Zeitenwende war gestern

Freiheit ist immer auch etwas, das ausgenutzt werden kann eben von Gegnern der Freiheit, die sie gebrauchen, um ihre Interessen nach vorne zu bringen. Die demokratische Gesellschaft muss sich auf eine andauernde Herausforderung einstellen, etwas, was vielen trotz vielerlei Hinweisen nicht bewußt war oder noch nicht ist. Islamismus und islamistischer Terror sind keine Phänomene, die übermorgen wieder verschwunden sein werden wie die Mode vom letzten Jahr.

Wer nicht begreift, dass die Anschlagspläne, die verhindert wurden, nur ein Symptom sind für eine größere gesellschaftliche Bewegung, der verschließt die Augen vor einer bitteren Realität: Unsere Gesellschaft hat nicht auf alle die gleiche Strahlkraft und das Angebot des zumindest ideell Egalitären nicht auf jeden Wirkmacht. Offenheit ist manchem kein Wert, Vielfalt ist manchem kein Gewinn, Gleicher unter Gleichen sein ist manchem kein Angebot, kein erstrebenswertes Ziel. Wer meint, man müsse nur offen sein, dann werde automatisch jeder Mitbürger sein wollen, sich bescheiden damit, Gleicher zu sein, der ist blind für die politische Agenda, ist blauäugig hinsichtlich der Macht des Fanatismus und der Droge Selbstaufwertung. Er ist blind für die Macht des Elitären, die Verführungskraft des faschistoiden Gedankengutes, das schon bei Kindern verfängt: Du bist was Besseres als die anderen.

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Bildquelle: MGM

 

Bei allen sozialen und vor allem politischen Gruppen gibt es die Vordenker und die Mitläufer. Das ist beim Islamismus nicht anders. Die Mitläufer tragen inhaltlich mit, unterstützen vielleicht etwas, besitzen selber aber nicht genügend Antrieb oder Intelligenz, ihre Vorstellungen auch in Taten umzusetzen. So wie seinerzeit radikale linke Studenten dem staunenden Arbeiterjugendlichen die Welt erklärten, vermittelten, dass der Genosse Stalin leider irgendwie nicht anders handeln konnte, um den Sieg der Arbeiterklasse, die reiner, edler und verdienter sei als die dekadente Bürgerklasse, davon zu tragen und zu sichern, so machen das die Vordenker der Szene heute in ähnlicher Weise. Massenmord als Notwendigkeit wird auch heute gerechtfertigt, verharmlost, als Aufbauschung der „Systemmedien“ dargestellt oder schlicht als Propagandalüge diskreditiert. Diese Vordenker, aus deren Kreisen dann auch einige zur Tat schreiten – man erinnere: die Attentäter waren vornehmlich Studenten – sind zu wenig im Fokus der Aufmerksamkeit. Auch damals in den 70ern sah man an vielen Stellen Flugblattverteiler für die diversen Gruppen, die jede für sich und Stalin mit allen um Anhänger warben.

Diese Mitläufer von damals sind entweder mittlerweile abgerückt, haben die fatale Menschenfeindlichkeit erkannt und sich gefangen, sind also in den normalen gesellschaftlichen, einen demokratischen Rahmen zurückgekehrt, oder sie sympathisieren immer noch mit einer neuen Zeit. Ein Utopia ging verloren, man hat aber Verständnis für die Utopien anderer, auch wenn sie Opfer fordern. Ihnen heiligt der Zweck so manches Mittel. Letztere Haltung macht milde gegenüber anderen Menschen, die ähnlich strukturiert sind. Diese Sicht macht auch blind für die brutale Menschenfeindlichkeit, die schon bei den islamistischen Mitläufern aufscheint: Eigentlich wollen sie ja nur spielen, kämpfen einen im Grunde gerechten (da antiwestlichen) Kampf, sind eigentlich Opfer der Gesellschaft. Sie passen daher nicht so recht in die Täterschemata Ultralinker. Eine Einstellung ähnlich dieser hat z.B. Rotherham erst möglich gemacht (neben Feigheit und erschütternder Gelichgültigkeit).

