehrfach die Rede. Wie sieht das nun bei den Predigern selber aus, wie äußert sich die fixe Idee bei ihnen, wie steigern sie sich selber in die Angst hinein, die sie versuchen, auch anderen zu machen? Wie fließend sind die Grenzen zwischen starkem Glauben und religiösem Wahn? Wann mündet Religion auch in psychischer Selbstbeschädigung?

Angst kann diese Grenzen sehr dünn machen. Angst bewirkt auch bizarre Methoden, sie abzuwehren, man denke nur an Zwangshandlungen. Diese Grenzen sind zumindest bei einigen verwischt und man kann – dank Internet und deren Hang zur Selbstentblößung – dies auch anschauen.

Man kann verschiedenen Personen zuschauen dabei, wie sie in einem Vortrag sich völlig in diese Imaginationen hineinsteigern. So sehr, dass diese Angst ganz Besitz von ihnen ergreift. Die Schilderungen sind überaus eindringlich, mit einem Affekt transportiert, als ob diese Personen tatsächlich diese Dinge schon gesehen oder erlebt hätten. Labile oder suggestible Personen halten diese Emotionalität nicht aus, für sie ist das dann irgendwann authentisch, die Höllendrohung erscheint ihnen als eine real zu erwartende Folge. Kein Platz mehr für Metaphern, kein Raum für Zweifel. Diese Prediger haben eine sehr manipulative Art der Darstellung. Aus Glauben wird angeblich Wissen, echte Erkenntnis.

Es sind im Grunde primitive Dichotomien: Erlaubt, verboten, rein, unrein, Paradies, Hölle. Komplexitätsreduktion, Wegnahme der Entscheidungsfreiheit (bei wörtlichem Lesen von 33,37).

Die angeblich paradiesischen Belohnungen sind nur die Fortschreibungen der irdischen Freuden, die sich der Religionsstifter vorstellen konnte: Essen, trinken, viel Sex und noch mehr Sex. Das sind Dinge, die sich die Anhänger vorstellen können, die sie aber auch schon im Diesseits erleben können. Ein gutes Essen stellt auch im Diesseits schon zufrieden und auch wenn die Imagination das noch erhöhen mag, so ist auch eine erfüllte Sexualität für die Anhänger im Diesseits vorstellbar und erreichbar. Nicht umsonst wird vom IS immer wieder in Propagandavideos das angeblich vortreffliche Essen und die Phantasien hinsichtlich der sexuellen Möglichkeiten angeregt (ich war einmal Zeugin, wie sich 15 jährige auf der Zeil über die „Kriegsbeute“, gemeint waren Frauen, unterhielten).

Mächtiger ist jedoch die Angst, die Furcht vor ewiger Qual. Die Höllenqualen sind weniger gut fassbar, weswegen auch dort zu farbigen Bildern gegriffen wird. Man versucht, das möglichst plastisch zu verdeutlichen, bringt Beispiele aus dem Leben. Alles zielt darauf ab, möglichst viel Angst beim Zuhörer zu induzieren. Er soll sich maximal fürchten, um sich maximal zu unterwerfen. Dem angeblichen Willen Gottes und doch nur demjenigen, der die Furcht erzeugt und für seine Zwecke zu nutzen weiß. Angst triggern zu können oder zu nehmen, das ist zu viel Macht. Man lehrt das Fürchten.

Wenn Jugendliche nicht dazu erzogen werden, auch die Worte von Personen zu hinterfragen, die angeblich heilige Texte im Gepäck haben, wenn man Kindern nicht beibringt, geistliche Führer nicht als unantastbare Autoritäten hinzunehmen, dann wird man noch viele in die Fänge dieser Angstmacher verlieren.

Einige Beispiele mögen verdeutlichen, wie intensiv die Angst schon bei einigen Predigern selber erscheint.

Abou Nagie:

Abou Nagie rechnet u.a. die Zahl der Engel vor, die die Hölle zu den Menschen ziehen.

