„Cyber-Da’wa“ : Salafistische Video-Portale

In den letzten Jahren war das Augenmerk vor allem auf die islamistische Propaganda des IS gerichtet, der mit einer vielfältigen Medienstrategie Anhänger, Unterstützer und Kämpfer zu gewinnen suchte. Hochglanzmagazine, Audios, Videos, professionell und mit der Absicht erstellt, den Abstieg in die düstere Gedankenhölle des IS zum heroischen Aufstieg zu einer selbsternannten Elite umzudeuten. Mit den Verlusten des IS wurde es dort stiller. Doch auch Akteure, die in der Grauzone des Legalen und hierzulande operieren, also nicht offensichtlich jihadistische Ziele verfolgen, stellen eine erhebliche Gefahr dar. Sie wollen eine fest umrissene Gegengesellschaft konstruieren, die Menschen sollen sich als Gruppe aus der Gesellschaft ausklinken. Der dort ebenfalls umschriebene Gegner ist meist die Mehrheitsgesellschaft, oft genug aber auch schon andere Muslime, die sich nach Sicht der Protagonisten zu sehr der Mehrheitsgesellschaft anpassen. Und natürlich erhöhen sie die Wahrscheinlichkeit, dass an die salafistische (in diffusem Sinne) Ideologie jihadistische Elemente anschlußfähig werden.

Jugendliche werden durch verschiedene Portale dahin gebracht, sich abzusondern, im Grunde nur noch dem Vortragenden zu glauben und zu vertrauen und sich einem fundamentalistischen Islam zuzuwenden. Parallel rufen nicht wenige Akteure auch dazu auf, nicht nur selber glaubensstrenger zu werden, sondern auch die Umwelt, dort insbesondere und zuerst Frauen der eigenen Community, zu dominieren.

Nachfolgend werden einige größere Portale gezeigt, die eine relevante Anzahl Follower haben, aber auf die bislang weder öffentlich breiter verfügbar durch Medien noch Präventionsdienstleister oder Sicherheitsbehörden aufmerksam gemacht wurde (zumindest nach meiner Kenntnis, ich lasse mich da gerne belehren); eine zurückliegende wissenschaftliche Hausarbeit erwähnt aber das älteste Portal.* Eltern und Lehrer sollten diese Portale allerdings kennen und auch alle, die in der Jugendarbeit tätig sind. Auf diesen Portalen werden u.a. jugendtypische Fragen bearbeitet. Die Antworten entsprechen einer fundamentalistischen Sicht. Es wird versucht, die Zuschauer zu emotionalisieren und zu ängstigen.

1. „Botschaft des Islams“

Verantwortlicher/hauptsächlicher Akteur: anonym
Abonnenten youtube: > 100.000
Abonnenten Facebook: > 50.000
Seit Bestehen 14.283.095 Aufrufe (seit 2013)

Kanal:
https://www.youtube.com/user/Islambotschaft

Beispielvideo 1:

Beispielvideo 2: Weiterlesen

Ein hessischer Vater

Tarik (alle Erkennungsmerkmale verändert) weiß nicht mehr weiter. Wir treffen uns in einer hessischen Stadt auf einen Kaffee. Er ist völlig verzweifelt, weil sein Sohn Mustafa immer weiter in die salafistische Szene abrutscht.

Tarik ist Atheist, er lebt seit längerem von Mustafas Mutter getrennt. Beide stammen aus einem mehrheitlich von Muslimen bewohnten Land. Er ist Akademiker, lebt seit vielen Jahren in Deutschland und versucht zu verstehen, was gerade passiert. Tarik sieht seine drei Kinder nicht mehr regelmäßig seit der Scheidung vor Jahren, versucht aber, sie zu besuchen und sie besuchen ihn. Bis vor einem Jahr war sein jüngerer Sohn Mustafa ein relativ normaler Junge, Ausbildung, begleitend Schule. Die Mutter trug kein Kopftuch. Der ältere Junge geht auch noch zur Schule, ebenso die Tochter. Die Mutter dachte, es sei gut für die Kinder, wenn sie sie in die Moschee schicken würde, zur Charakterbildung. Der Vater wird darüber zunächst nicht informiert. Was Tariks Frau nicht wusste: Die Moschee ist Insidern seit Jahren als Problem-Moschee bekannt. Immer wieder werden vom Vereins-Vorstand auch Hassprediger eingeladen als gern gesehene Gäste.

Das wird jedoch nicht bekannt gemacht, das steht nirgendwo in dieser Klarheit, das müsste man sich einzeln aus Zeitungen und dem Internet zusammensuchen. Tariks Frau hat eine einfache Bildung. Sie käme nicht auf die Idee, beim Verfassungsschutz anzurufen, bevor sie ihre Kinder dem Einfluß fremder Menschen aussetzt. Sie vertraut darauf, dass alle nicht verbotenen Moschee-Vereine der Ort sind, wo sich gute Muslime treffen und wo den Kindern Anstand und Sitte beigebracht werden, besonders den wilden Jungs.