Auch wenn die Chance, einen Mitläufer zu überzeugen, wieder in die Gesellschaft zu holen, besser sind als einen überzeugten Ideologen, so darf man die Anstifter keinesfalls übersehen oder vernachlässigen. Man muss sie als politische Akteure begreifen. Sie laufen nicht zwangsläufig in der Szenekleidung umher, die Mitläufer so gerne als Zeichen des Dazugehörens tragen. Ihnen genügt das Bewußtsein, einer kommenden Elite anzugehören, in der Hierarchie einer neuen, ihrer Weltordnung ganz oben zu stehen. Ihnen genügt, mehr im Stillen, mehr konspirativ zu wirken. Sie drängen auch nicht nach vorne auf Bildern, denn das Verteilen und Anwerben überlassen sie anderen. Sie selber werben allenfalls Multiplikatoren an. Sie studieren nützliche Fächer, etwas, was man nach der imaginierten Zeitenwende brauchen kann, keine „nutzlosen“ Orchideenfächer. Lehramt, Gesellschaftswissenschaften allenfalls, um die neue Generation zu lehren. Sie leiten die Mitläufer an: Hier ist eine Gesetzeslücke, dort eine Möglichkeit, da eine sinnvolle Heransgehensweise, hier eine Option, den Boden für die erwünschte Zeitenwende durch eine Gewöhnung an im Grunde menschenfeindliche Inhalte oder einen Marsch durch die Institutionen vorzubereiten.

Wenn man auch an diese Gruppe der politischen Ideologen mit dem Vorurteil herangeht, diese Gesellschaft habe ihnen nur nicht genügend Chancen geboten, geht man fehl. Das mag für so einige Mitläufer ja durchaus gelten. Es gibt Diskriminierte unter ihnen, welche, die ihre Chancen nicht nutzten, welche mit Stockholm-Syndrom, einfache psychisch Beeinträchtigte. Man kann aber alle Chancen erhalten, in dieser Gesellschaft ein Mitglied zu sein, und sie doch völlig ablehnen. Man muss nicht diskriminiert worden sein, um selber zu diskriminieren oder ein generell antiegalitäres Weltbild zu haben. Man kann mitten in der Gesellschaft stehend erscheinen, integriert wirken, mit Studium, mit allem. Inspiration und Selbstvergewisserung sind religiös begründet, ja. Das Handeln aber ist politisch. Ein Blick nach Großbritannien lohnt auch da.

Die Vordenker sind keine religiös verirrten Schafe mit einem Intelligenzdefizit, sondern sie setzen ihre völlig erhaltene Intelligenz in den Dienst der Sache. Ihre politische Agenda setzen sie um, indem sie die Ideologie verbreiten und verbreiten lassen, vernetzen, planen. Und manchmal, um direkt aktiv zu werden.

An einigen Universitäten gibt es mittlerweile Studentenzirkel, in denen die Abschaffung der westlichen Demokratien auf der Agenda steht. Paranoia ist sicher nicht der richtige Weg. Eine offene Gesellschaft kann sich nicht vorauseilend abschaffen. Es ist dann zu wenig da, was zu retten ist, wenn die Mittel zu ähnlich werden. Aber aufmerksam kann und muss sie sein.

