Muslimische Wohlfahrt

Seit einiger Zeit werden Gespräche darüber geführt, ob es – ähnlich wie die Caritas oder die Arbeiterwohlfahrt – auch explizit muslimisch geführte Wohlfahrtsverbände geben solle. Sicherlich steht es jedem frei, was auch immer zu gründen. Bei diesem Ansinnen wird gerne vorgehalten, man wolle mit den christlich geprägten Verbänden gleichziehen. Am stärksten voran getrieben wird das Anliegen von den konservativen Verbänden und einzelnen Akteuren, die auf den ersten Blick nicht, oft jedoch auf den zweiten Blick hin einer bestimmten Gruppierung zuzuordnen sind. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Arbeit von AWO und auch der Caritas & Co in den Bereichen, in denen alle Menschen von ihren Angeboten profitieren, eben nicht demonstrativ religionsgebunden ist.

Auf einer Veranstaltung letzten März in Wiesbaden* waren allerlei Stellungnahmen zu hören und zu lesen. Von Personen und Einrichtungen, die muslimbrudernah sind, den Ahmadiyya angehören oder die sich in der Vergangenheit nicht von den Grauen Wölfen distanzieren mochten (neben etlichen anderen natürlich). Es ist schon denkwürdig, welche Gruppierungen sich in diesem Kontext zu Wort melden. Es scheint, es ginge weniger darum, dass muslimische Mitbürger gut gepflegt und versorgt werden, denn darum, ein möglichst großes Stück von einem imaginierten, riesigen Fördermittelkuchen unter dem milden Schleier der Wohltätigkeit für die eigene Lobbyarbeit zu ergattern. Zwei Vortragende, einer aus dem Hessischen Sozialministerium, einer vom Hessischen Städtetag, brachten es etwas ungläubig auf den Punkt: Man müsse sich doch darüber im Klaren sein, dass „der Kuchen nicht größer werde“. Das war einigen anwesenden Lobbyisten jedoch erkennbar zweitrangig. Es schien nicht um die Versorgungsqualität zu gehen (vielerorts wird nebenbei auf etliche gesonderte Wünsche schon eingegangen, beim Essen, bei der Pflege, in der Seelsorge), sondern darum, dass den „eigenen“ Vereinen Gelder zugewiesen werden können.

Aus der Überlegung, dass mit jeden neuen Verband ein weiterer Verwaltungsapparat notwendig ist, sich die Zahl der Beitragszahler aber nicht erhöht, bleibt die Schlussfolgerung, dass alleine das die zur Verfügung stehende Summe reduziert. Man kann weiterhin ahnen, dass fundamentalistische Kreise die anteiligen Gelder der muslimischen Beitragenden sozusagen systematisch heraus ziehen möchten und natürlich parallel möglichst viel aus der öffentlichen Hand in eine Parallelwirtschaft pumpen möchten (was man aber nicht allen Akteuren zuordnen kann). Das, was als Integration verkauft wird, dient in Wahrheit der Segregation, immer weitere Bereiche sollen aus dem relativ religionsfreien Raum in den religiösen gezogen werden. Sowohl der bpb als auch der LAB, die mit organisierten, schien das nicht recht klar. Ob es ihnen heute klarer ist, darf bezweifelt werden.

Dass muslimische Pflege z.B. von alleine wohl nicht sehr stark nachgefragt wird, zeigt ein Frankfurter Beispiel. Der „Grüne Halbmond e.V.“, nah am vom Verfassungsschutz beobachteten I.I.S. (und ebenfalls im untern erwähnten DIV e.V.), ist zwar mittlerweile eine gGmbH. Die letzten pflichtveröffentlichten Bilanzen hier, 2009:

 

Grüner Halbmond Bilanz 2009 160727

Screenshot Bundesanzeiger 27.07.2016

und Geschäftsjahr 2010:

Grüner Halbmond Bilanz 2010 160727

Screenshot Bundesanzeiger 27.072016

 

Danach gab es eine Gesetzesänderung, wonach die Bilanzen für sog. Kleinst-GmbH nicht mehr veröffentlicht, sondern nur noch hinterlegt werden müssen (sie liegen aber beim Registergericht vor).

Öffentlich einsehbar ist aber eine nach einer Woche zurückgezogene Sicherungsmaßnahme aus 2013:

Grüner Halbmond Sicherung VR 160727

Ob es dem Grünen Halbmond mittlerweile besser geht finanziell, wäre zu eruieren. Es gibt ihn ja seit vielen Jahren. Anlaufschwierigkeiten alleine können nicht sein, auch nicht die mangelnde Vernetzung (die wirklich exquisit ist). Anhand obiger Zahlen aber zeigt sich schon: Wenn in einer Stadt wie Frankfurt die Nachfrage nach spezifisch muslimischer Pflege derart gering ist, wo sonst wohl sollte das wirtschaftlich funktionieren ohne dauernde Zuschüsse?

