Einige Anmerkungen zur Evaluation von VPN Hessen

Bericht zur Evaluation der Beratungsstelle Hessen liegt vor

Der Präventionsdienstleister „Violence Prevention Network“ (VPN) ist vom Land Hessen seit 2014 beauftragt, Maßnahmen der Prävention und Deradikalisierung im Bereich Islamismus durchzuführen. Vor einiger Zeit wurde nun – unbeachtet von den Medien – die bereits erwartete Untersuchung zur Prävention in diesem Bereich abgeschlossen und nachfolgend auch veröffentlicht. Dass dies bislang nicht von der Presse aufgegriffen worden ist, mag dem Umstand geschuldet sein, dass es wohl keine Pressemitteilung dazu seitens der Beteiligten gab und zu wenig genauer hingesehen wird.

Vorab: In der Prävention islamistischer Radikalisierung greifen Bund, Länder und Kommunen auf unterschiedliche Akteure aus dem zivilgesellschaftlichen Bereich zurück, auf Nichtregierungsorganisationen (engl. Non-governmental organization, NGO). Diese erhalten öffentliche Mittel in erheblichem Ausmaß. Um eine Vorstellung zu erhalten, inwiefern diese öffentlichen Mittel in zweckdienlicher Weise eingesetzt werden, werden Evaluationen durchgeführt oder vom Zuwendungsgeber gefordert. Im Bereich der Präventionsdienstleister ist die Datenlage allgemein immer noch dünn (s.u.). Dies mag auch deshalb der Fall sein, weil erheblich öffentliche Mittel in diesem Bereich bereit gestellt werden, eine Konkurrenz also wenig greift, mancher Zuwendungsgeber schon die Bereitstellung eines Angebots politisch als Erfolg verkauft und so eine überaus vielgestaltige Landschaft an Akteuren und ein bunter Strauß an Konzepten wechselnder Qualität entstanden ist. Wenn schon die Bereitstellung eines Angebots politisch als Erfolg verkauft werden kann, wird es auf den tatsächlichen Erfolg der Angebote weniger ankommen denn auf die selbstbewusste Eigendarstellung sowohl der NGO wie auch der politischen Akteure.

Das kann bis zu dem Punkt getrieben werden, dass gar nicht mehr hinterfragt wird und sogar allerlei Manöver veranstaltet werden, um erfolgreiches Handeln zu simulieren. Zum Beispiel, indem man eine Art Selbstbegutachtung aktiv verdeckt (anderer Präventionsdienstleister)* oder schlicht Erfolgskriterien so weit nach unten setzt, dass die reine Betätigung schon als Erfolg gewertet wird. Das geht so lange gut, bis einmal etwas passiert** oder die Presse stärker hinterfragt. Dieser finanziell gut ausgestattete Freiraum wird von den Präventionsdienstleistern, nicht nur VPN, eifrig benutzt, um ein Selbstbild zu erzeugen, das so manches Mal eher weniger mit der Realität denn Marketing zu tun hat: die Eigenschaft, natürlich auch Wirtschaftssubjekt zu sein, tritt zurück hinter so mancher übertriebener Helfergeschichte.*** Evaluationen dienen dazu, die Debatte zu versachlichen, weil sie jenseits eines – politisch gewünschten – schönen Scheins die tatsächlichen Erfolge oder eben auch Mängel und Misserfolge sichtbar machen sollen. Je nachdem, wie eine solche Evaluation durchgeführt wird, ist mit einem mehr oder weniger realitätsnahen Bild des Untersuchungsgegenstandes zu rechnen.

Im Falle von VPN Hessen wurde die Evaluation von Prof. Dr. Kurt Möller aus Esslingen und Mitarbeitern durchgeführt. Die Evaluation wurde von VPN selber finanziert, wenn man den Angaben des öffentlich zugänglichen Berichts glauben darf. Der Bericht ist hier auf den Seiten von VPN einsehbar:

http://www.violence-prevention-network.de/de/publikationen/evaluationsberichte/996-evaluationsbericht-beratungsstelle-hessen