Abou Nagie gibt „die Ereignisse am jüngsten Tag“ wieder, als ob es die Nachrichten wären:

Ein best of Abu Abdullah, Abu Dujana und Abdellatif, genannt der Sheikh:

Abu Ubeyda:

Abu Abdullah, ehemals oft mit Dawaffm-Aktivisten zugange und nun in Großbritannien aktiv:

Der Mann weidet sich regelrecht in den widerwärtigen Schilderungen. Er kommt nicht auf die Idee, zumindest in Erwägung zu ziehen, das für sinnlose Ideen, freie Behauptungen und Geschichten vom Lagerfeuer zu halten. Fixe Ideen bis zum Erwartungswahn, alles real und wörtlich genommen. Kein Raum, zumindest die Möglichkeit metaphorischer Darstellung zu erwägen. Ein deutliches Beispiel dafür, wie psychisch ungesund extrem ausgelebte Religion sein kann, wenn sich jemand, der ängstlich ist, sehr in diese Vorstellungen hineinsteigert. Aus einer Annahme, einem Glauben, wird eine Angst, die in ihrer Intensität an eine Realangst vor kurz bevorstehenden unangenehmen Vorgängen heranreicht. Diese Schilderungen nicht nur als Metaphern zu nehmen, ruft eine erhebliche Furcht hervor bei empfänglichen Personen.

Man muss sich nicht alle diese Videos anschauen, um einen Eindruck zu erhalten. Empfehlenswert sind das erste Nagie-Video und das letzte von Abu Abdullah.

In diesen Videos wird deutlich: Die selbstempfundene Furcht soll induziert werden.
Wirklich fürchten sich diese Individuen nämlich parallel davor, dass andere ihre Furcht nicht nachvollziehen können. Sie ertragen es nicht, dass Menschen angstfreier sind als sie. Das weckt Aggressionen gegen die weniger ängstlichen und suggestiblen Personen. Wer ihre Angst abtut, verdient Vernichtung: „Möge Allah sie rechtleiten oder vernichten“, heißt es häufig. Unterwirf dich oder stirb.

Menschen, die mit dieser extremen Angst indoktriniert sind, werden nahezu alles tun, um diese Angst abzuwehren. Sie werden Abwehr-Rituale ausführen. Sie werden sich von Dingen fernhalten, die diese Furcht triggern könnten. Sie werden Personen glauben, die ihnen versprechen, diese Angst wieder zu nehmen, ohne den Grund zu hinterfragen: Die Prediger „heilen“ etwas, das sie in dieser extremen Form erst hervorriefen. Sie manipulieren mit diesen Ängsten. Sie machen aus einem Glauben vorgeblich Wissen. Dieses wortwörtliche Verständnis erzeugt Angst und die Angstabwehr läuft über ihre Abwehrangebote.

Diese Furcht ist also der Gegner. Gegen diese Furcht kann man sachliche Einordnung als Ursachenbekämpfung setzen und Relativierung*. Weniger Religiosität, mehr geschichtliche Einordnung. Sinn- und Wertschöpfung durch Diesseits und Menschsein. Mehr Mut zur eigenen Findung und Wertung vermitteln. Gegenhalten gegen autoritäre Erziehungsmuster. Es gibt kein Patentrezept, aber die Bekämpfung der Furcht, dieser speziellen Furcht ist ein wichtiger Teil.

 

 

 

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Mouhanad Khorchide, der eine wesentlich freundlichere Art der Gerechtigkeitsherstellung durch seinen Gott propagiert (er zieht ein Hadith von Bukhari dazu bei, um das als Gleichnisse zu bezeichnen), sieht beide Deutungen als Angebote. Er kommt ohne starke Furchterzeugung aus:

 

Das Paradies des Abou Nagie

Die Wünsche eines Menschen sagen viel aus über ihn. Hätte einer drei Wünsche frei, würden sich manche persönliche Gesundheit, ein dickes Auto, nur eigenes wünschen und andere den Weltfrieden, ein Ende der Not, kurz, etwas für alle Menschen. Man könnte also den einen Typus als materialistischen Egozentriker bezeichnen und den anderen als idealistischen Altruisten.

