Mahnwache vom 13.02.2016

Von 15-17 Uhr vor dem „My Zeil“. Ein besonderer Dank an die Frankfurter Polizei. Die Kollegen harrten in kaltem Nieselregen aus.

Einige junge, „westlich“ gekleidete Frauen kamen näher und meinten, das Plakat (Aufschrift „Mahnwache gegen die islamistische Strassenradikalisierung usw.“) sei rassistisch, ich solle das lassen. Auf meine erstaunte Gegenfrage, wo sie denn Rassismus im Text sähen, meinten sie, die Botschaft wende sich gegen alle Muslime. Ich führte aus, dass es allgemein um Islamismus ginge, also um eine Ideologie, und speziell um die Männer, die am gleichen Ort üblicherweise Korane verteilten und die eine fundamentalistische Lesart verträten. Privater Glaube, private Ausübung nur für die Person selber seien uns völlig egal. Eine der Wortführerinnen, vielleicht 20-25, die sehr bestimmend war, meinte, das Wort Islamismus gebe es gar nicht, Ich verwies auf Verfassungsschutz und Wissenschaft, was sie unbeeindruckt lies: Sie nannte „Islamismus“ einen „westlichen Propagandabegriff“.  Es war erkennbar, dass sie sich mit der Sache, mit einer innermuslimischen Abgrenzung des radikalen und politischen Islams, noch nie beschäftigt hatte, aber „wusste“, dass dies „Propaganda“ sei. . Sie lehnte das rundweg ab. Sie sei Muslima und daher wisse sie, dass es keinen Islamismus gebe. Auch die allgemeine soziale Sorge zählte nicht. Sie sprach mir ab, mich darum überhaupt bekümmern zu dürfen, Das seien alles Privatentscheidungen dieser Muslime, die mich als Nichtmuslimin gar nichts angingen. Vielleicht frage ich das nächste Mal, wenn mir jemand sagt, ich solle mich nicht um „muslimische Angelegenheiten“ kümmern: „Ok, dann kümmern sie sich doch auch nicht um mein Plakat, das geht sie dann auch nichts an.“ Da dieses Argumentationsmuster doch häufig ist, müsste man einmal nachforschen, ob das jenseits von Mazyek und einigen weiteren auch in den Moscheen verkündet wird.

Ein kleiner, aber lautstarker Tross junger autochthoner Männer (mit Megaphon unterwegs zu einer anderen Demo, wie ich erst später erfuhr) zog vorbei. Man blieb stehen und der junge Mann am Megaphon sagte irgendetwas Abfälliges. Ich lief hinüber und versuchte, den Ansatz zu erläutern. Zunächst wurde ich immer wieder von einem der jungen Männer unterbrochen. Er meinte, auch ohne Erläuterung schon alles perfekt (falsch) verstanden zu haben. Nach Verweis (ich musste ein wenig lauter und deutlich derber werden als sonst üblich, halt abgestimmt auf das Gegenüber) darauf, dass ich schon Nazis vorm Haus hatte, Todesdrohungen von Salafisten bekommen habe und ich mir deshalb „von irgendwelchen Nichtsblickern keinen Bullshit“ erzählen lassen müsse, hatte ich dann das Wort. Sie verstanden dann nach wenigen Sätzen besser und sahen keinen Anlass mehr, die Veranstaltung zu stören. Dies wirkte insbesondere, nachdem ich sie fragte, ob sie was besseres einer Mutter zu entgegnen wüssten, die ihren Sohn durch die Anwerbungen verloren hat, als dass man sein Bestes gäbe, diese Strassenaktionen zumindest zu verhindern.