Tariks Frau ist also ganz arglos. Doch der jüngere Sohn verändert sich. Bald weist er die Mutter darauf hin, dass sie sich bedecken soll als anständige Frau. Nach nur drei Monaten wird er schlechter in der Schule, verliert das Interesse am Unterricht. Gespräche zwischen Vater und Sohn verlaufen zunehmend feindselig, wenn das Gespräch auf den Glauben kommt. Dazu kommt es häufiger, denn der Junge interessiert sich eigentlich nur dafür noch brennend. Er fängt an, gelegentlich traditionelle Kleidung zu tragen. Die Lehrer in der Schule und die Behörden werden auf Mustafa aufmerksam. Doch die Schulleitung möchte das nicht thematisieren. Man befürchtet einen Image-Verlust. Gelegentliche Missionierungsversuche Mustafas duldet man.

Der Vater versucht, Hilfe zu organisieren, da er ahnt, das Problem werde er nicht selber lösen können. Doch Mustafa lehnt die professionelle Hilfe ab. Er sieht sich nicht als hilfsbedürftig. Da die Angebote auf freiwilliger Basis sind, ist der Vater machtlos. Bei Streitgesprächen wird Mustafa auch dem Vater gegenüber mittlerweile handgreiflich. Er muss ihn aus der Wohnung weisen. Mustafa geht wieder zu seiner Mutter, die resigniert hat vor dem aggressiven Sohn und die Lage auch nicht vollständig einschätzen kann.

Eine Behörde schlägt vor, Mustafa einen Aufenthalt im Herkunftsland der Eltern zu bezahlen, damit der Junge „seine Kultur“ kennenlerne und auch nicht mehr der Kontakt zur salafistischen Szene in der nahe gelegenen Stadt aufrecht erhalten werden kann. Das wiederum findet der Vater schrecklich, denn es ist bekannt, dass die Wege zum IS dort noch kürzer sind als aus der hessischen Stadt. Auch hatte er gehofft, das der Junge – bei allem Traditions- und Herkunftsbewußtsein – die europäische als seine Heimatkultur annehmen würde wie er selbst. Auf Nachfrage will die Behörde sich nicht dazu äußern, ob sie solche Angebote auch anderen Jugendlichen machen.

Mehr als ihm raten, dem Sohn kein Taschengeld mehr zu geben und zu versuchen, im Gespräch mit ihm zu bleiben, kann ich nicht für ihn tun. Der falsche erste Schritt, nämlich den Jungen in eine Problem-Moschee zu schicken, wäre vielleicht vermeidbar gewesen, wenn es diese Moschee nicht gegeben hätte oder die Mutter in ihrer Sprache Hinweise erhalten hätte. Hinweise, die so klar und deutlich formuliert sind, dass sie sie auch verstanden hätte. Tarik möchte nicht an die Öffentlichkeit. Er hat Angst um sein Kind, Angst, dass das weiter entfremdet, die Situation noch weniger beherrschbar macht, als sie es schon ist..

Tarik möchte seinen Sohn nicht verloren geben. Er möchte um ihn kämpfen. Aber er weiß nicht mehr wie. Er fühlt sich sehr einsam.

Make war not love

Für einen freien Menschen kann Sex etwas Wunderbares sein: Nicht nur die reine und temporäre Triebbefriedigung, sondern im besten Falle mit dem Wunschpartner mehr noch, Erfüllung und vielleicht auch die Erzeugung von Nachwuchs. Sexualität ist einer der stärksten Antriebe und so kann genau dieser Antrieb auch zu großem Leid führen, wenn man dem nicht nachgehen kann. Wir wären als Art nicht existent, wäre dieser Antrieb nicht stark vorhanden. Wenn Unerreichbarkeit zwischen Trieb und Trieberfüllung tritt, entsteht Unbehagen. Das kann diffus (kein Partner ist erreichbar) oder konkret (ein bestimmter Partner ist nicht erreichbar) sein. Es gibt verschiedene äußere Umstände, die alle im Grunde nicht recht natürlich sind, die Sexualität regeln. Soziale Gepflogenheiten, Gesetze und – Religion.

 

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Bild: BBC

Das ist im Grunde banal. Es tritt jedoch aus dieser Trivialität heraus, wenn Sexualität stark überhöht und von einer Religion zentriert wird. Wenn sie gefeiert oder verteufelt wird. In frühen Kulturen gab es häufig Fruchtbarkeitsrituale, in manchen heute noch, so z.B. im Shintoismus. In den abrahamitischen Religionen ist der Ansatz jedoch ein anderer: Sexualität wird unterworfen, wird kontrolliert, v.a. die weibliche, aber auch mit ihr, nachfolgend, die männliche.

