Schöne Landschaft mit viel Blut

Prozessauftakt Aria L. am OLG Frankfurt

Der Offenbacher Aria L. wurde letzten Oktober in seiner Heimatstadt in Haft genommen:

https://vunv1863.wordpress.com/2015/10/15/offenbacher-syrien-rueckkehrer-festgenommen/

Heute nun begann an der Staatsschutzkammer der Oberlandesgerichts Frankfurt seine Verhandlung. Vor zwanzig Zuschauern und der Presse verkünden Angeklagter und Rechtsbeistand, dass der Angeklagte sich einlassen werde; Aria L. ist teilgeständig: Reise und Fotos werden eingeräumt, Kriegsverbrechen nicht. Den anwesenden Bernhard Falk wird die Auskunftsaussicht nicht gefreut haben; weiß man doch nie, was alles aufs Tapet kommt und wie geschickt sich der nach wie vor gläubige und praktizierende „Bruder“ bei Nachfragen verhalten mag.

Aria L. ist ein kleiner junger Mann, dem die vielen Stunden Kraftsport deutlich anzusehen sind. Sein weißes Shirt mit aufgedrucktem Lorbeerkranz spannt sich an den Armen und der Brust. Der kurze Bart ist peinlich genau in Form gebracht. Es wird offensichtlich Wert gelegt auf einen speziellen Chic. Seine Familie kam in den 90er Jahren aus dem Iran. Warum, weiß er auf Nachfrage des Richters jedoch nicht. Seine Familie scheint ihm fremd. Es stellt sich der Eindruck ein, dass in der Familie wenig geredet wurde. Vielleicht waren die Eltern sehr beschäftigt damit, sich und ihren zwei hier geborenen Söhnen im neuen Land eine Existenz aufzubauen. Sie sind jetzt geschieden, Aria L. lebte lange bei der Mutter, hat aber auch noch Kontakt zum Vater. Dieser sei praktizierender Muslim, meint er, während die Mutter eine „Ungläubige“ sei. Den Weg ihres Sohnes, der heute auf die Anklagebank führte, haben sie wohl versucht, aufzuhalten. Sie versuchten an verschiedenen Punkten, noch eine Wende zu bewirken. Was der junge Mann mit seinem Leben vorhatte, wird auch nach mehreren Nachfragen des Richters nicht klar. Eine häufige Antwort ist „halt das Übliche, dies, das“.

Vedat Var 160503

Die Schulkarriere ist von Brüchen durchsetzt. Erst auf dem Gymnasium, kam er dann auf die Realschule. Es reichte dann doch nur zum qualifizierten Hauptschulabschluß. Er schiebt es auf seine Faulheit. Nach dem Hauptschulabschluß mit 18 habe er sich zwar ein wenig beworben, aber nicht die Hilfe des Jobcenters in Anspruch genommen. Eine Arbeit habe er jedoch nur einmal einen Monat in einem Fitness-Studio ausgeübt. Offiziell hat er wohl bei und von der Mutter mitgelebt. Was er noch machte, um an „Taschengeld“ zu kommen, das er für das von ihm eingeräumte starke Kiffen und Rauchen sowie die Markenklamotten brauchte, bleibt im Dunklen. Eine diesbezügliche Frage des Richters bleibt unbeantwortet. Die Frage, woher er das Geld für eine Mekka-Reise hatte, wird erst gar nicht gestellt. Später will er von Kumpanen, er nennt sie „Jungs“, 5000 Euro erhalten haben für die Reise nach Syrien. Aus seinen Voreinträgen im Strafregister wird jedoch deutlich, dass nicht das erste Mal gegen ihn ermittelt wurde. Die abgeurteilten Taten gehen von Fahren ohne Führerschein über Urkundenfälschung bis hin zu Einbruch und Körperverletzung. Aus einer Nachfrage des Gerichts ergibt sich, dass die Körperverletzung bei seiner Freundin erfolgte, die er zum Tragen des Kopftuchs nötigen wollte. Ob das Paar nach islamischem Ritus getraut wurde, bleibt unklar. Sven Lau, zu dem Aria L. häufiger Kontakt hatte, sollte so etwas angeregt haben.

Ein prägendes Erlebnis scheint eine körperliche Auseinandersetzung gewesen zu sein, bei der er unterlag. Fortan beschloß er, aus dem „kleinen, dünnen“ Jungen einen Mann zu machen, der physisch abschreckt. Ein Fitness-Studio in der Hanauer Landstraße, „Spirit“, schien ihm der geeignete Ort, um diesem Ziel näher zu kommen. Dort seien viele sehr gläubige „Brüder“ hingegangen. Einer von ihnen, ein italienischstämmiger Konvertit habe ihn da angesprochen. Er habe einmal einen Koran und das Buch „Botschaft des Islams“ ihm in den Spind gelegt. Er habe das Buch rasch durchgelesen, bis auf die letzten 15 Seiten. In diesem Buch habe er viele für sich wichtige Inhalte gefunden, „viele Sachen hätten auf ihn zugetroffen“. Er habe dann zu praktizieren begonnen, habe Pierre Vogel Videos geschaut. Er geht in die Mevlana-Moschee in Offenbach und „die an die an der Uni in Offenbach“*. In diese Zeit fallen Streitigkeiten in der Familie. Streit mit der Mutter wegen des neuen Freundes, mit der Freundin. Er sei ein Mensch, sagt er, der alles gerne unter Kontrolle behalte. Diese Kontrolle schien bei Mutter und Freundin nicht so zu funktionieren, wie er sich das wünschte. Auch hatte er, nachdem die Mutter einen neuen Lebensgefährten gefunden hatte, den Eindruck, dass er nun „weg müsse“. Ahnungen, dass Aria L. sich radikalisiere, muss es gegeben haben; sein Ausweis war einmal eingezogen worden. Er beginnt, Videos von Bombadierungen und andere Informationen aus Syrien zu konsumieren. Nächtelang habe er mit einem bereits in Syrien aktiven Kämpfer, einem „Ali“ geskyped, den er in der Verhandlung ein wenig wie sein Vorbild beschreibt: „1,90 breit, braungebrannt, grüne Augen, gut aussehend für einen Mann“. Ali macht Eindruck auf Aria L. Auch sein bester Freund ist zu dieser Zeit schon in Syrien. Er habe helfen wollen und damit begonnen, „Klamotten zu sammeln“. Leider unterbricht das Gericht seine Ausführungen an dieser Stelle, „gesammelte Klamotten“ fallen auf, wenn man noch bei der Mutter wohnt. Die Frage, wo er das tat, vielleicht für einen Hilfsverein sammelte, bleibt so ungestellt.