Ein nach eigenem Bekunden muslimischer Junge, vielleicht 15, etwas länger als ich und dicklich, kam zum wiederholten Male vorbei. Er ist nach eigener Angabe marokkanischstämmig, was ihm, ginge man einmal vom ethnischen Typus her zu erwartenden durchschnittlichen Äußeren aus, mit dunkelblonden Haaren, ganz heller Haut und blaugrauen Augen definitiv nicht anzusehen ist. Dieser Junge fällt durch besondere Aggressivität sowohl bei mir als auch einer Mitstreiterin wiederholt auf. Eine intensive Ablehnung und Abwertung ist nicht nur in den stakkatoartigen Unterbrechungen beim Inhaltlichen – kein ganzer Satz wird zugelassen – deutlich, sondern auch in den ständig offensiv eingeworfenen Kommentierungen zu eigentlich belanglosen Dingen: „Ich kann auch lächeln“ (was er dann höhnisch tut), „Ich erhebe die Stimme nicht, sondern schreie sie an“ (als Entgegnung darauf, dass ich ihn erkenne und mit erhobener Stimme und vor allem mit ihm so keine Debatte möglich sei), „Kommen sie nicht näher“ (nachdem er einen Schritt auf mich zu machte, machte ich das auch) als Beispiele. Wirklich alles wird „verwendet“. Eine Mitstreiterin machte die gleiche Erfahrung. Dazu eine Körpersprache, die schwer zu beschreiben und auch, wenn man so etwas nicht gewohnt ist, schwer zu ertragen ist: Aggressives Fixieren mit starrem Blick und man möchte sagen einem Leuchten des Fanatismus in den Augen. Der junge Mann tritt als Herrenmensch auf und verkündet dies auch in den dürren inhaltlichen Sätzen, die von ihm kommen. Alles an ihm ist Herausforderung und Provokation und er gefällt sich sehr darin, dass ich noch keine deutlichen Gegenmaßnahmen gegen ihn ergriff (wie z.B. mal die Personalien feststellen ließ, da er auch beleidigend wird). Sicherlich jemand, der ohne Polizeischutz umgehend gewalttätig werden würde, wenn er eine Chance sähe, das unbeschadet zu tun. Es kann durchaus sein, dass er in seiner peer group seinerseits wegen seines Aussehens gehänselt wird „siehst ja aus wie ne Kartoffel“, wie Jugendliche halt so reden, und deshalb bei jeder Gelegenheit den Supermuslim geben muss. Er hat verkündet, wiederkommen zu wollen. Vielleicht spreche ich ihn einmal darauf an.

Zwischendurch hingeworfene Beleidigungen: u.a. „Nutten“ (?) von einem Mann, der rasch vorbeilief, und eine jüngere dunkelhäutige Frau schrie herüber „Nazis sind auch Christen gewesen“ (???). Manche Assoziationen bleiben das Geheimnis der Beleidiger. Einige Passanten, die verkündeten „alles ist zu spät“, „es ist sinnlos, sich gegen den Islam zu wehren, wir werden immer mehr“, „sie sind nicht allein“, „weiter so“. Man sieht, von den Passanten kommt sehr Unterschiedliches und auch die Lesefähigkeit ist verschieden stark ausgeprägt.

Eine Dreiergruppe junger Frauen, alle „westlich“ gekleidet, baute sich mit einem erkennbar rasch gebastelten Plakat uns gegenüber auf: „Gegen Hass“ stand in zittriger blauer Schrift darauf. [Da sind wir ja völlig einer Meinung – gegen jedweden Hass, aber so haben sie das wohl nicht gemeint.]. Natürlich muss man „Gegendemos“ nicht auf der eigenen Veranstaltung dulden, Klären ziehe ich aber dem Verweisen vor und deswegen sprach ich die jungen Frauen an, welches Missverständnis sie gerade umtriebe. Auch hier wurde wieder der Begriff Islamismus nicht verstanden. Manchmal muss man sich schon fragen, ob überhaupt noch Zeitung gelesen wird oder etwas jenseits der Argumentationsmuster der eigenen Community wahrgenommen wird. Ich erläuterte ihnen, dass wir nicht dastünden, wenn entweder die Radikalisierung auf der Strasse nicht stattfände oder die muslimischen Gemeinden und Kulturvereine in Frankfurt es schafften, da SELBER etwas auf die Beine zu stellen. Da das seit 4,5 Jahren aber wohl nicht geschafft/gewollt werde, da nichts öffentlich unternommen werde, müsse man eben gegenhalten. Dass wir also dastünden um auf diese Radikalisierung aufmerksam zu machen, damit nicht noch mehr muslimische Familien ihre Angehörigen an diese Strömung verlieren. Wenn sie meinten, dass DAS Hass sei, dürften sie da stehen bleiben, meinte ich und lies sie stehen. Sie wechselten dann späterhin den Platz. Da hätte es vielleicht noch etwas mehr Überzeugungsarbeit benötigt.

