Quo vadis profiling I

Einige Gedanken zu den verfügbaren Daten von Tätern

Anschlagspläne im Vorfeld zu erkennen, um einen Anschlag letztendlich verhindern zu können – das ist die bestmögliche Art, wie solchen Verbrechen begegnet werden kann.  Neben konkreten Hinweisen wie durchgestochenen Informationen und eigenen Beobachtungen ist das sogenannte profiling, also die strukturierte Fallanalyse ein wichtiges Standbein der Aufklärung – vorher im besten Falle und hinterher, wenn dies nicht gelang.

Klassisch wird die Fallanalyse eingesetzt bei Straftaten, die ungeklärt sind. Welche Hinweise auf die Täterpersönlichkeit gibt es? Wo kann man den Täter suchen? Welche Gruppen von Personen kommen in Frage? Kann man örtlich, zeitlich eingrenzen, kann man Gruppen ausschließen? Fiktiv aufbereitet wurde das Thema u.a. im Film „Das Schweigen der Lämmer“, in dem eine Beamtin den Täter sucht, indem sie einen anderen Delinquenten einbindet. Jenseits dieser filmischen Aufarbeitung ist Fallanalyse normalerweise ein Fach, in dem Soziologie und Psychologie eine Rolle spielen aber auch übliche Kriminalistik. Ein Fall liegt vor. Er soll aufgeklärt werden. Es wird also meist nach einem Vorfall agiert, besonders intensiv, wenn mehrere Fälle vorliegen, bei denen ein Zusammenhang vermutet wird oder sicher scheint: bei mutmaßlichen Serientaten.

Bei Terrorismus, bei dem man Wiederholung befürchtet, ist es beides: Auseinandersetzung mit aktuellen Tätern und deren Ergreifung, aber auch die Prävention von Nachahmungen, allgemeine Analyse von sozialen Gruppen, Netzwerken und Zellen. Welche Gruppen kommen in Betracht? Gibt es ein oder mehrere spezifische Umfelder? Wer hat sich bei Fall A und B bekannt, sind weitere Zellen auszumachen? Wie war das Vorgehen, was kann man daraus lernen, um das nächste Mal schneller zu sein oder anders vorbereitet zu sein?

Auch wenn meist nur Wahrscheinlichkeiten geliefert werden können, so ist diese Vorgehensweise doch Weiterlesen

Netzwerke, Clans, Familien

Ein paar Gedanken zu den Unterstützerstrukturen, nicht nur in Brüssel

Letzte Woche wurde der lang gesuchte belgische Terrorist Abdeslam festgenommen. Er wurde in der Nähe seines Wohnorts nach 4 Monaten Versteckspiel festgesetzt. Dass er sich dort, wo er gesucht wurde, dort, wo er bekannt war, so lange einem Zugriff entziehen konnte, ist seinem ausgedehnten Unterstützer-Netzwerk zu verdanken. Aus diesem Unterstützer-Netzwerk heraus sind möglicherweise aktuell die Anschläge geplant worden.

Verschiedene Wohnungen standen zur Verfügung und wenn Abdeslam einmal auf die Straße ging, wurde er wohl entweder nicht erkannt – wie er sehen viele aus – oder nicht gemeldet. Man wird jetzt fragen müssen, wer da alles informiert war.

Das funktioniert nur, wenn viele denken wie er und ihre Loyalität im Zweifelsfall auch einem Terroristen eher gilt denn unschuldigen Mitmenschen. Es ist eine diffuse Loyalität, die entweder der Ethnie, der Nation oder der Religion gilt oder auch nur dem, der empfunden ebenfalls gegen die als feindlich wahrgenommene westliche Welt eingestellt ist. Auf dem Boden dieser Loyalität, die einer völligen Gegenhaltung zur westlichen Gesellschaft entspringt, ist auch möglich, was verschiedene Medien zu Begleithandlungen während der Zugriffs auf Abdeslam berichteten: Es habe Zusammenrottungen gegeben von Passanten, die gegen Polizisten vorgehen wollten. Es mangelte da wohl nicht am Willen, sondern nur an der Möglichkeit, wie man leider nach Sichtung einiger Eindrücke annehmen kann.

