Münster: Der „andere“ Terrorismus

Das Bekanntwerden einer Rede im Münsteraner Imam-Mahdi-Zentrum hatte am Donnerstag für einiges Aufsehen gesorgt. Die Rede vom Dezember letzten Jahres ist jedoch nur ein Teil, der unfreiwillig offenbar wurde. Ein Mitglied des Münsteraner Integrationsrats hat daraufhin die Äußerungen relativiert. Die Aktivitäten dieses Gemeindemitglieds lassen auch Vorkommnisse bei den letztjährigen „Wochen gegen Rassismus“ in einem neuen Licht erscheinen. 

Wie bereits berichtet, hielt im Imam-Mahdi-Zentrum in Münster-Hiltrup im vergangenen Dezember ein Mann eine radikale Rede. In einem Video, das damals aufgezeichnet wurde, sagt er vor Gläubigen unter anderem: „Man wirft uns vor, Terroristen zu sein – wir sind stolz auf Terrorismus.“ Das in Washington ansässige Middle East Media Research Institute (MEMRI) hatte den Inhalt des Videos ins Englische übersetzt. Am Donnerstag wurde dies auch von der Jerusalem Post aufgegriffen, die dabei von einem „schockierenden Video“ aus Münster sprach.

Am Freitag sagte eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums auf Nachfrage der Allgemeinen Zeitung (AZ), dass das Video der Polizei Münster vor der Presseberichterstattung nicht bekannt gewesen sei. Sofort eingeleitete Ermittlungen hätten ergeben, dass das Video tatsächlich im Imam-Mahdi-Zentrum aufgenommen wurde. Bei der im Video zu sehenden Person soll es sich um ein 36-jähriges Gemeindemitglied gehandelt haben. Die Polizei Münster habe den Sachverhalt daraufhin der Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf zu einer strafrechtlichen Beurteilung vorgetragen. Diese erkenne jedoch nach einer ersten vorläufigen Bewertung keine strafrechtliche Relevanz, sagte die Sprecherin des Ministeriums.

Das Imam-Mahdi-Zentrum in Münster ist seit mehr als 20 Jahren unter Beobachtung des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes. Die Einrichtung sei eine „Plattform und Begegnungsstätte“ von Anhängern der Hizbollah und damit für den schiitischen Extremismus in Nordrhein-Westfalen und im Westen Deutschlands, so das Landesinnenministerium. In Israel, Kanada, den USA sowie den Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga ist die Hizbollah als Terror-Organisation eingestuft. In Deutschland wird sie jedoch nur beobachtet. Auf die Frage der Jerusalem Post nach einem Verbot der Hizbollah verwies der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) im September 2018 auf eine frühere Aussage des Landesinnenministers, nach der ein solches Verbot entsprechende finanzielle Unterstützung voraussetze.

„Wir haben eine andere Definition von Terrorismus als Sie“

„Wenn einer aus der Reihe tanzt, heißt das nicht, dass alle Gläubigen so denken“, sagte ein Gemeindemitglied, das früher im Vorstand des Imam-Mahdi-Zentrums war, am Freitag der Allgemeinen Zeitung zu dem Video. Die Moschee sei „eine friedliche Einrichtung“, sagte der namentlich nicht genannte Mann weiter. Zu dem Bekenntnis „Wir sind stolz auf Terrorismus“ sagte der Mann, der seit 2014 dem Integrationsrat in Münster angehört: „Wir haben eine andere Definition von Terrorismus als Sie.“ Was konkret er damit meinte, blieb jedoch im Unklaren.