Das ist bei den Vorstellungen vom Paradies, also einem imaginären Ort, an den man nach den Vorstellungen vieler glaubender Menschen nach einer göttlichen Bewertung des irdischen Lebens die restliche Ewigkeit verbringt, nicht anders. Es soll ein Ort sein, an dem alle Wünsche in Erfüllung gehen.
Manche der vielen gläubigen Menschen weltweit haben auch noch eine Hölle im Sinn. Während dies bei den anderen abrahamitischen Religionen (mittlerweile) in den Hintergrund tritt, ist diese Vorstellung beim Islam noch recht lebendig. Vielen sehr konservativ und traditionell Gläubigen ist das gängiges Konzept, an dem sie selbst sich orientieren und vor dem sie auch andere warnen, wenn nicht ihren Vorstellungen vom Leben im Diesseits gefolgt wird. Man fürchtet sich und will, dass auch andere sich fürchten, zumindest aber die Furcht ernst nehmen, auch wenn sie auf persönlichen Imaginationen, Behauptungen und Tradition (und mehr ist nicht haltbar) beruht.
Das recht häufige Stoßgebet „Möge ihn Allah rechtleiten oder vernichten“, also im Grunde eine Verfluchung, ist da wegweisend, auch wenn dieser „fromme“ Wunsch sich durchaus auch aufs Diesseits bezieht. Ein Teil wird sich die Strafe dann weiterhin fürs Jenseits der Person wünschen und die Wunscherfüllung aufschieben, ein anderer Teil wird aus Ohnmacht ebenfalls aufs Jenseits warten, ein dritter Teil wird bei Gelegenheit dem angeblichen Willen Gottes schon im Diesseits Geltung verschaffen. Dies führt im Exzess dann zu solchen Taten wie bei IS, aber auch zu den Strafen, wie sie in einigen Ländern für nicht „Rechtgeleitete“ vorgesehen sind..

Die Hölle als Ort einer angeblich göttlichen Gerechtigkeit ist also Teil eines Wunschdenkens. Man wünscht sich das Paradies, während man anderen die Hölle wünscht (vor der man selber Furcht hat).

In einem interessanten Gespräch mit einem jungen Christen legt nun der Herr Abou Nagie seine Wunschvorstellungen bloß:

Ehrlichkeit und Verstand führen nach Abou Nagie ohne Zweifel zu seinem Glauben hin. Alle, die nicht gläubig sind, sind also entweder unehrlich oder dumm, denn sein ist die absolute Wahrheit. Sie verdienen die Hölle.

Abou Nagies Paradies beinhaltet Genuss für die Gläubigen. Einer diese „Genüsse“ ist – erstaunlicherweise erwähnt er z.B. Essen, Sex aber nicht – auch, die Ungläubigen mitleidlos brennen zu sehen. Man habe auch deshalb kein Mitleid, weil Gott gerecht sei. Bei Unterwerfung unter diesen ist Mitleid entbehrlich, ja geradezu Zweifel an göttlicher Gerechtigkeit, und so ergötzt man sich im Paradies des Herrn Abou Nagie denn auch am höllischen Feuer und am Leid. Das hat etwas Sadistisches, Brot und Spiele, ein himmlicher Circus Maximus mit einem auf ewig absenkten Daumen.