Evaluationen sind ein wichtiges Instrument, um Projekte zu bewerten bzw. die Möglichkeit zu erhalten, einen Eindruck von der Nützlichkeit einer Maßnahme zu erhalten. Berechtigt war in einer Untersuchung, die vom Nationalen Zentrum Kriminalprävention durchgeführt wurde, bemängelt worden, dass zwar viele Maßnahmen ausprobiert und gefördert würden, diese aber eher weniger in ihrer Zweckmäßigkeit nüchtern bislang betrachtet worden seien, Seite 5:

Eigenen Angaben zufolge lassen sich viele Präventionsprojekte – zum Teil mittels wissenschaftlicher Begleitforschung durch externe Institute – evaluieren. Doch sind vorhandene, d.h. abgeschlossene Evaluationen in aller Regel nicht veröffentlicht und auch auf Nachfrage nicht zugänglich (Bundeskriminalamt 2017, 36). Weitgehend übereinstimmend wird daher ein Mangel an formativen, prozess- sowie wirkungsorientierten evaluativen Erkenntnissen attestiert.

http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/article/view/105/88

Auch wenn Evaluationen ihre Begrenzungen haben (jede andere), ist dies doch ein wichtiges Instrument, um komplexere Vorgänge erfassen zu können. Auch bei multikausalen Befunden, zu deren Auflösung bzw. Besserung ebenfalls mehrere Faktoren beitragen können, können Indizien für eine Wirksamkeit von Eingriffen in den Verlauf so erfasst werden. Bei allen Begrenzungen von Evaluationen sind ernsthaft und mit ausreichend Ressourcen ausgestattete Evaluationen daher unabdingbar, um ermitteln zu helfen, ob die öffentlichen Gelder gut angelegt sind. Immerhin kann die reine Betätigung, alleine die Bereitstellung eines Angebots meiner Ansicht nach nicht als Erfolg bewertet werden, auch wenn dies mancher Akteur gerne so definiert sehen möchte (was manchen Dienstleister, der es natürlich gut findet, öffentliche Gelder zu erhalten, und manchen politischen Entscheider, der es gut findet, auf etwas verweisen zu können und dem dieser Verweis schon ausreicht, eint). Dazu sind Herausforderung, gesellschaftlicher Auftrag und Entwicklungen zu ernst.

Immerhin sind mindestens Teile des VPN-Berichts öffentlich zugänglich und werden von VPN auf seiner Seite veröffentlicht. Das muss man  – bei aller Kritik – anerkennen. Man beachte deshalb auch das Vorwort von VPN zur Untersuchung.

In dem Bericht sind nun einige Punkte, die bemerkenswert sind. So waren die Mittel für die Evaluation Weiterlesen

Prävention mit Bordmitteln

Baden-Württemberg erweitert Stelle „Konex“ am Innenministerium

Wie in einigen anderen Bundesländern auch sieht man sich in Baden-Württemberg einer steigenden Zahl Personen gegenüber, die islamistisches Gedankengut vertreten. Im letzten Verfassungsschutzbericht sahen die konservativen Schätzungen z.B. so aus:

Quelle: LfV BaWü, aktueller Bericht S. 34

Das Land geht aktuell mit dieser Meldung an die Presse, wie hier zu lesen ist:

Konex wird dann Lehrer, Schulsozialarbeiter, Bewährungshelfer oder Mitarbeiter von Jugendämter darin schulen, früh zu erkennen, welcher junge Mensch sich zu radikalisieren droht. Konex will die unterschiedlichen Präventionsprojekte im Land vernetzen.

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.kompetenzzentrum-gegen-extremismus-land-buendelt-kraefte-gegen-extremismus.484847cd-315f-42bd-8154-f557585aa455.html

Das nun alleine wäre so neu nicht. Auch Hessen hat mit dem „Hessischen Kompetenzzetrum gegen Extremismus“ (HKE) eine Einrichtung dieser Art. Auch dort wird über die verschiedenen Extremismusformen die zivilgesellschaftlichen Betätigungen gebündelt (das rheinland-pfälzische Modell ist übrigens ebenfalls an einem Ministerium angesiedelt, jedoch nicht am Innenministerium). Das HKE und auch die Stelle in Baden-Württemberg waren jedoch eher weniger in der eigenen (Multiplikatoren-)schulung oder gar Beratung von Angehörigen oder Betroffenen aktiv. Lehrer etc. konnten sich aber z.B. beim HKE melden und dort bekamen sie dann einen Ansprechpartner genannt. Hessen hat – wie auch Baden-Württemberg – für die konkrete Beratung Betroffener und Schulungen im Bereich Islamismus das „Violence Prevention Network“ (VPN) engagiert. In beiden Ländern baute VPN dann Beratungsstellen auf (siehe dazu auch diesen blog).