In dem Integrationsrat Münster finden sich nur zwei Personen aus dem Libanon; Tamara Sobhi Majed und Abdul Amir Sleiman. Letzterer ist nicht nur Mitglied im Integrationsrat, sondern auch Erster Vorsitzender des „Verbands muslimischer Familien und Partnerschaften Münster e. V“ und Erster Vorsitzender des Vereins „Münster – Eine Welt ohne Grenzen“. Beide Vereine wurden mit derselben Schriftführerin gegründet, Natalie Eichner*, derselben Vertretungsregelung und mit Satzungserstellung am selben Tag, dem 23. April 2015, wenn auch mit unterschiedlichen Eintragungsdaten im Vereinsregister (Juni und September 2015). Der „Welt-ohne-Grenzen“-Verein will eine „Beratungsstelle“ unterhalten, die jedoch seit Jahren nicht mehr in Erscheinung tritt: Es existiert lediglich eine Facebook-Seite des Vereins, die dort angegebene Internetseite ist jedoch nicht aufzufinden. Auf der Facebook-Seite stammen die letzten Einträge vom April 2017, als unter anderem eine Podiumsdiskussion mit einigen Gästen der lokalen Politik veranstaltet wurde. Eichner sitzt ebenfalls im Integrationsrat der Stadt Münster; dort wird sie als Russin bezeichnet. So weit die Betätigungen des Integrationsbeirats Sleiman, die in der Stadtgesellschaft präsenter sind.

Lehrer am Imam-Madhi-Zentrum

Bei genauerer Betrachtung trat Sleiman in der Vergangenheit als Lehrer des Imam-Madhi-Zentrums auf: „Abdul-Amir Sleiman, Lehrer am Zentrum, sieht Probleme für die zukünftigen muslimischen Generationen, die sich im Alltag vielen Herausforderungen stellen müssten: ‚Viele Jugendliche sind besorgt, da sie sich oft durch die Gesellschaft oder die Behörden ausgeschlossen fühlen.’“

Diese Stellungnahme gab er anlässlich eines „Symposiums ‚Deutsche Muslime und die täglichen Herausforderungen‘ am Imam-Mahdi-Zentrum“. Ob die zur Veranstaltung eingeladenen Politiker auch tatsächlich kamen, geht aus dem Beitrag nicht hervor. Interessant ist auch, dass in der Berichterstattung zur Veranstaltung in den Westfälischen Nachrichten die Zuordnung des Zentrums unterbleibt. Eine Nachfrage beim Landesverfassungsschutz scheint die Zeitung unterlassen zu haben.

Israelfeindliche Hetzreden

Aktueller sind jedoch Vorgänge aus dem letzten Jahr, die nicht nur Sleimans und Eichners Verein betreffen, sondern auch eine Veranstaltung bei den Münsteraner „Wochen gegen Rassismus“. Anlässlich dieser Aktion lud der Verein „Münster – Eine Welt ohne Grenzen“ einen Referenten in die örtliche Volkshochschule. Der Münsteraner Grünen-Politiker Stephan Orth hatte daran teilgenommen und wurde am 17. März 2018 Zeuge eines Videos aus dem Imam-Mahdi-Zentrum sowie von allerlei Hetzreden: „Verwundert nahm er zur Kenntnis, dass zunächst ein Video-Interview mit einem Imam des Hiltruper Imam-Mahdi-Zentrums gezeigt wurde, das seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Sein Unbehagen wuchs, als der Referent die Scharia als ‚Regelwerk der Freiheiten‘ lobte und einen ironischen Seitenhieb auf das ‚christlich-jüdische Abendland‘ machte. Orth recherchierte später im Internet – und war nach eigenen Angaben ‚geschockt‘. Der Referent verharmlose dort die als radikal geltende Hizbollah, sei offen israelfeindlich und leugne Antisemitismus, sagt Orth, der bei der Polizei Anzeige erstattet hat.

Die Nachfrage zu den Vorgängen blieb nicht ohne Widerhall im Integrationsrat: „Das Gremium selbst hatte zwar mit dem Vortrag nichts zu tun. Zwei seiner Mitglieder gehören jedoch dem Verein ‚Münster – Eine Welt ohne Grenzen‘ an, der die Vortragsveranstaltung organisiert hatte. […] Integrationsratsmitglied Abdul Amir Sleiman vom Verein ‚Münster – Eine Welt ohne Grenzen‘ reagierte aufgewühlt auf die Nachfrage. Zunächst stellte er klar, dass er die Vortragsveranstaltung – anders als von Kattentidt [der nachfragende Grünen-Ratsherr, Anm. d. Autorin] angedeutet – nicht im Namen des Integrationsrates angemeldet habe.[…] Den Referenten habe er zufällig bei einer anderen Veranstaltung kennengelernt, auf der dieser ‚einen ganz tollen Vortrag‘ gehalten habe. Zu einem Facebook-Posting des Referenten, in dem ‚Zehn Gründe für den Untergang Israels‘ aufgezählt, sagte Sleiman: ‚Dabei handelt es sich um einen Artikel, der im Spiegel veröffentlicht wurde. […] Er habe mit dem Vortrag etwas Gutes machen wollen, so Sleiman.“