Das ist auch deshalb interessant, weil nach einem anderen Gedankengang dieser extremen Gläubigen nichts ohne Allahs Willen geschehe. Ob jemand gläubig oder ungläubig sei, ist demnach von ihm bestimmt (man lasse einmal die fehlende Binnenkonsistenz außer Acht, denn dann müsste man keine Bücher verteilen, man müsste überhaupt nichts lesen oder tun, denn das ist alles vorherbestimmt). Denkt man das in dieser Logik zu Ende, sind Ungläubige geborene Shaytane, Teufel, die als Person eigentlich gar nicht relevant sind. Sie sind schlicht keine Personen wie man selbst, sondern Kreaturen rein zur Prüfung der Gläubigen.

Abou Nagie bezeichet Atheisten im Video mehrfach konkret als „schlimmer als das Vieh“. Jeder hat seinen Platz in seiner Welt und da rangiert der Atheist unter Ochs und Esel*. Er ist sich sehr sicher, dass diese sowie Christen und Juden in die Hölle kommen. Bei den IS-Anhängern ist er sich nicht sicher. Da will er es „dem Schöpfer“ überlassen. Wenn er sich da nicht sicher ist, heißt dies, dass er deren Taten nicht bewertet, weil er sie als andere Muslime sieht. Sein Islam ist also der des IS. Das ist kompatibel. Bei all dem ist er sich völlig sicher, dass dies nicht sein eigenes Urteil ist, sondern der Wille und der Befehl Gottes. Da Gott aber per definitionem gerecht ist, ist kein Platz für Mitleid. Es ist so bestimmt. Folgt man dieser Bestimmung, ist somit kein Raum für Reue. Man ist ja nur Befehlsempfänger.

Das ist natürlich nur die Ebene von Abou Nagies Eigensicht. In der Fremdbetrachtung sind das die Wünsche des Herrn Abou Nagie. Man wünscht anderen Leid, wenn sie sich dem eigenen Willen nicht unterwerfen, ganz banale Macht- und Größenphantasien. Man könnte es als Sonderform eines pathologischen Narzissmus sehen, der den anderen, sofern er ein bestimmtes Kriterium erfüllt, gar nicht mehr als andere Person wahrnimmt. In dieser Wunschwelt ist kein Platz für Mitleid, denn der Umweg über den Glauben verdeckt nur die eigenen Machtphantasien und tatsächlich einen Hass auf Menschen, die sich ihm nicht unterwerfen. Dieser Hass wird über die genannten Umwege in der Selbstsicht sozial kompatibel umbenannt und dann projiziert. Zumindest in seinen Kreisen sozial kompatibel. Bei aller Psychologisierung sind das Botschaften, die er so auch an seine Anhänger transportiert. Da wird aus der Psychologie dann Politik und das ist ein Problem unserer Gesellschaft, denn mit dieser Ideologie instruierte Jugendliche sind mittlerweile weitläufig zu finden.

Mehrheitsgesellschaft, Medien, andere Menschen, alles teuflische Versuchungen. Diese Wahnwelt hat die Eigenschaft, alle Kommunikation, die Brücke sein könnte, zu entwerten und abzubrechen. Aus dieser mentalen Wagenburg dringt nur noch nach außen, hinein kommt nichts mehr. Deshalb muss man mehr machen, bevor der Kreis geschlossen ist. Denn im Gegensatz zu anderen totalitären Ideologien winken nicht nur der narzisstische Gewinn durch realen Bedeutungszuwachs und elitäre Eigensicht, sondern auch noch Belohnung im Jenseits. Zumindest die Abwesenheit der Strafe. So schrecklich schon das Paradies des Abou Nagie wirken mag, die Hölle, die er anderen wünscht, ist schlimmer.

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Es muss schlimm sein in der aufgeblasenen Sicht des Herrn, dass mindestens 20% in dieser Gesellschaft diese Weltanschauung haben, nicht nur nicht bestraft werden, wie er es sich wünscht, sondern das Wahlrecht innehaben und auch über seine Handlungen mitbestimmen (indem sie ihm nämlich die Grenzen der hiesigen Gesetze aufzeigen ggf.). Und natürlich, dass diese „schlimmen Personen“ ihn „nur“ als gleichberechtigten Menschen sehen.