Noch in einer Antwort auf eine kleine Anfrage heißt es im Januar dieses Jahres:

Diese Beratungsstelle wird von dem externen Träger „Violence Prevention Network“ (VPN) betrieben, der im November 2017 bei einem europaweiten Vergabeverfahren den Zuschlag erhalten hat. Zur Finanzierung der externen Unterstützung sind jährlich Haushaltsmittel in Höhe von bis zu 450.000 € eingeplant. […] Die Mitarbeiter des VPN werden einer Zuverlässigkeitsüberprüfung unterzogen, um Aktivitäten gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung auszuschließen.

https://www.landtag-bw.de/…/Drucksachen/3000/16_3416_D.pdf

Im Zeitungsartikel oben heißt es aber weiter:

Und Konex will diejenigen beraten, die sich in extremistischen Netzen verfangen haben, sich davon aber lösen wollen.

Das umfasst also wohl auch die direkte Betreuung Radikalisierter. Weiterlesen

Die Kette der Solidaritäten

Über Präventionsanbieter, die durch falsche Solidarisierung das Geschäft der Muslimbrüder und Salafisten besorgen

Zu den vielfachen Strukturbildungen der Präventionsanbieter war bereits einige Male geschrieben worden:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/02/19/wer-schuetzt-vor-dieser-praevention/

Auch der Berliner Jugend-Seelsorger Matar, der bei der Gedenkfeier auf dem Breitscheidplatz auftrat, war hier bereits behandelt worden und auch, welche zivilgesellschaftlichen Akteure für ihn Position beziehen:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/12/24/nbs-zurueck-in-die-zukunft-iii/

Es gab eine kleine konzertierte Medien-Aktion islamistisch konnotierter Strukturen und Medien:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/12/28/gegenrealitaet-und-ihre-medien/

Es gibt den Versuch, Öffentlichkeit und auch Gegenöffentlichkeit für die Gegenrealtät zu organisieren, dass z.B. Muslimbrüder keine seien und Muslimbrüder auch keine Extremisten. Matar und die NBS sollen zu normalen Muslimen umgedeutet werden, etwas, wozu man berechtigt eine andere Sicht haben kann. Normale Muslime haben eben nicht derlei Kontakte zur IGD. Ziel ist, dass die öffentliche Meinung den legalistischen Islam und damit den politischen Islam gar nicht mehr wahrnehmen soll. Es sind alles nur Muslime und wer da ungewollt differenziert, wird der „Islamophobie“ geziehen. Mit diesem Begriff soll auch statthafte und konkret begründete Struktur- und Organisationskritik in den Ruch der Muslimfeindlichkeit gestellt werden. Das ist ein ganz unerhörtes Unterfangen, denn normale Muslime haben mit diesen Strukturen und Organisationen nichts zu tun und wollen oft auch mit diesen nichts zu tun haben. Deswegen auch die zu verzeichnenden Versuche, eben nicht auf die Belege einzugehen: Es wird trotz konkreter Kritik wahrheitswidrig „Pauschalisierung“ vorgeworfen, damit man hinter ganz unbeteiligten Muslimen Schutz nehmen kann.

Man möchte also den Extremismusbegriff nicht nur bei Matar und der NBS, sondern allgemein verschwinden lassen. Daran haben alle ein Interesse, die entweder einen politischen Islam vertreten oder ihn aus anderen Gründen, z.B. wegen temporärer pekuniärer oder politi8scher Interessen, voran bringen wollen. Solche Interessen sind breiter gestreut und auch im nichtmuslimischen Bereich vorhanden.

In den letzten Tagen haben sich verschiedene Akteure, die aus der öffentlichen Hand für Anti-Extremismusarbeit bezahlt werden, mal mehr, mal weniger offen solidarisiert.