Belegbild: Veranstaltung im Rahmen der "Wochen gegen Rassismus", Münter 2018, private Aufnahme

Belegbild: Veranstaltung im Rahmen der „Wochen gegen Rassismus“, links Abdul Amir Sleiman, rechts der Referent Ali Chaukair, Münster 2018, private Aufnahme

Der Referent, mit dem Sleiman „etwas Gutes“ bewirken wollte, war laut eines Veranstaltungsbesuchers, der der Autorin bekannt ist, der Rechtsanwalt Ali Chaukair aus Delmenhorst (siehe Belegbild). Chaukair schreibt auf dem einschlägig bekannten Portal „Offenkundiges“ der Familie Özoguz** und ist auch als Beitragender benannt. Einen Eindruck der zugrundeliegende Geisteshaltung mag dieser Beitrag geben, in dem sich Chaukair über die „zionistische Hetze“ der BILD beklagt.

Dem Portal „Muslim-Markt“ der Gebrüder Özoguz gab Chaukair im April letzten Jahres ein Interview. Darin wird deutlich, dass der libanesischstämmige Chaukair auch das Kinderkopftuch gutheißt. Auf seinem Twitter-Account, der voller fanatischer Beiträge ist, bezeichnet er sich als „lawyer & islamic activist“. Es finden sich Tweets mit weiterverbreiteten Hizbollah-Sichten, mit Bewunderndem zu Chamenei, mit Hasserfülltem zu Israel und viele Posts, die eine beträchtliche Verachtung für Politiker und dieses Land nahelegen, das ihm, dessen Eltern 1988 einwanderten, alle Chancen bot. Vorträge, von denen Sleiman einen „zufällig“  verfolgt haben will, hält Chaukair auf den einschlägigen Portalen. Ansonsten findet sich jedoch kein Hinweis auf öffentliche Vorträge.

Im Verein „Der islamische Weg“ (Die Feder) der Brüder Özoguz engagierte er sich nach dieser Quelle (von 2012, mit abenteuerlichen Verschwörungstheorien zu Medien und Wirtschaft):

Noch bis Mitte letzten Jahres war Chaukair auf Seiten der IGS als Jugendauftragter benannt. Diese Namen wurden mittlerweile gelöscht, so dass die Angaben dem Webarchiv entnommen sind. Ende 2017 rief er zur Teilnahme am israelfeindlichen Quds-Tag auf.

Sleiman, als Lehrer des Imam-Mahdi-Zentrums, und Chaukair, als Delmenhorster Aktivist, gehören offenbar demselben schiitischen Netzwerk an. Beide stammen aus dem Libanon. Zufällig erscheint da gar nichts. Sondern das erscheint eher als der Versuch, in der Deckung der „Wochen gegen Rassismus“ höchst problematische Inhalte zu verbreiten. Insofern erscheinen auch die „Erklärungen“ des „Gemeindemitglieds“ des Imam-Mahdi-Zentrums unter dem Licht der Kenntnis dieser Hintergründe als Ablenkungsversuch. Das „andere Verständnis“ von Terrorismus ist jenes, das in diesem Netzwerk überall aufscheint. Es ist die Vorstellung, dass der Westen „Staatsterror“ verübt, wohingegen die schiitischen Extremisten, jene also, die den Untergang Israels wollen und oft genug den Tod von Juden dazu, die Leuchttürme der Aufklärung und des einzig wahren Glaubens sind.

 

*
Natalie Eichner in der Kurzvorstellung des Vereins „Münster – eine Welt ohne Grenzen“:

Natalie Eichner unterhält wohl eine Einrichtung zur Jugendbildung.

Und wohl bei gleicher Gelegenheit aufgenommen und am selben Tag veröffentlicht:

Befremdlich ist an diesem Punkt auch, dass die Zeitung Münster ein Video veröffentlicht mit einem ausschließlich in arabisch gehaltenen Redebeitrag.

**
Zu diesem Portal siehe den Blogbeitrag „Delmenhorst – Teheran und zurück“

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