Extremistische Wiedergänger

Der Islamist und bekennende Al Qaida-Anhänger Bernhard Falk macht immer wieder durch extremistische Propaganda und seine spezielle Art der bundesweiten Gefangenenbetreuung auf sich aufmerksam. Mal verschafft er inhaftierten „Geschwistern“, die für ihn allesamt „politische Gefangene“ des „BRD-Apparates“ sind, Zugang zu Szene-Anwälten, mal sorgt er dafür, dass durch szeneöffentlichen Druck die Gefangenen auf ihrem fatalen Weg bleiben, mal führt er Gespräche mit Medienvertretern. Eine Eigendarstellung:

 

Falk, der alleine mit seiner Erscheinung, weniger wegen der kurzen Hosen und Militärjacke, mehr mit Körpergröße und „Verhandlungsmasse“ den einen oder anderen Inhaftierten beeindrucken könnte, ist so jedoch nicht vom Himmel gefallen. Er hat eine extremistische Vorgeschichte, die ihn von einer kleinen RAF-Nachfolge-Organisation in die Arme Bin Ladens führte.

Als Mittzwanziger und Physikstudent hatte er etliche Anschläge und Mordversuche begangen als Kopf einer „Antiimperialistischen Zelle“, einer RAF-Nachfolgegruppe:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Antiimperialistische_Zellen

 

Für diese Taten saß er viele Jahre ein. In dieser Zeit konvertierte er zum Islam.
Auch heute noch hört man diese ideologische Vorgeschichte aus seinen Vorträgen heraus. Die Sprache wurde nur leicht modifiziert und durch islamische Floskeln ergänzt. Beispielhaft sein Kurz-Vortrag vom 07.09.2013, dem Tag, als Pierre Vogel in Frankfurt auf dem Goethe-Platz war:

 

Oder kurz ein ZDF-Interview von diesem Tag, in dem aber nicht so klar wird, wo er seine ideologische Heimat hat:

 

[Man beachte die Symbolik Fahne – Weltkugel und das Messer-Geräusch.]

Das Ziel, nämlich den Kampf gegen den Imperialismus und Kapitalismus fortzusetzen, ist im Grunde ähnlich geblieben. Nur wurde das Proletariat, das er als einheitliche Gruppe wähnte, aber real wenig aktivierbar war für diese politische Idee, ersetzt durch die Ummah, also alle Muslime. Das Utopia des RAF-Ablegers wurde ersetzt durch den „Islamischen Staat“ (der von Falk gedachte ist nicht identisch mit dem derzeit real existierenden). Alter Wein im neuen Schlauch also.

Auch Falks Mittäter, Michael Steinau, soll zum Islam konvertiert sein:

http://www.beucker.de/2009/juwo09-08-20.htm

 

Was Steinau heute macht, ist nicht bekannt.

Wie Falk und Steinau werden sich auch andere aus der ultralinken und gewaltbereiten Szene neue Spielwiesen für ihren angeblich klassenkämpferischen Extremismus und ihre Menschenverachtung gesucht haben. Horst Mahler zum Beispiel, der aktuell immer noch einsitzt wegen Volksverhetzung, den sein Weg zur NPD und islamistischen Gruppen führte. Aber auch Extremisten, die weniger stark im Fokus der Öffentlichkeit stehen, könnten ihre frühe Legitimation von Gewalt gegen Personen aus einem angeblich linken Kampf gegen den Westen bezogen haben. Zum Beispiel Marc-Daniel Jungnitz, Hintermann von Millatu Ibrahim, danach Tauhid Germany. Kontakte zur terroristischen Sauerland-Gruppe werden vermutet. So schließt sich vielleicht der Kreis.

Trotz islamischer Formeln wirken diese Personen so, als habe man nur ein Etikett vertauscht. Dieses lag nahe. Da beide Gruppierungen, Millatu Ibrahim, und Tauhid Germany nun verboten sind, darf man gespannt sein, wohin Jungnitz Weg nun führt. Sicher nicht ins normale Leben, denn dazu haben all diese Protagonisten ein zu festgefahrenes Selbstbild von sich als letzte aufrechte Kämpfer.

Dabei sind sie nur Wiedergänger des extremistischen und gewaltbereiten Klassenkampfes, aus dem sie nun den Kampf der Kulturen gemacht haben.