Clans und Familien sind weitere Unterstützer. Das ist leider nicht selten. Das muss man aber Weiterlesen

Die Angst im Klassenzimmer

Das Verhältnis Lehrer-Schüler soll von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt sein. Nur so entsteht eine Atmosphäre, in der Lernen und Lehren möglich ist. Für Kinder und Jugendliche, die aus autoritären Familien kommen, ist es oftmals die erste Gelegenheit, einen anderen Umgang mit Menschen zu erlernen und zu üben: Umgang älteren Personen anderen Bildungsgrades, mit Erfolg und Misserfolg, Umgang mit dem anderen Geschlecht, mit nicht verwandten Personen.

Die Angst von Schülern vor autoritären Lehrern konnte durch andere pädagogische Ansätze vermindert werden. Es wird auf ein mehr kameradschaftliches Verhältnis gesetzt. Dieser Umgang ist für Kinder, die autoritär erzogen wurden, manchmal irritierend: Er bietet zu wenig Orientierung hinsichtlich der als verboten oder erlaubt bewerteten Handlungen. Dieser Umgang baut darauf, dass die Kinder mit einer europäischen Sozialisation, in der viele Dinge auf Vorbild beruhen und viele Verhaltensweisen Verhandlungssache sind, vorgeprägt wurden. Anders vorstrukturierte Kindern, v.a. Jungen, können auf die Idee kommen, dass sie im weiblich dominierten Grundschulbereich dominant auftreten können. Da das bei manchem religiös-patriarchalisch legitimiert wird, ist das wenig verhandelbar. Diese Sozialisation kann zu deutlichen Autoritätsproblemen mit diesen Kindern führen. Auch das belastet das Verhältnis, kann aber kaum angesprochen werden, da Lehrer mit diesen Problemen meist alleine gelassen werden, selbst wenn sie es ansprechen. Die Schulleitung mag das oft nicht angehen, denn zwischen Angst um den Ruf der Schule und der Angst, lautstark wegen Diskriminierung angegangen zu werden, bleibt manche Einsicht auf halbem Wege stecken.

 

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Wenn jedoch die Angst konkreter wird, wenn Pädagogen Angst vor ihren eigenen halbwüchsigen Schülern haben, hört jede Berechtigung für solche Befindlichkeitsstörungen auf. Pädagogen, die fürchten müssen, dass sich Schüler zusammentun, dürfen nicht alleine gelassen werden. Aus einigen Schulen im Raum hört man, dass normaler Unterricht wegen abgesprochener Störung, wegen gezielter Missachtung bestimmter Lehrer oder strukturierter Zurückweisung kritischer Inhalte manchmal kaum noch möglich ist.
Die Störung bzw. Nichteinhaltung einer Schweigeminute nach „Charlie Hebdo“ ist da symptomatisch. Etwas Ähnliches wurde dem Anschein nach nach den jüngsten Pariser Attentaten gar nicht mehr versucht.

Ist nun endgültig die Angst vor den eigenen Schülern in manche Klassenzimmer eingekehrt?

„Die IS-Dschihadisten hatten erst im November zu Angriffen auf Lehrer in Frankreich aufgerufen. Sie seien „Feinde Allahs“, die sich in einem „offenen Krieg gegen die muslimische Familie“ befänden.“

http://www.focus.de/politik/ausland/feinde-allahs-messerangriff-auf-kita-erzieherin-nahe-paris-taeter-erwaehnt-is_id_5152256.html

[Nachtrag 19:25: Der Angriff war wohl erfunden, unglaublich. Hier die Einordnung:

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/frankreich-lehrer-erfindet-islamistische-messerattacke-13966291.html

Das Zitat ist aber authentisch. SHM]

Wenn das so wäre, dann wären wir nicht mehr bei „wehret den Anfängen“. Dann wären wir schon mittendrin im Kampf im Klassenzimmer, der auch psychologisch geführt wird.