Kurz vor seinem zweiten Anlauf zum Realschulabschluß verlässt er das Land über Luxemburg und die Türkei nach Syrien. Seine zwei Koffer, die er mit auf die Reise nach Syrien nahm, will er zu „90 % mit Klamotten für die Notleidenden“ gefüllt haben.

Angekommen in der Türkei muss er auf einen Schleuser warten, bei dem er auch einige Tage wohnt. Dessen Sohn habe mitgeteilt, da war Vedat V. schon da, dass an seiner Schulen Enthauptete liegen würden. Vedat V. ist ein gesondert verfolgter junger Mann aus Frankfurt, dessen Geschichte als die des „Caritas-Islamisten“ durch die Medien ging. Man sei hin, um „sich das anzusehen“. Gegen seinen Willen, sagt er, sei er zu belastenden Fotos genötigt worden. „Wenn Vedat das sagte, musste man das machen“. Nachfragen des Gerichts, dass man das mitnichten müsse, beantwortet der Angeklagte mit, man müsse das verstehen: Er habe dort nur Vedat V. gehabt, mit dem er habe reden können. Später wohnt er bei Vedat V. Es wird nicht ganz klar, ob man sich schon aus Frankfurter Tagen näher kennt oder ob er dies nur nicht so genau ausführen möchte. Den Freund auf jeden Fall trifft er nicht mehr lebend an; der erste Tote, den er sieht, ist sein Freund in einem Leichensack in einem Transporter, den Vedat V. zurück fährt. Vedat V. sei abgekämpft gewesen und über und über mit Blut besudelt. Beim Anblick der Leiche und dem Blut sei ihm „klar geworden, dass etwas hier nicht stimmt“.

http://www.deutschlandfunk.de/dschihadismus-jugendlicher-aus-caritas-wg-kaempft-fuer-den.1769.de.html?dram:article_id=301787

Das Gericht wirkt irritiert: „Ihnen muss doch klar gewesen sein, dass sie sich in einen Bürgerkrieg begeben, dass es dort Leichen geben würde?“ Ob Aria L. das wirklich klar war, bleibt seltsam diffus.
3 Wochen habe er bei Vedat V. gewohnt. Welcher Gruppe man denn angehört habe, will das Gericht wissen. Aria L. kann oder will dazu keine Auskunft geben. Vielmehr behauptet er, auch Vedat V. habe mehrfach die Gruppe gewechselt. Genauer wird er kaum; Aria L. spricht von IS und Al Kaida. Er sei sehr abhängig gewesen von Vedat V. Sei aufgestanden, wenn er aufstand, habe alles mitgemacht. Man habe dort nicht viel zu tun gehabt, habe trainiert. Zu diesem Zweck habe er u.a. Box-Handschuhe mitgebracht. Auch Vedat V. sei ja ein trainierter Kraftsportler gewesen. Ausgereist sei er schließlich wieder, weil das „alles doch nicht den Vorstellungen entsprach“. Aria L. bekundete heute, er habe sich geändert.

Als Beweismittel dafür, dass der Angeklagte überzeugter war von seiner speziellen Religionsauslegung und Mission, wird dieses Video, in die Verhandlung eingeführt:

[Das Video ist mit „Ummati qad laha fajrun“ unterlegt. Das allerdings wirft noch einmal ein sehr spezielles Licht auf den Macher des Videos, denn dieses Lied ist quasi eine IS-Hymne: “ The nasheed ends with more praise for those who are sacrificing for the sake of Allah.“

https://syrianewsupdate.wordpress.com/2014/11/18/top-5-jihadi-songs/

Mein Dank gilt einem Hinweisgeber, der darauf aufmerksam machte.]

Der Angeklagte führt dazu aus, es sei „in einer Bäckerei am Hauptbahnhof“ aufgenommen worden. Die Frage, wer im Video mit zu sehen ist, wer das Interview mit ihm führte (der Frankfurter Aktivist Bilal Gümüs), will er nicht beantworten. Auf jeden Fall stimmen einige Angaben aus dem Video nicht ganz mit denen überein, die heute im Prozeß bekannt wurden. Er erwähnt im Video, dass er „Geld gemacht“ habe, wovon er zweimal in Urlaub gefahren sei. Der eine Monat Arbeit im Fitness-Studio ist damit wohl nicht gemeint.

Aria L. wurden danach noch etliche Fotos vorgehalten, die ihn in Syrien zeigen. Mit Waffen, in martialischer Aufmachung. Gefragt, warum er denn diese Fotos habe machen lassen, wenn ihm dies alles doch zuwider sei, meinte er: „Die Landschaft war so schön.“ Der vorsitzende Richter kommentierte: „Aber die AK 47 ist häßlich.“

Morgen wird fortgesetzt.

 

* Gemeint ist wohl die Einrichtung im Französischen Gäßchen in Offenbach.

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