Hier mit Matar selber (Vereinsseite „Islam auf deutsch“; in dem Verein sind u.a. Personen organisiert, die in Hessen bei und mit dem Violence Prevention Network (VPN) von Hessen bezahlt Extremismusarbeit machen sollen, s. Beiträge auf diesem blog):

Quelle: fb-Seite des Vereins, Abruf 05.01.2018

[In den letzten Tagen wurden alle weiteren Medien-Erfolge des Matar-Narrativs weiter verbreitet, s. diese fb-Seite*]

Der Verein ufuq weist gar explizit auf die Sicht der Einrichtung NBS hin. Eine solche, nur zur Kenntnisnahme empfohlene Verbreitung macht deutlich, dass bei ufuq wohl deren Sicht schwerer wiegt als die des Verfassungsschutzes. Dass die NBS unter Beobachtung steht, sucht man dort seitens ufuq vergeblich. Der Träger verkennt, in wessen Auftrag er eigentlich aktiv sein soll. Ein solcher öffentlicher und öffentlich bezahlter Auftrag schränkt die Zone derer ein, mit denen  man sich berechtigt noch gemein machen sollte:

Quelle: ufuq fb-Seite, Abruf 05.01.2018

https://www.facebook.com/ufuq.de/

Aktuell nun auch der Herr Mücke selber, also der Geschäftsführer von VPN auf seiner persönlichen Weiterlesen

Wie alles eins wird

Einzelfälle und das große Ganze – über „nützliche“ Extrapolationen

Im Bereich des Islamismus besteht erheblicher Forschungsbedarf, einige wichtige Phänomene sind im Detail noch nicht strukturiert erfasst. Zu anderen wichtigen Phänomenen lässt sich jedoch aus dem Vergleich mit anderen Ländern lernen oder grundsätzliche Strategien und Haltungen aus Schriften und Reden wichtiger Akteure ableiten und herauslesen. Hinsichtlich der Radikalisierung von jungen Menschen erfreuen sich allerdings einige Forschungsfelder größerer Beliebtheit und Akzeptanz als andere. Oftmals lässt sich ja auch bei soziologischen Untersuchungen schon ahnen, welche Ergebnisse bei bestimmten Fragestellungen zu erwarten sind und wie auch Methodisches wie Fragestellung und Probandenauswahl das Ergebnis beeinflussen mag. Auch Forschung im Themenbereich Integration findet nicht im luftleeren Raum statt, sie unterliegt manches Mal der Erteilung von Aufträgen, der Zusicherung der Finanzierung und politischen Vorgaben.

Interessant war vor einigen Monaten die Auswertung der Protokolle einer Whatsapp Gruppe durch die Autoren Michael Kiefer et al.:
„Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“
Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe
Die Chat-Protokolle: Erste empirische UntersuchungRekonstruktion des Radikalisierungsprozesse anhand von Daten“

Auch wenn sich die Zahl der erfassten posts mit 5700 gewaltig anhört, basieren die ganzen Überlegungen, die auf diese Auswertung den Medien gegenüber erfolgten, auf den Sichten von 12 jungen Männern. So wertvoll diese Auswertung auch ist, darf man nie vergessen, dass eine solche Auswertung die Analyse einer bestimmten Gruppe in einem relativ kurzen Zeitraum ist und  Verallgemeinerungen deshalb mindestens schwierig sind. Natürlich lassen sich bestimmte Muster und Narrative erkennen, die gängig sind. Aber bei manchen Eigenschaften der Handelnden und hinsichtlich der sich entwickelnden Gruppendynamik kann man eben nicht auf alle oder auch nur sehr viele der jungen (Neo-)Salafisten Deutschlands schließen. Zumindest sollte man da insbesondere gegenüber den Medien vorsichtig formulieren. Manchem Wunsch nach Zuspitzung darf man da insbesondere als mediengewohnte Person einfach nicht nachgeben bzw. muss immer dazu erwähnen, dass das sozusagen wenige Bilder aus einem ganzen Film sind.

In einem aktuellen Bericht im Deutschlandfunk werden verschiedene Stimmen zur Radikalisierung junger Menschen unter dem Titel „Wenn aus Nazis Islamisten werden“ eingeholt. Neben Thomas Mücke werden noch Michaela Glaser und Bernd Wagner mit ihren Sichten herangezogen.

http://www.deutschlandfunk.de/radikalisierung-in-deutschland-wenn-aus-nazis-islamisten.724.de.html?dram%3Aarticle_id=406185

Solche Fälle gibt es, aber sie sind selten. Man erinnere sich an die gute Regel aus der Medizin: Häufiges ist häufig, Seltenes ist selten.