Wahrscheinlich hat man deshalb grünere Weiden im Blick. Jugendarbeit z.B., in der man – z.B. aus dem Programm „Demokatie leben!“ und aus vielen anderen Fördermitteltöpfen – Gelder ziehen kann. Bund, Land und Kommune sind sichere Zahler und Nachfrager, wenn man ihnen Bedarf von jungen Menschen nur ordentlich glaubhaft macht oder er sich (Prävention!) unmittelbar erschließt. Auch hier wieder exemplarisch Frankfurt:

Vor einiger Zeit gab der Düsseldorfer Sozialpädagoge Samy Charchira im Rahmen von Veranstaltungen dem Deutsch-islamischen Vereinsverband e.V. Hinweise und Ratschläge, wie man sich als Träger und damit Fördermittelempfänger positionieren könne:

2014 (in der Muslimbruder-Einrichtung EIHW):

http://www.div-rm.de/div-seminar-vom-mso-zum-traeger-sozialer-arbeit/

2015:

http://www.div-rm.de/div-hielt-seminar-zur-wohlfahrtsarbeit-in-darmstadt/

Schon 2014 hatte Charchira dargelegt:

Der Bundesstaat ist zur Gleichbehandlung der Religionen verpflichtet und kann sich einen islamischen Wohlfahrtsverband ohne weiteres vorstellen.

https://www.freitag.de/autoren/charchira/islamische-impulse-fuer-den-sozialstaat

Ja, aber keinen islamistischen. Und im Gegensatz zu Herrn Charchira kann der „Bundesstaat“ das auch differenzieren. Nicht immer, aber immer öfter und manchmal später als früher, aber irgendwann. Satzungsänderungen, wie hier beschrieben, also Kosmetik, helfen da nur bedingt:

https://vunv1863.wordpress.com/2016/07/07/schatzsuche/

Wenn der Herr Charchira da nicht differenzieren kann, kann man bei diesem Projekt durchaus Bauchschmerzen bekommen:

http://www.wegweiser-duesseldorf.de/vorstand/

Charchira, der auch im Bundesvorstand des paritätischen Wohlfahrtsverbandes sitzen soll**, arbeitet dort mit Dr. Michael Kiefer zusammen. Charchira kennt den DIV hinsichtlich seiner Mitgliederstruktur, Kiefer sollte ihn auch bestens kennen. Wie solche Fehlurteile zustande kommen ÜBER den DIV, dass man berät, wie man besser an Fördermittel gelangt, anstelle erst einmal die problematischen Mitglieder aus dem Verband auszuschließen, kann man in keiner Weise nachvollziehen.

Projektträger, die selber nicht mehr unterscheiden können, die selber keine Linien mehr ziehen können, sind als Kooperationspartner meiner Ansicht nach definitiv ungeeignet. Sie sollten keine Jugendlichen beraten, es klappt ja nicht einmal bei den Erwachsenen.

Wo man aber hin will von Seiten der sehr konservativen bis hin zu Strukturen mit Extremismusanteil, zeigt dieser Artikel sehr schön auf:

Außerdem könnten die bereits laufende Flüchtlingsarbeit und die Präventionsarbeit zum Schutz der Jugend vor Radikalisierung über einen Wohlfahrtsverband organisiert werden. Auch die Gefängnisseelsorge für Muslime könnte unter das Dach des neuen Verbandes kommen. „Der Bedarf ist da“, sagte der Vorsitzende [hier der Vorsitzende des Landesverbandes Schura in Bremen, Mustafa Yavuz].

http://www.migazin.de/2016/07/01/bremen-muslime-planen-bundesweit-ersten-wohlfahrtsverband/

Sichere Gelder voraus****.

Wenn man also als „Bundesstaat“ nicht nur als Fördermitteltopf gesehen werden will, als Geldgeber, für den man es oberflächlich passend macht, damit die Gelder fließen können, sollte man sehr darauf achten, wer Gelder erhält und wie die Geschichte des jeweiligen Antragsstellers sich darstellt. Über die Zukunft kann man viel „Buntes“ erzählen. Im Konjunktiv ist so manches möglich. Zur Gegenwart kann man „bunte“ Gutachten erhalten, bei denen man immer schauen sollte, wer mit wem und warum. Auch ist mittlerweile bekannt, welche Worte besonders gerne gehört werden von öffentlichen Stellen. Die müssen aber mit der Realität vor Ort nicht so viel zu tun haben. Es geht ja nicht um die Realität. Sondern um Geld.***

 

 

 

 

* Flyer zur Veranstaltung:

http://www.paritaet-hessen.org/fileadmin/redaktion/Texte/News/150314__Flyer_Tagung_Wohlfahrtspflege_web__2_.pdf

** Man sieht ihn hier allerdings nicht (ich bitte um Korrektur, sollte ich mich da verschaut haben):

http://www.der-paritaetische.de/verband/wir-ueber-uns/die-gremien/?layout=baogsfigz

Da ist er aber im Landesverband NRW:

http://www.paritaet-nrw.org/content/ueber_uns/vorstand_und_geschaeftsfuehrung/index_ger.html

*** In einigen Bereichen muss es tatsächlich heißen: Zurück auf null. Da sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass wir als Gemeinwesen einen sehr, sehr langen Atem werden haben müssen, dass mit ein bisschen Projekt hier, Projekt da, sich manche Dinge eben nicht werden nachhaltig angehen lassen, führt nichts an einem Masterplan Integration und einem Masterplan Prävention vorbei. Und hinsichtlich des Wohlfahrtsverbandes sollte man sich besser andere Gesprächspartner holen und nicht die Lobbyisten, die sich mehr und mehr als Problemfälle herausstellen.

**** Sehr erhellend:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2600844/Pflege-auf-muslimisch#/beitrag/video/2600844/Pflege-auf-muslimisch

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