Zu negativ dargestellt

Achter Verhandlungstag am OLG Frankfurt gegen Aria L. am 05.07.2016

Liste der bisherigen Berichte dazu s.u.

Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.

Die Generalbundesanwaltschaft (GBA) plädiert.

Die Vorhaltungen seien in der Hauptverhandlung nachgewiesen worden. Beim Angeklagten seien weder Schuldeinsicht noch Reue zu beobachten. Im Einzelnen wird dazu ausgeführt, gesetzliche Grundlagen:

§ 8 Abs. 6 Nr. 3 Völkerstrafgesetzbuch
https://dejure.org/gesetze/VStGB/8.html
§ 168 Abs. 1 StGB
https://dejure.org/gesetze/StGB/168.html

Vom 8.-12.3.2014 sei Aria L. nach Syrien gereist. Mindestens ein Kampfeinsatz sei nachgewiesen. Der Angeklagte habe jeweils in entspannter Haltung und unmittelbarer Nähe zu den sterblichen Überresten posiert. Dass er sich – wie von ihm selber dargestellt – unter einem Gruppendruck befunden habe, sei nicht glaubwürdig. Auch wenn das Gesicht auf den Fotos unkenntlich sei, so sei er doch anhand der Kleidung und auch Uhr und Ring identifizierbar. Er habe nicht unbedingt damit gerechnet, zurückzukommen. Waren für über 2000 € habe er bestellt, aber nicht bezahlt. Das Reisegeld in Höhe von 5000 € stamme wahrscheinlich aus Islamistenkreisen. Kurz vor der Ausreise habe Aria L. noch 6 verschiedene Konten bzw. Kreditkarten beantragt; diese seien jedoch erst nach seiner Abreise zugestellt worden. Die Einlassung des Angeklagten, er habe nur helfen wollen, sei nicht glaubwürdig. Es gäbe keinerlei Bilder von tatsächlich erfolgten Hilfsleistungen, hingegen einige in martialischen Posen. Die Aussage, er sei zum Helfen nach Syrien gegangen, sei also als absurd zurückzuweisen. Noch im April 2015 habe er Weiterlesen

Gekämpft wird in Falke-Socken

Siebter Verhandlungstag im Prozeß am OLG Frankfurt gegen Aria L. am 28.06.2016

Liste der bisherigen Berichte dazu s.u.

Der Zeuge Tolga A. wird vernommen. Tolga A., er trägt einen längeren Bart und hat die Kopfhaare zu einer Art Dutt am Oberkopf befestigt, war aus der Türkei angereist. Warum er sich zur Zeit in der Türkei aufhielt, wird leider nicht hinterfragt in der öffentlichen Verhandlung.

Militär-Socken 160629

Beispielbild: http://www.dhgate.com/product/new- retro-long-men-women-military-army-green/237175485.html#s1-3-1;onsh|4170757512

Tolga A. ist – das wird in der Vernehmung deutlich – ein enger Weggefährte von Vedat V. aus Frankfurt. Sprachmelodie und besondere Redewendungen sind so ähnlich, dass man die beiden im nur mündlichen Vortrag fast verwechseln könnte. Sogar die Angewohnheit, manche Worte in der Verdoppelung zu verballhornen, ist zu hören. Beispiel Vedat V.: „Freundin-Meundin, Solarium-Monarium“. Tolga A.: „Rückzieher-Mückzieher, Tausch-Mausch“. Das ist eine bizarre Angewohnheit und sehr weit von üblichen Sprechgewohnheiten abweichend. Eine solche Art der Sprachimitation hat man üblicherweise nur bei engstem Kontakt, die Sprachgewohnheiten werden sozusagen gespiegelt. Auch aktuell steht Tolga A. noch mit ihm im Austausch. V. habe niemanden mehr, nur ihn. Vedat sehe ihn wie einen älteren Bruder. Man rede über alles, aber nicht über Details der Kämpfe. Er habe auch den Kontakt zur Polizei vermittelt. Das, was er in der Vernehmung sagen werde, sei von Vedat V. gebilligt, er solle dies sogar aussagen. Wenn Vedat sage, er solle dies und das sagen, dann tue er das; wenn Vedat sage, er solle schweigen, dann tue er auch dies. [Hier versäumte das Gericht den Hinweis, dass nicht Vedat V. entscheidet, was gefragt wird, und dass er, Tolga A., als Zeuge der Wahrheit verpflichtet ist, nicht Vedat V. SHM]

Tolga A. war mit Vedat V. auch über Facebook befreundet. Dort habe er gesehen, dass Vedat V. die Bilder gepostet habe. Nach seiner Einschätzung habe V. das gemacht, um Weiterlesen

Mucke, Muckis und Moschee

Dritter Tag der Verhandlung gegen Aria L. vor dem OLG Frankfurt am 10.05.2016

Zunächst wurde als Gutachter Dr. Guido Steinberg vom SWP gehört. Die Fragestellung des Gerichts war, wie sich die Lage in der syrischen Stadt Idlib zu Beginn des Jahres 2014 darstellte, welche Gruppen dort aktiv waren und wie das Verhältnis der Gruppen untereinander war. Weiterhin wollte man wissen, ob die Darstellung von Aria L. und Vedat V., wonach V. bei mehreren Gruppen gewesen sei und sich von diesen wieder getrennt hätte, glaubhaft sei.