So wird Thomas Mücke zitiert mit seiner Sicht auf die Jugendlichen:

Nach Identitätssuche, nach Geborgenheit, nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit, nach Halt. Und auf der Basis dieser emotionalen Bedürfnisse versuchen sie dann, diese jungen Menschen, an der Szene zu halten, und erst dann beginnt der Ideologisierungsprozess.

Einmal davon abgesehen, dass es extremistische Personen fast aller Altersgruppen gibt (die nur mit unterschiedlich stark bei seinen Klienten vertreten sind und mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit gewalttätig werden) und seine Kontakt-Gruppe i.W. nur die Freiwilligen sind nebst einigen, denen die Behörden eine „Freiwilligkeit“ ernsthaft nahelegten, sind als wichtige Gründe auch Narzissmus und Sinngabe zu sehen. Die extreme Selbstaufwertung ist es, die Menschen aller Altersklassen und Bildungsstände anfällig macht, denn das Gefühl, einer gottgewollten Elite anzugehören, ist nicht zu übertreffen. Mückes Fokussierung auf die Geborgenheit macht aus Menschen, die Selbstaufwertung durch Abwertung anderer betreiben, zu reinen Opfern. Das mag anfangs mit ein Grund sein und vorkommen, aber spätestens wenn sie sich für diese Form des schnellen narzisstischen Gewinns entscheiden, sind sie keine ausschließlichen Opfer mehr. Die zunehmende soziale Isolation, die er zutreffend beschreibt, geht ja mit einer extremen Abwertung der nicht zur erwählten Gruppe gehörenden Menschen einher*. Das ist also mindestens ein unvollständiges Bild und bei Rechten würde er es wohl auch kaum so eindimensional darstellen. Zudem werden alle, die bereits ideologisiert aufwuchsen, ausgeklammert.

Zum Vergleich:
Zur Zeit sind etwa 10.800 Salafisten behördlicherseits erfasst:

http://www.faz.net/aktuell/politik/zahl-der-salafisten-auf-allzeit-hoch-15333965.html

Über die Beratungsstelle
Seit Schaltung der Hotline Anfang 2012 haben die Mitarbeitenden der Beratungsstelle Radikalisierung mehr als 3.400 Telefonate geführt.

http://www.bamf.de/DE/DasBAMF/Beratung/beratung-node.html

Mehrfacherfassungen einer Person sind nicht aufgeführt, auch nicht, wenn zu einem Fall bereits BAMF-seitig mehr als ein Gespräch geführt wurde. Das ist also – sofern ich das richtig verstehe – die „Brutto-Gesprächs“-Anzahl.

Zwei Drittel „einsame Wölfe“? Sicher nicht. Auch diese Personen haben ein Umfeld, haben Familie, Kollegen, Freunde. Nur niemanden, der sich an eine staatliche Stelle wenden mag, die Wandlung überhaupt als problematisch ansieht oder dem es überhaupt auffällt, weil eben jenes soziale Umfeld genauso strukturiert ist.

Forscherin Michaela Glaser warnt davor, dass Diskriminierung junge Migranten in die Fänge extremistischer Szenen treiben könne.

Das mag vorkommen. Zentral erscheint das aber nicht. Sondern die Verlockung der Selbstüberhöhung durch eine zutiefst bösartige Ideologie. Welche Art von Diskriminierung mögen denn die tausenden foreign fighters des IS aus den muslimischen Gesellschaften erlitten haben?

Quelle: Infografik von der Soufan Group, nach RFE, Abruf 17.12.2017

https://www.rferl.org/a/where-do-is-foreign-fighters-come-from/28853696.html

Dazu auch:

http://thesoufancenter.org/wp-content/uploads/2017/11/Beyond-the-Caliphate-Foreign-Fighters-and-the-Threat-of-Returnees-TSC-Report-October-2017-v3.pdf

Das, was Frau Glaser wiedergibt, ist vielleicht das, was Forscher bei ihren Befragungen freiwilliger Probanden als Entschuldigungs-Narrativ zu hören bekommen, in dem auch gleichzeitig der beliebte Verteidigungs-Gedanke mitschwingt. Zumindest ist dieser nicht fern. Erfährt man nämlich keine Diskriminierung als Person, so ist spätestens die angebliche weltweite Unterdrückung aller Muslime eine wohlfeile Erklärung für geneigte und gutwillige Personen. Das erklärt aber z.B. nicht, dass bei weniger als der Hälfte der Einwohner z.B. Saudi-Arabien ca. dreimal so viele „Gotteskrieger“ stellte. Was wohl deren Motiv gewesen sein mag? Wie passt dies in die Herleitungen dieser Art?