Ein Mann, wie sich kurz darauf herausstellte Genosse seit 4 Jahrzehnten, äußerte große Besorgnis über die Entwicklungen in Deutschland. Er habe innerparteilich versucht, auf Probleme hinzuweisen, sei damit aber über die Jahre gescheitert; man wolle „diese Dinge“ (er meinte Probleme mit islamistischen Umtrieben) einfach nicht hören und mit der Linie der Bundespartei sei er in dieser Hinsicht auch sehr unzufrieden. Er wolle in der Partei bleiben, er liebe diese Partei und viele Menschen in ihr, ihre „großartige Geschichte“, aber den „Zerstörungskurs für unsere Partei und Deutschland“ könne er einfach nicht mehr mitmachen. Er wolle nun zum letzten Mittel greifen und werde das nächste mal AfD wählen. Für ein längeres Gespräch – der Genosse war furchtbar traurig darüber und hätte es verdient gehabt, ihn länger anzuhören und auch, dass das man das anders auffängt, zumindest Optionen aufzeigt – blieb leider kein Raum

Als Vorreiter einer ganzen Gruppe baute sich ein junger, sehr großer Mann, vielleicht Student, vor mir auf. Wahrscheinlich autochthon und eher links orientiert wie im Gespräch aufschien, Anfang 20. Er meinte, ich solle mein Plakat herunternehmen, denn ich würde Muslime beleidigen. Ich erläuterte, dass es nur um den Islamismus, eine eher politische Ideologie ginge. Ha, meinte er, dann sei das ja ganz falsch. Wie das denn politisch sein könne oder gar schlecht? Ich verstand nicht. Er redete weiter und nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass er „Ideal“ und „Ideologie“ verwechselte. Leider verstand er das nun wiederum nicht. Kommt ja selten vor: Aber da konnte man nur aufgeben. Ich empfahl erst einmal die Wikipedia.

Ein Mann, der in einem Brennpunkt in Frankfurt in der Flüchtlingsarbeit aktiv ist, berichtete Verschiedenes. Er erlebe zwar einige schöne und mutmachende Dinge, aber auch so viel Erschreckendes und Befremdliches, dass er gar nicht wisse, wohin damit. Er fühle sich als Aktiver mit diesen Bildern und Erlebnissen ziemlich allein gelassen. Diese Eindrücke seien für ihn um so schlimmer, als er demokratisch denke und ein freundliches und tolerantes Menschenbild habe. Dieses nehme derzeit zunehmend Schaden. Das wolle er nicht, aber er sei mit Realitäten konfrontiert, die er weder verleugnen könne noch vertragen.

Auch wenn das Thema manche mittlerweile anödet: Wir als Gesellschaft müssen doch noch mehr und zwar vor Ort, dort, wo die Probleme vorliegen, darüber sprechen. Das ist alternativlos.

5 Gedanken zu „Mahnwache vom 13.02.2016

  1. Fuehlte sich niemand vom Westen an Putin verraten und war keiner beleidigt, dass der Westen die Responsibiltiy to protect de facto fuer die Problem-Sunniten fallengelassen hat ?

    Vor Ort sollen sie Sunniten einen ziemlichen Brast auf den Westen deswegen* entwickeln und die grievance-Versteher warnen vor weiteren massenhaften Radikalisierungsschueben.