In der hiesigen heutigen Gesellschaft haben v.a. muslimische (und auch einige andere aus religiösen Familien) Jugendliche das Problem, dass sie sozusagen von einem Meer der suggerierten sexuellen Verfügbarkeit umgeben sind, dem aber nicht nachgeben dürfen, weil ihre Sexualität an ihren Glauben geknüpft ist. Es gibt Vorstellungen von Reinheit, die nicht biologisch herleitbar sind, sondern rein ideologisch und traditionell bedingt. Die weibliche Unberührtheit und Treue wird mystisch überhöht oder gar als Kernpunkt einer archaisch-patriarchalen „Familienehre“ betrachtet, die von den Mitgliedern des Clans oftmals als verteidigungsfähig betrachtet wird. Sexualität ist keine Privat-, sondern Familiensache.

In vielen muslimischen Familien haben die Jugendlichen überdies keinen eigenen Raum für den Rückzug. Das mag auch schichtbedingt sein, man sitzt jedoch häufig auf engem Raum zusammen. Oftmals haben die Kinder nicht mal einen eigenen Platz, an dem sie ungestört lernen könnten. Hausaufgaben am Küchentisch sind da noch verbreitet. Privatsphäre Fehlanzeige.

Bei vielen männlichen muslimischen Jugendlichen führt das dazu, dass sie sich in Jungengruppen draußen treffen. Man trifft sich mit Kumpels, obwohl der Trieb eigentlich die Beschäftigung mit dem weiblichen Geschlecht vorgibt bzw. eigentlich eine Freundin gewünscht wird. Religiösere Jugendliche deuten das als Zeit der Versuchung um. Die Vorstellung, an gleich 72 junge Frauen heranzukommen, kann bei heftigem Triebstau schon mal gesondert kirre machen. Das wusste schon der Religionsgründer und er hielt deshalb seinen jungen Kämpfern diese Wunscherfüllung vor die Nase: Kämpfe und erhalte Frauen als Beute oder stirbt und erhalte auch Frauen. Sex sells.

 

Frauen in Ketten IS 150619

Quelle: The Liberal

Das hat sich nicht wesentlich geändert, der Antrieb ist der gleiche, weil der Mensch der gleiche ist. Auf der Zeil hörte ich schon einmal, wie sich zwei 15 jährige angeregt über „Kriegsbeute“ unterhielten. Es ging nicht um das neueste Computerspiel.

Diesen Aspekt hat man im folgenden britischen Bericht aufgegriffen:

Alyas Karmani said teenagers are at risk of being radicalised by terrorist groups because they feel isolated in ’sexualised‘ British society, and resent not having the same freedoms of Western youths to have girlfriends and intimate relationships.

http://www.dailymail.co.uk/news/article-3126987/Huge-numbers-Muslims-turning-ISIS-want-SEX-reveals-former-Islamist-says-resent-freedoms-Western-youths-have.html

Das ist bei deutschen Jugendlichen nicht anders. Junge Salafisten loben sich gegenseitig für enthaltsames Verhalten und „Meiden der Versuchung“, man geht Mädchen aus dem Weg. Man ist dafür im Jungmännerbund: Für das Heiraten, die einzig statthafte Art der Triebabfuhr, ist man sozial noch zu jung. Der Trieb ist aber da. So lenkt man sich ab, ohne sich da jedoch, es handelt sich um einen starken Trieb, völlig ablenken zu können. Manchesmal schägt das in erhöhte Aggressivität um. Nicht nur von den Bonobos wissen wir: Sex entspannt auch und macht sozial verträglicher.

Bei Mädchen ist das der Ansatz, ihre Sexualität als „Heldengattin“ auszuleben, als Mutter von „Heldensöhnen“. Bizarr-romantisch. Das ist was für das völlig verwirrte weibliche junge Wesen, das natürlich *auch* durch Sexualität getrieben wird. Vielleicht nicht ganz so stark wie die jungen Männer, aber nicht zu vernachlässigen.

Ein Teil-Rezept sollte daher auch sein, dass in vielen religiösen Familien die Sexualität endlich als Privatsache betrachtet werden muss. Dass Jugendliche einen Rückzugsraum haben, in dem sie sich ungestört auch mal ihrem Körper und seinen natürlichen Bedürfnissen widmen können. Sex muss entabuisiert werden und vor allem müssen Mädchen aus der Falle der Familienehre entlassen werden. Ihr Körper – ihr Recht. Niemandes sonst.

Dann wäre man wieder ein Stück voran.
Make love, not war.

 

Bilder:

http://www.bbc.co.uk/nature/life/Deer

http://theliberal.ie/isis-the-twisted-terrorist-group-are-using-women-for-slavery/