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Leicht gemacht

Eine Meinung zu dem Fernseh-Beitrag „Warum macht Allah es uns so schwer“

Man stelle sich einmal eine Sport-Berichterstattung vor: Der Reporter beschreibt, dass eine „niedrige zweistellige Zahl an Personen“ auf dem Feld sei. Sie teilten sich auf in zwei Gruppen, die lustige bunte Hosen tragen. Sind das die Löwen Frankfurt, die da spielen? Gegen die Rhein-Neckar-Löwen? Boateng (?) gibt ab an – wer ist das? Steffi Graf? – und schießt. „Ja, ja, alle neune!“. Hinterher, nach der Pressekonferenz, wird verkündet, es sei ein spannendes Spiel gewesen mit vielen schönen Gelegenheiten „einzulochen“. Roger Federer und Sebastian Vettel hätten angegeben, eine sehr gute Saison gehabt zu haben.

So etwas wäre undenkbar. Man würde von dem Reporter berechtigt annehmen, dass er nicht weiß, welche Mannschaften auf dem Platz sind, was überhaupt ablief und vor allem: Welche Sportart war das noch mal?

Bei der Bearbeitung des komplexen Themenfeldes Islam ist es hingegen manchmal ein bisschen anders. Da geht mancher heran, ohne sich über die Protagonisten eingehender zu informieren, ja anscheinend ohne grundlegende Recherche-Lust, zu erkunden, mit wem er überhaupt zu tun hat. Die Eigenauskunft genügt und wird nicht hinterfragt. Wenn man so herangeht, also die Personen vornehmlich in ihrer Eigenwahrnehmung und Selbstdarstellung zentriert, dann kann man lange „begleiten“ und bleibt doch nur an der Oberfläche. Eine solche journalistische Arbeit war neulich schon einmal zu der Neuköllner Begegnungsstätte vorgelegt worden:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/09/25/ein-werbefilm-fuer-taha-sabri/

Es ist natürlich journalistisch statthaft, so zu verfahren. Das wäre auch akzeptabel, ginge es nur um den Alltag der Weinkönigin von Michelstadt.* Da wäre das ein Bild aus der Gesellschaft, mehr Unterhaltung als Aufklärung, nahezu belanglos jenseits des Unterhaltungswerts. Da es beim Thema Islam jedoch komplexer ist und bei den jeweiligen Akteuren auch die Frage nach der Verortung relevant ist, da es um Einschätzungen des Verfassungsschutzes geht, um gesellschaftliche Einbindungen und oft genug auch kurz- oder mittelfristig um öffentliche Gelder, kann dieser Ansatz bei diesem Thema nicht genügen. Da kann es nicht ausreichen, naiv an eine Darstellung zu gehen, weil man sonst Gefahr läuft, sich instrumentalisieren zu lassen. Oder alternativ eine eigene Agenda nur zu bebildern (was man aber nicht unterstellen solle).

Der Bericht:

http://www.ardmediathek.de/tv/Gott-und-die-Welt/Warum-macht-Allah-es-uns-so-schwer/Das-Erste/Video?bcastId=2833732&documentId=47694310