    *Brast tatsaechlich wegen erkennbar mangelder Bereitschaft des Westens, einen Dritten Weltkrieg gegen Russland um des Wohlbehagens der levantinischen Sunniten willen zu fuehren.

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    • Der Brast auf den Westen wegen versäumter ‚Responsibiltiy to protect‘ hält sich bei den Islamisten sicher in Grenzen – es wäre gegen einen wesentlichen Bestandteil der Ideologie.
      2013 als der Westen kurz vor der Intervention stand, da war auf der Islamistenseite die Rede, dass es eigentlich gegen sie ginge, wenn eingegriffen würde, aber am Ende haben die USA sich ja anders entschieden. Bei der FSA und der demokratischen Opposition allerdings schon, da wird es Enttäuschung über den Westen geben.

      Den Radikalisierungsschub bei den Islamisten wird es trotzdem geben, weil es den Brast gibt, und als Feindbild fungiert jetzt „die Großmächte“ statt nur „die USA“.
      Zwar hat das russische Eingreifen einen Stillstand aufgebrochen und das Fenster für Verhandlungen geöffnet (wie der General Kujat das klar dargestellt hat), aber leider haben die Russen es versäumt, sich und ihrem Schützling Assad Grenzen zu setzen, damit es zu einem Ausgleich kommen kann. Spätestens vor den Verhandlungen Genf III Anfang des Monats hätten sie dafür Signale setzen müssen.
      Dieser Krieg ist noch nicht zu Ende.

      Die Unwissenheit der jungen Menschen auf der Strasse lässt noch nicht mal hoffen, dass Radikalisierungs- und Polarisierungs-Druck an ihnen vorbeigehen.

      Deshalb: gute Aktion, diese Mahnwache.

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  2. Nein – so weit in die aktuelle Weltpolitik ging es nicht. Es sind meist eher diffuse, grundsätzliche Haltungen, die vorgebracht werden. Es sind häufig Jüngere, die stehenbleiben und diskutieren. Wenn ich schätzen müsste: Sicher 70-80 % unter 30, die etwas vorbringen, d.h. auf 4 jüngere Personen kommt eine ältere. Auch deshalb schreibe ich häufig, von welcher Altersgruppe etwas kommt. Wir haben häufig Mansours „Generation Allah“ im konfrontativen Gespräch.

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  3. „2014“ – Datum-Panne in Titelzeile sehe ich gerade …

    Vielen Dank für den Hinweis zur Altersstruktur. Die Weltpolitik wird die – und uns alle- einholen:

    “#Turkey PM @Ahmet_Davutoglu likens #Russia actions in #Syria to the Siege of Ochakov (Özi) by Russia in 1789 when all Turks were massacred”

    Mit ggfs. ökumenisch kontroversem Abendland 2.0-Bildchen.

    Belagerung von Özi;steht in keinem Schulbuch, obwohl eine Sophia von Anhalt-Zerbst damals den Osmanen einige Gegenden – übrigens nahe den Latifundien von Trotzkis Familie – im sog. Russisch-Österreichischen Türkenkrieg von 1787-1792 geklaut. Und die Krim. Heute will Erdogan, dass die NATO seinen Arsch (arab. Thron) rettet. Wird sie aber wohl nicht und statt dessen lieber den Bach runter gehen.

    Hat ein todayszamancom-Kolumnist (also wohl frustrierter Gülen-Schüler) drauf aufmerksam gemacht.

    Gerade über solche Kalamitäten erfährt man kaum was aus der „Gelben Lügenpresse“; ein historisch-kritisch korrekter Ausdruck aus den Fünfzigern von Stalin-Entronnenen über Glaube&Unglaube im Westen.

    Der Preis für die post-kolonia/moderne westliche Multi-Permissivität ist, dass unter all den Europa-Erpressern auf einmal Putin durchstartet – und das rasende Hoffnungskind Islamo-Erdogan:
    mitsamt der Türkei, der NATO und what have you – leider auf der Strecke bleiben wird.

    Für Mansours “Generation Allah” wird es noch einiges zu interpretieren geben.

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