Manche Detailfrage kann nicht geklärt werden, da die Lage zu dieser Zeit dort durchaus unübersichtlich war und wenig gesicherte Information in der nachgefragten Detailtiefe verfügbar sind. Die Kernfragen können schon eher eingeschätzt werden. So sei es denkbar, dass man sich von der Al Nusra-Front auch wieder trennen könne, während dies bei IS eher unwahrscheinlich sei, meint Steinberg. Ein einzelner Kämpfer oder eine kleine Gruppe, die als Freischärler ein kleines Gebiet hielten, seien zwar unwahrscheinlich, aber ganz ausschließen könne man dies nicht. Ein einzelner Mann, der bewaffnet durch die Gegend zieht, sei zudem stark gefährdet. Aria L. und sein Kampfkumpan in Syrien, Vedat V., hatten sich dahingehend geäußert. Der Angeklagte langweilt sich ostentativ beim eher akademischen Gutachtervortrag. Da Steinberg Islamwissenschaftler ist, will die Staatsanwaltschaft gleich noch wissen, ob die Vorstellungen hinsichtlich Totenruhe und -ehre vergleichbar seien mit christlichen Vorgaben. Steinberg führt aus, diese Vorstellungen seien vergleichbar*, man achte auch sehr darauf, dass der Körper zeitnah ohne eingesetzte sichtbare Verwesung begraben werde. Der Gutachter wird entlassen.

Aria L. beschreibt die Zeit, in der sein „Iman (Glaube) stark war“ als eine Zeit, in der er einen leidlich geregelten Tagesablauf hatte zwischen (ein wenig) Arbeit, Muckibude und Moschee. Sein Iman sei nicht mehr so stark wie damals. Shaytane führten in Versuchung, diese Wesen würden besonders die Personen mit starkem Iman heimsuchen.

Im weiteren Verlauf werden Teile der Telekommunikationsüberwachung vorgelesen bzw. Telefonate wiedergegeben. Aus diesen Gesprächen ergeben sich Hinweise auf vielerlei interessante Querverbindungen. Es entspannt sich ein leicht bizarres Unterwelt-Netzwerk zwischen Mucke, Muckis und Moschee. So wird klar, dass zu Aria L.s Bekanntenkreis auch ein in der allgemeinen Bevölkerung nur sehr mäßig bekannter Frankfurter Rapper gehört, der vor einigen Wochen mit einem brutalen und widerwärtigen „Musik“-Video zu „Charlie Hebdo“ auffiel. Der Herr posiert mit Waffen, die zwar nicht schußfähig sind (in der TKÜ wurde von „Spielzeug“ geredet), aber für seine Szene-Kumpane doch genügend Signalwirkung entfalten. Man feiert ihn ab. In den 7 Wochen seit der Veröffentlichung von „Charlie Hebdo“ wurde dieses Video fast 250.000 mal angesehen. Ein Bild vom Rapper mit seinem Schießgewehr:

Die Bezüge und Bekanntschaften von Herrn Zadran („Sadiq“, zugleich Vor- und Künstlername) in die salafistische Szene hinein sind seit Jahren bekannt. Dass diese Bekanntschaft auch hier bestand, ist zwar nicht verwunderlich, aber dennoch eine interessante Information.

Die gelangweilten jungen Männer bauen also – oft, wie es scheint, seltsam unbeeinträchtigt von richtiger Weiterlesen

Außer Kontrolle

Fortsetzung des Prozesses gegen Aria L.

Teil 1, von gestern:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/05/03/schoene-landschaft-mit-viel-blut/#more-4379

Der Publikumsandrang am zweiten Tag ist geringer: Weniger Zuschauer, keine Kameras, kein Bernhard Falk. Aria L. trägt heute ein graues Kurzarm-Shirt und eine Lederjacke. So könnte er auch weggehen mit „den Jungs“.

Die Mekka-Reise vom Dezember 2013 ist noch mal Thema. Wie er sich das habe leisten können, will das Gericht wissen. Nach zähem Nachfragen, wie er ohne Job etwas habe ansparen können, erzählt er, er habe das Kindergeld zurückgelegt. Auf die Frage, von wem er denn die 5000 Euro für die Syrien-Reise zusammenbekommen habe, antwortet Aria L. nicht Er will keine Namen nennen. Er kennt seine Rechte und lässt dies die Staatsanwaltschaft und das Gericht auch spüren. Er lächelt, als er sagt, dass er darüber keine Auskunft geben muss.