fängt dramatisch an, es wird auf das Berliner Attentat verwiesen. Solche Vorfälle polarisierten, schüfen Angst und den Vorwurf, Muslime selber täten nicht genügend gegen Radikalisierung. Muslime, die sich aktiv gegen Radikalisierung einsetzen, wollte man finden. Der Autor Niko Apel hat sich offensichtlich aber nicht eingehender über seine Protagonisten informiert. Die Reportage lebt nur vom Augenblick, in dem die Kamera dabei ist und und gefilmt wird. Apel wollte Muslime finden, die sich für ein gutes Miteinander einsetzen. Ja, die gibt es. Die beiden zentrierten Personen sind das jedoch eher nicht, sofern man nicht nur die Absage an physische, selbst ausgeübte Gewalt darunter versteht. Die Ansprüche werden niedrig gehalten: „Ron versucht ein Islamverständnis zu vermitteln, das den Jugendlichen helfen soll, in Deutschland konfliktfrei zu leben.“ In seinem Gespräch mit den Schülern am Anfang leuchtet bei der Diskussion zu nichtehelichem Sex auf, wie er die unterschiedliche Sicht der Geschlechter auflöst: Beides [gemeint ist die nichteheliche sexuelle Betätigung von Frauen und Männern] sei „gleich schlimm“. Auf die Idee, dass Religion sich nicht in die persönliche und schon gar nicht die fremde Sexualität einzumischen habe, kommt man nicht, ist zu tief verhaftet in der reaktionären Sicht. Ist wirklich etwas gewonnen, wenn in einer fiktiven Zukunft nicht nur Brüder Schwestern überwachen, sondern auch Schwestern ihre Brüder? Woher diese rückwärtsgewandte Sicht kommt, kann man ergründen.** Der Herr Weber machte, bevor er zusammen mit anderen von VPN rekrutiert wurde, u.a. den Verein „Lichtjugend“:

https://vunv1863.wordpress.com/2017/09/21/religion-als-geeigneter-zugang/

Nicht nur in Berlin sollte man wahrnehmen, wofür die steht. Nicht nur, weil er seit einiger Zeit für VPN arbeitet, sondern auch, weil er – das ist dem Beitrag zu entnehmen – (wieder) eine „Akademie“ gründen will. Ein paar sympathische Bilder genügen nicht, um die Haltungen da zu erfassen und auch auf dem Hühnerhof wird man da wenig schlauer.

Und der zweite Protagonist, der Herr Mustapha Lamjahdi, vom Herrn Apel zum Präventionsarbeiter geadelt, der in Frankfurt agiert? Bei der Atassamoh Moschee, bei T.U.N unter anderem und in einem Jugendrat? Der vorgeführt wird als Person, die für ein gutes Zusammenleben eintritt? Ja, der Herr Apel hat das Gesicht zur Mehrheitsgesellschaft hin dokumentiert. Mehr aber auch nicht.

Denn da gibt es die anderen Seiten. Solche z.B.:

 

Das ist der Herr Lamjahdi mit dem Herrn Qaradaghi (s. Beiträge auf diesem blog). Das findet man SOFORT, wenn man das Profil vom Herrn Lamjahdi anschaut und auf die Fotos geht. Das ist also völlig offen. Nur wenn man Weiterlesen

Religion als geeigneter Zugang?

Einige Betrachtungen zur Berliner VPN-Beratungsstelle Bahira

Die Berliner Beratungsstelle „Bahira“ ist an der Sehitlik-Moschee angesiedelt, die der DITIB angehört. Es handelt sich nach eigenen Angaben um  ein Kooperationsprojekt des „Violence Prevention Networks“ (VPN) und der DITIB – Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V., also VPN und DITIB:

http://www.violence-prevention-network.de/de/aktuelle-projekte/bahira-beratungsstelle

Zu Beginn war noch der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zumindest nominell am Projekt beteiligt, Webarchiv von Ende Dezember 2015:

https://web.archive.org/web/20151231230627/http://www.violence-prevention-network.de/de/aktuelle-projekte/bahira-beratungsstelle

Auch im September 2016 war man noch mit von der Partie. Erst beim nächsten Screenshot des webarchivs im März dieses Jahres fehlt dann der ZMD plötzlich.

VPN beschreibt sich selbst so:

Violence Prevention Network ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit Jahren mit Erfolg in der Extremismusprävention sowie der Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig sind. Das Team von Violence Prevention Network arbeitet seit 2001 erfolgreich im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten schweren und schwersten Gewalttaten von Jugendlichen.“

http://www.violence-prevention-network.de/de/ueber-uns/portfolio

[„Seit 2001“ bezieht auf die Arbeit mit rechtsextremen Gewalttätern. Im Bereich Islamismus sind es relevant weniger Jahre der Betätigung. Während man beim Bereich Rechtsextremismus eine gewisse Wirksamkeit der Antigewalttrainings nach Evaluationslage nicht auschließen kann, ist die Wirksamkeit der VPN-Konzepte im Bereich Islamismus schlicht nicht ausreichend belegt.]