Diesen Kampf um die Köpfe dürfen wir jedoch nicht verloren geben.

Die Pädagogen brauchen da mehr, jede sinnvolle Unterstützung, die man ihnen geben kann. Sie kämpfen da für uns alle um die jungen Menschen. Wir müssen dafür sorgen, dass dies kein einsamer Kampf auf verlorenem Posten ist.

Belgischer Hassprediger Tarik ibn Ali soll Bataclan-Attentäter radikalisiert haben

 

Die belgische Szene hat seit Jahren intensive und auch persönlich mehrfach im Jahr durch Besuche gepflegte Kontakte. Tarik Chadlioui oder besser bekannt als “Tarik ibn Ali” reist mehrfach im Jahr durch Europa. In Deutschland ist der Belgier nahezu unbekannt, obwohl er seit Jahren feste Stationen z.B. auch im Rhein-Main-Gebiet aufsucht. Der marokkanischstämmige Prediger, der in in Antwerpen residierte, hat beste Kontakte zu den islamistischen Szenen in verschiedenen europäischen Ländern. Paris war auch auf seiner Route. Doch im Rhein-Main-Gebiet sucht ibn Ali ungehindert und kaum beachtet von der Mehrheitsgesellschaft immer wieder Vereine auf:

https://vunv1863.wordpress.com/2015/05/07/tarik-ibn-ali-dossier/

https://vunv1863.wordpress.com/category/tarik-ibn-ali/

Die Vernetzung erfolgt mehrheitlich über die marokkanische bzw. berberische Community. Die Predigtsprache ist tamazight, was Übersetzungen zusätzlich erschwert, da weniger Übersetzer zur Verfügung stehen.

 

Tarik-Iban-Ali Bild

Tarik ibn Ali Bild: Telegraaf

 

Auch in Mainz-Kostheim war er dieses Jahr zu Gast:

https://vunv1863.wordpress.com/2015/07/05/tarik-ibn-ali-in-mainz-kostheim/

Es wird nicht nur Geld gesammelt, sondern – der Zweck dürfte den Spendern bekannt sein – ideologische Unterstützung geboten.

Aktuell, spekuliert die Daylimail, könne Tarik ibn Ali einen der Bataclan-Attentäter radikalisiert haben:

„A Muslim hate preacher suspected of radicalising one of the Bataclan theatre gunmen urged his followers to wage jihad against ‚infidels‘ and promised ‚martyrs‘ would go to paradise.

Tarik Chadlioui preached hate-filled sermons at a Paris mosque attended by terrorist Omar Mostefai, who blew himself up after the bloody Batacalan theatre siege which claimed 89 lives.“

http://www.dailymail.co.uk/news/article-3320770/Preacher-terror-Revealed-hate-filled-Belgian-Muslim-cleric-radicalised-Bataclan-suicide-bomber-Omar-Mostefai.html#ixzz3rqv1gkog

In der aktuellen Lage, in der massiv in Frankreich und Belgien gegen Terrorunterstützer vorgegangen wird, kann man sich vorstellen, dass diese Kontakte, vermittelt durch Vernetzer wie ibn Ali, nun genutzt werden, um Unterschlupf zu suchen. Die aus Belgien in das Rhein-Main-Gebiet führenden Autobahnen werden vielleicht deshalb verstärkt kontrolliert. Solche Personen werden jedoch kaum die Autobahnen nehmen oder sich abholen lassen. Eine bessere Kontrolle wäre nur an den Grenzen möglich.

Was das nun konkret für die Sicherheitslage in Hessen bedeutet, ist schwer zu beurteilen, zumal man natürlich „unsere“ home grown terrorists“ in spe parallel betrachten muss. Leider wurden – sollten sich genau die letzten Hinweise verdichten – seit langem getätigte Warnungen hinsichtlich dieses „Wanderpredigers“ nicht ausreichend ernst genommen.