Obwohl er keinen richtigen Job hatte und noch bei der Mutter wohnte, war eine junge Frau etwa 1,5 Jahre bei ihm. So genau wisse er das nicht mehr. Er wirkt nur mühsam beherrscht, wenn er über sie spricht, wertet sie vollständig ab. Sie habe sich „eingenistet“ bei ihm, es habe häufig Streit gegeben, weil sie psychisch krank sei, etwas mit Borderline. Ob er dieses Fachwort tatsächlich im Zusammenhang mit der Freundin hörte, erscheint fraglich. Mit der Freundin habe er gestritten, weil sie ihn gehasst habe. Mit dem Tragen eines Kopftuchs habe das nichts zu tun gehabt. Als die Fotos von der verprügelten Freundin am Richtertisch in Augenschein genommen werden sollen, läuft er breitbeinig hin und steht dann locker wie am Tresen neben den Bildern. Er habe sich geschämt, mit einer „so freizügigen Frau“ gesehen zu werden. Er habe gerne die Kontrolle. Sie sei kurz vor seiner Ausreise wieder zu ihren Eltern gezogen.

 

Bei Vorhalten oder Einlassungen des Gerichts fällt Aria L. immer wieder ins Wort. Er ist nicht zu bremsen und sein Verteidiger wirkt das eine oder andere mal unglücklich. Er weiß, dass es bei Weiterlesen

Schöne Landschaft mit viel Blut

Prozessauftakt Aria L. am OLG Frankfurt

Der Offenbacher Aria L. wurde letzten Oktober in seiner Heimatstadt in Haft genommen:

https://vunv1863.wordpress.com/2015/10/15/offenbacher-syrien-rueckkehrer-festgenommen/

Heute nun begann an der Staatsschutzkammer der Oberlandesgerichts Frankfurt seine Verhandlung. Vor zwanzig Zuschauern und der Presse verkünden Angeklagter und Rechtsbeistand, dass der Angeklagte sich einlassen werde; Aria L. ist teilgeständig: Reise und Fotos werden eingeräumt, Kriegsverbrechen nicht. Den anwesenden Bernhard Falk wird die Auskunftsaussicht nicht gefreut haben; weiß man doch nie, was alles aufs Tapet kommt und wie geschickt sich der nach wie vor gläubige und praktizierende „Bruder“ bei Nachfragen verhalten mag.

Aria L. ist ein kleiner junger Mann, dem die vielen Stunden Kraftsport deutlich anzusehen sind. Sein weißes Shirt mit aufgedrucktem Lorbeerkranz spannt sich an den Armen und der Brust. Der kurze Bart ist peinlich genau in Form gebracht. Es wird offensichtlich Wert gelegt auf einen speziellen Chic. Seine Familie kam in den 90er Jahren aus dem Iran. Warum, weiß er auf Nachfrage des Richters jedoch nicht. Seine Familie scheint ihm fremd. Es stellt sich der Eindruck ein, dass in der Familie wenig geredet wurde. Vielleicht waren die Eltern sehr beschäftigt damit, sich und ihren zwei hier geborenen Söhnen im neuen Land eine Existenz aufzubauen. Sie sind jetzt geschieden, Aria L. lebte lange bei der Mutter, hat aber auch noch Kontakt zum Vater. Dieser sei praktizierender Muslim, meint er, während die Mutter eine „Ungläubige“ sei. Den Weg ihres Sohnes, der heute auf die Anklagebank führte, haben sie wohl versucht, aufzuhalten. Sie versuchten an verschiedenen Punkten, noch eine Wende zu bewirken. Was der junge Mann mit seinem Leben vorhatte, wird auch nach mehreren Nachfragen des Richters nicht klar. Eine häufige Antwort ist „halt das Übliche, dies, das“.

Vedat Var 160503

Die Schulkarriere ist von Brüchen durchsetzt. Erst auf dem Gymnasium, kam er dann auf die Realschule. Es reichte dann doch nur zum qualifizierten Hauptschulabschluß. Er schiebt es auf seine Faulheit. Nach dem Hauptschulabschluß mit 18 habe er sich zwar ein wenig beworben, aber nicht die Hilfe des Jobcenters in Anspruch genommen. Eine Arbeit habe er jedoch nur einmal einen Monat in einem Fitness-Studio ausgeübt. Offiziell hat er wohl bei und von der Mutter mitgelebt. Was er noch machte, um an „Taschengeld“ zu kommen, das er für das von ihm eingeräumte starke Kiffen und Rauchen sowie die Markenklamotten brauchte, bleibt im Dunklen. Eine diesbezügliche Frage des Richters bleibt unbeantwortet. Die Frage, woher er das Geld für eine Mekka-Reise hatte, wird erst gar Weiterlesen