Aus dem selbstdefinierten Auftrag von Bahira:

Innerhalb der Şehitlik Moschee und darüber hinaus trägt BAHIRA zur Sensibilisierung und Qualifizierung von Moscheegemeinden zum Thema Radikalisierungsprävention bei. Zugleich beabsichtigt BAHIRA, die Moscheegemeinden als Orte und als „Anbieter“ von Radikalisierungsprävention zu etablieren.

http://www.violence-prevention-network.de/de/aktuelle-projekte/bahira-beratungsstelle

Projektleiter ist Thomas Mücke, einer der Geschäftsführer von VPN. In der Beratung wirken aktuell Pınar Çetin und Levent Yükçü. Vorher war länger Gülhanim Karaduman-Cerkes in der Beratung, die jetzt beim VPN-Projekt Almanara geführt wird.

Beispiel Deradikalisierungsarbeit, aus der aktuell herunterladbaren Broschüre von Bahira, S. 15:

In einem Einzelgespräch in angenehmer Atmosphäre wird der Erstkontakt mit dem/der radikalisierten Jugendlichen aufgenommen. Es geht in den ersten Stunden darum, eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung aufzubauen, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Deradikalisierungsarbeit ist. Über gemeinsame Interessen oder ähnliche Erfahrungen wird zunächst Nähe aufgebaut. Hat man dies erreicht, wird durch gezielte Fragen versucht, den/ die Jugendliche/n zum Reflektieren des eigenen Islambilds und der eigenen Weltanschauung zu bewegen. Durch Verweise auf die Handlungen des Propheten Muhammed wird deutlich gemacht, dass die Anschauung des/der Jugendlichen im starken Konflikt zur Lebensweise des Propheten steht. Das eigene, angenommene Islambild basiert auf unzureichendem Wissen und ist mit dem tatsächlichen Islambild nicht konform. Selbstkritik und die Bewusstwerdung der eigenen Unkenntnis bringen den/die Jugendliche/n in einem langen Prozess von radikalen Ansichten ab.

http://www.violence-prevention-network.de/de/aktuelle-projekte/bahira-beratungsstelle

Das Angebot ist natürlich freiwillig. Das heißt, die Person muss sich selber schon als hilfebedürftig begreifen, woran es bei tatsächlich radikalen Personen allermeist mangelt. Zur direkten Ansprache Weiterlesen

Jesus galt auch mal als Extremist

Über eine Podiumsdiskussion zum Thema „Extremismus-Prävention – mit oder ohne Religion?“

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des „Hessischen Forums für Religion und Gesellschaft“ fand gestern abend in der Frankfurter Innenstadt eine Gesprächsrunde statt. Unter Moderation von Dr. Joachim Valentin, dem Leiter des Hauses am Dom Frankfurt, diskutierten drei Teilnehmer zum Thema.

 

Den etwa 100 Zuschauern wollte man eine Vorstellung der verschiedenen Herangehensweisen vermitteln. Nach einer kurzen Einführung des Moderators, in der explizit auf die „Vorkommnisse vom Februar“ verwiesen wurde und der berichtende HR-Journalist quasi als Auslöser der „Suspendierung zweier Mitarbeiter“, die mittlerweile „rehabilitiert seien“, gesehen wurde, sollten die drei Teilnehmer jeweils ihren Ansatz verdeutlichen. Dr. Valentin stellte die beiden Herren als Praktiker vor, die aus ihrer Arbeit in der Extremismus-Prävention berichten sollten, wonach Frau Gnadl die Sicht der Politik darstellen sollte. In der Lesung* Hakan Celiks erfuhren die Zuhörer, dass bei VPN ein „demütigungsfreier“, nichtkonfrontativer Ansatz erfolge. So leite man die angestrebte „Beziehungsarbeit“ mit den Vorstellungen ein, die Radikalisierten hätten vielleicht niemals Wertschätzung erfahren. Er arbeite aktuell vor allem mit Gefängnis-Insassen. In der Beratungsstelle beachte man auch die „Raumpädagogik“. Räume hätten ja eine große Wirkung auf Menschen. Man habe so z.B. einen „Raum der Stille“ mit „orientalischen Teppichen“, damit die Klienten in Ruhe beten könnten oder „mal Weiterlesen